«Mountainbike ist keine Trendsportart mehr»

Im Vorfeld der Moutainbike-EM in Bern spricht der Leistungssportchef von Swiss Cycling über die Perspektiven der Schweizer, jene der Disziplin und die Unterschiede zum Strassenradsport.

Thomas Peter, Leistungssportchef von Swiss Cycling.

Thomas Peter, Leistungssportchef von Swiss Cycling.

Die Tour de Suisse, der erste Höhepunkt im diesjährigen Schweizer Radsportkalender, ist soeben zu Ende gegangen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?Thomas Peter:Es war eine ausgezeichnete Tour de Suisse, die beste seit langem, ein positives Signal für den Schweizer Strassenradsport.

Weshalb? Wegen der hervorragenden Leistungen der Schweizer, aber auch dank der Zuschauer. Ich hatte den Eindruck, dass am Strassenrand wesentlich mehr Leute standen als in den Jahren zuvor.

Die Strategie des BMC-Teams, am Albulapass nicht hundertprozentig auf den Schweizer Leader Mathias Frank zu setzen, wird kontrovers diskutiert. Wie beurteilen Sie den Fall? Es ist legitim, wenn internationale Teams wie BMC auf jenen Mann setzen, dem sie am meisten zutrauen. Natürlich ist es schön, als Schweizer Tour-de-Suisse-Leader zu sein. Aber einen geschützten Status aus patriotischen Gründen fände ich nicht richtig. Ich sehe an dieser Taktik nichts Negatives.

Der zweite Höhepunkt in erwähntem Kalender, die Mountainbike-EM in Bern, beginnt am Donnerstag. Was erhoffen Sie sich von den Titelkämpfen? Spannende Rennen und viele Zuschauer – sowohl in der Stadt als auch auf dem Gurten. Das Programm ist abwechslungsreich, wir haben mehrere attraktive Wettkampfformen zu bieten.

Was darf man von den Schweizer Teilnehmern erwarten? Es ist schwierig zu sagen, wir sind mit einer EM-Medaille zufrieden, wenn man das WM-Podest gefüllt hat (schmunzelt). Angesichts der bisherigen Leistungen darf man zumindest hoffen, dass Nino Schurter den Titel gewinnt. Und ich wünschte mir ein gutes Ergebnis im Teamwettkampf...

...in dem Schurter überraschend mitfährt... ...unter der Bedingung, dass wir das bestmögliche Team zusammenstellen. Seine Zusage ist ein schönes Zeichen und keineswegs selbstverständlich. Er hätte auch sagen können, er riskiere nichts und konzentriere sich auf sein Einzelrennen.

Welchen Stellenwert hat der Bikesport für Swiss Cycling? Es handelt sich um eine von vier olympischen Disziplinen. Wir versuchen, diese nicht zu werten, weil jede in ihrer Funktion wichtig ist. Aber klar, in der öffentlichen Wahrnehmung kommt Mountainbike gleich hinter dem Strassenradsport.

Wie haben sich die beiden Disziplinen in den letzten 10 Jahren entwickelt? Mountainbike ist keine neue Sportart und auch keine Trendsportart mehr. Aber es ist klar, dass sich eine 30-jährige Disziplin deutlich rasanter entwickelt als der über 100-jährige Strassensport. Aus Schweizer Optik lässt sich festhalten, dass sich zuletzt viele Talente für das Bike entschieden haben und uns das vermutlich den einen oder anderen Strassenprofi gekostet hat.

Sie erwähnten vorher die Funktion der vier Disziplinen – was ist darunter zu verstehen? Unser Ausbildungskonzept sieht vor, dass der Einstieg auf dem BMX erfolgt; es handelt sich hierbei um einen Musterweg. Danach kommt die Bahn, gewissermassen als zweiter Teil der Grundlage, oder das Mountainbike. Auf die Strasse gelangt man über die Bahn. Es können aber auch andere Wege zum Ziel führen.

Woran denken Sie? An die Nachwuchsfahrer Tom Bohli und Patrick Müller. Früher sassen sie auf dem Mountainbike, heute gehören sie auf Bahn und Strasse zu den Hoffnungsträgern mit dem grössten Potenzial.

Wie viel brachliegendes Potenzial hat der MTB-Sport noch? Das hängt vom künftigen Olympiaprogramm ab, wir befinden uns an einer Wegscheide.

Wohin führen die möglichen Wege? Eliminator (ein Bewerb im K.o.-System mit jeweils vier Athleten pro Lauf, analog Langlauf-Sprint; die Red.) hat gute Chancen, olympisch zu werden. Sollte dies eintreffen und das IOC die Gesamtzahl der Athleten begrenzen, müssten die Cross-Country-Spezialisten auch Eliminator-Rennen fahren. Andernfalls könnte Eliminator eine starke Disziplin werden – und sogar die Paradedisziplin Cross-Country schwächen.

Wäre dies ein guter Weg? Ich zweifle daran, dass Mountainbike bereits eine Diversifizierung verträgt. Ich würde dazu tendieren, Cross-Country zu stärken. Der Weltcup ist besser als auch schon, aber es gibt immer noch viel Luft nach oben.

Im Weltverband dürfte man das anders sehen. Das ist logisch, die UCI strebt nach höchstmöglicher Fernsehpräsenz. Aber ich glaube, dass viele nationale Verbände nicht die Kraft hätten, hier mitzuziehen. Die Felder würden kleiner, die Leistungsdichte würde tiefer.

Demnach steckt im Bikesport schlicht zu wenig Geld. Die Besten verdienen sehr gut, aber nur wenige Fahrer haben Teams im Rücken, welche einen Weltcup mit Rennen auf vier Kontinenten finanzieren können.

Schurter hat ausser Olympiagold alles gewonnen, was er gewinnen kann. Vergleicht man seinen Bekanntheitsgrad mit jenem Fabian Cancellaras, ist er jedoch eine kleine Nummer. Hat Mountainbike das Potenzial, diese Differenz wettzumachen? Ich glaube nicht, die Tradition überwiegt. (überlegt) Ich war bei der Tour-de-Suisse-Durchfahrt in Sigriswil vor Ort. Obwohl an diesem Tag erst 60 Kilometer gefahren waren, standen die Leute in drei Reihen an der Strasse – und dies trotz der vielen Negativschlagzeilen. Topsportarten lassen sich nicht verdrängen.

Am Sonntag steht ein dritter Höhepunkt an – die Eröffnung des Velodrome Suisse in Grenchen. Welche Perspektiven eröffnet die Anlage Swiss Cycling? Wir haben nun ein Leistungscenter inklusive Eventarena, Geschäftsstelle und Lagerhalle – und das alles unter einem Dach. Die Anlage bietet unglaublich viel, und das spüren wir auch.

In welcher Hinsicht? Die Ausstrahlung der Arena ist gewaltig, vor allem auf Sponsoren, aber auch auf das Bundesamt für Sport und Swiss Olympic. Im Prinzip haben wir nun das, was viele gerne hätten. Es wäre jedoch falsch, aus diesem Grund zu glauben, in einem halben Jahr stünden wir an allen Fronten viel besser da.

Weshalb? Wenn man wie wir aus einem Loch kommt, braucht es sehr viel Aufbauarbeit. Mittel- und langfristig hingegen werden wir von dieser Basis enorm profitieren.

Das Programm der EM finden Sie hier.

Berner Zeitung

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