Fahren, bis E. T. übernimmt

Isabelle Pulver hat als erste Bernerin das Extremradrennen «Race Across America» gewonnen – in 10 Tagen, 21 Stunden und 7 Minuten. Die Ittigerin erzählt von ihrem schwersten Gegner, dem Sekundenschlaf, und wie sie in eine Parallelwelt abdriftete.

Monumentale Naturkulisse: Isabelle Pulver durchquert das Monument Valley an der südlichen Grenze des US-Bundesstaates Utah zu Arizona.

Monumentale Naturkulisse: Isabelle Pulver durchquert das Monument Valley an der südlichen Grenze des US-Bundesstaates Utah zu Arizona.

(Bild: Martin Kuhn/ zvg)

Als die erschöpfte Isabelle Pulver auf ihrem Rad merkt, dass die Augenlider zuklappen wollen, gibt sie ein Zeichen. Aus den Boxen im Begleitfahrzeug tönt zur Motivation und als Weckruf gleichermassen Musik von Marc Trauffer. Der Schweizer Mundartbarde aus dem Berner Oberland singt «D Isabelle het Müeh mit de Chüeh».

45 Grad zeigt das Thermometer in der Wüste zwischen Oceanside (Kalifornien) und Annapolis an der Ostküste der USA an. Die 44 Jahre alte Ittigerin fährt die äusserst beschwerliche Etappe im Rahmen des «Race Across America» (Raam) in einem übermüdeten, tranceähnlichen Zustand. Die Einzelkämpferin befindet sich auf einem der 52 Teilstücke des 4837 Kilometer langen Extremradrennens mit 51000 Höhenmetern.

2 Stunden Schlaf – pro Tag

12 Tage und 21 Stunden beträgt das Zeitlimit. «Das Rennen wird nicht auf dem Velo entschieden, sondern es gewinnt diejenige, welche das Pausenmanagement am besten im Griff hat», erklärt Pulver die gemeingültige Strategie. Neun persönliche Supporter, ein Fahrzeug und ein Wohnmobil begleiten die 64 Kilo schwere und 1,73 Meter grosse Bernerin auf ihrer abenteuerlichen Reise. Kleider, Essen, Ersatzräder, Werkzeuge, Musik – alles ist dabei.

Die Teammitglieder mutieren zu Chauffeuren, Navigatoren, Dokumentalisten und DJs. Am ersten Tag gönnt sich Pulver erst nach 29 Stunden und 700 zurückgelegten Kilometern eine dreistündige Schlafpause. Dann pendelt sich ein Tagesrhythmus ein: 21 Stunden auf dem Rad, 3 Stunden Pause, 2 Stunden Schlaf. In der Nacht darf sie aus Sicherheitsgründen nur im Lichtkegel des Begleitfahrzeugs strampeln. Näher als 100 Meter an die Gegnerinnen heranfahren darf sie nur bei Überholmanövern, Windschattenfahren ist verboten. Sind zwei Kontrahenten gleichauf, dürfen diese höchstens 5 Minuten nebeneinander fahren.

Am sechsten Tag lernt Pulver ihren fortan schwersten Gegner kennen: den Sekundenschlaf. Gezeichnet von den Strapazen, driftet sie in eine Parallelwelt ab. «Nur Athleten haben Zugang zu dieser Welt. Den Teammitgliedern fehlt das Vorstellungsvermögen, welcher Logik wir folgen», erklärt Pulver. Einen Moment lang hat sie Angst, nicht mehr in die Realität zurückzufinden. Es braucht die beruhigenden Worte von Teamchefin und Ärztin Chantal Breitenstein. Sie sagt also: «E.T. bringt dich wieder nach Hause.» E.T. passt in die Szenerie – irgendwie sind Ausserirdische unterwegs.

2 Tage früher im Ziel

Die letzten 200 Kilometer, Pulver führt das Rennen der fünf Einzelfahrerinnen mit einem Vorsprung von über 100 Kilometern auf die zweitplatzierte Kanadierin Joan Deitchman an, fordern der Leaderin alles ab. Die Strecke führt auf einer breiten Autobahn durch die hügeligen Appalachen, ein ständiges Auf und Ab, das Pulver immer wieder zu Powernaps zwingt.

Nach 10 Tagen, 21 Stunden und 7 Minuten überquert die Amateursportlerin in Annapolis, im Bundesstaat Maryland, die Ziellinie. «Ich wollte finishen. Nun bin ich zwei Tage früher als geplant ins Ziel gekommen und habe erst noch gewonnen. Das ist ein fantastisches Gefühl», sagt Pulver nach ihrem Husarenstück. Sie ist nach Trix Zgraggen (2012) die zweite Schweizerin, die das härteste Ultracycling-Rennen der Welt gewonnen hat.

Seit knapp einem Jahr hat sich Pulver auf das Raam vorbereitet. «Ich wollte herausfinden, wo meine Grenzen sind», sagt die Bernerin. Um anzufügen: «Nun weiss ich, dass alles machbar ist. Das Raam-Projekt war eine einzigartige Lebensschule.» Ihr erstes Rennvelo hatte sie erst 2009 gekauft, drei Jahre später feierte sie in der Tortour ihr Debüt in einem mehrtägigen Nonstop-Radrennen. «Ich bin eine Quereinsteigerin. Früher bestritt ich ein paar Skirennen auf FIS-Stufe.»

70000 Franken hat das Projekt von Isabelle Pulver gekostet. Weil Sponsoren nicht die ganze Summe abdeckten, musste die Protagonistin einen Teil selber berappen. Es sollte sich lohnen. Aus den Boxen des Begleitfahrzeugs ertönte auch ein anderes Musikstück – von den Toten Hosen: «An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit».

Berner Zeitung

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