«Die Tour de Suisse reizt mich»

Als weltbester Mountainbiker ist Nino Schurtner der grosse Favorit für den Gewinn des Europameistertitels, der am Sonntag auf dem Gurten vergeben wird. Der Churer spricht über den Unfalltod zweier Berufskollegen und den möglichen Wechsel zum Strassenradsport.

Unzertrennlich: Nino Schurter verbringt viel Zeit auf seiner Rennmaschine. «Ich habe die Fähigkeit, sehr, sehr hart zu trainieren.»

Unzertrennlich: Nino Schurter verbringt viel Zeit auf seiner Rennmaschine. «Ich habe die Fähigkeit, sehr, sehr hart zu trainieren.»

(Bild: Urs Lindt/freshfocus)

Philipp Rindlisbacher

Hand aufs Herz: Alles andere als der Gewinn der EM-Goldmedaille am Sonntag wäre für Sie eine Enttäuschung.Nino Schurter: Auch im Mountainbike ist nicht alles planbar. Aber sicher, mein Ziel ist der Sieg. Die EM ist ein Saisonhöhepunkt. Zu Bern habe ich zudem eine spezielle Beziehung, in Ostermundigen absolvierte ich drei Lehrjahre zum Mediamatiker.

Sie formulieren Ihre Ziele unschweizerisch forsch... ...als Sportler sollte man seine Ziele klar definieren. Und ich finde es nicht falsch, diese dann auch zu kommunizieren. Ich will niemandem etwas vorspielen.

Spüren Sie in diesem Jahr weniger Druck? Ich ging lockerer an die Saison heran, bin weniger verkrampft. Motivation und Ehrgeiz sind so gross wie immer, aber es ist etwas anderes, wenn keine Olympischen Spiele stattfinden.

In London verloren Sie im vergangenen August das Olympiarennen in der letzten Kurve. Haben Sie das mittlerweile verarbeitet? Ich habe schöne Erinnerungen an die Spiele, spreche von einer gewonnenen Silbermedaille. Kurze Zeit nach dem Rennen war das anders, ich spürte eine grosse Enttäuschung. Ich wurde oft auf dieses Rennen angesprochen, offenbar haben es sehr viele Leute verfolgt und mitgelitten. Es ist halt speziell, wenn einer in der letzten Kurve überholt wird.

Befassen Sie sich bereits mit den nächsten Spielen 2016 in Rio? Ja, sie sind mein Antrieb. Für diese Herausforderung bin ich dankbar. Bis 2016 dauert es zwar noch lange. Um mich braucht sich aber niemand zu sorgen; ich habe keine Mühe, neue Reize zu setzen.

Sie sind die Weltnummer 1, Weltmeister, Gesamtweltcupsieger und Olympiamedaillengewinner – dennoch sind Sie weit weniger bekannt als etwa Fabian Cancellara. Stören Sie sich daran? (überlegt) Mountainbiker sind keine Superstars. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, lebe sehr gut davon, kann die ganze Welt bereisen. Das ist doch gut so. Und es hat auch Vorteile, wenn man auf der Strasse nicht ständig erkannt wird. Fabian Cancellara hat sicher weniger Privatsphäre.

In den letzten Monaten sind mit dem Südafrikaner Burry Stander und dem Spanier Inaki Lejaretta zwei Profis bei Trainingsunfällen ums Leben gekommen. Ist der Mountainbikesport gefährlich? Überhaupt nicht. Gefährlich ist es aber, im Verkehr auf der Strasse zu trainieren. Gemäss einer Studie der Suva ist Mountainbike eine der sichersten Sportarten, sogar sicherer als Fischen (lacht).

Das Geschehene stimmt Sie aber schon nachdenklich? Innert kurzer Zeit starben zwei Kollegen – das gab mir schon zu denken. Mir wurde bewusst, wie viel Glück ich im Leben habe. Am Strassenvelo habe ich ein zusätzliches Blinklicht montiert. Ich gehe ohnehin kein übertriebenes Risiko ein. Mountainbiker sind keine Draufgänger.

Der künftige Tour-de-Suisse-Chef Armin Meier liess verlauten, er wolle Nino Schurter am Start der Landesrundfahrt sehen... ...die Tour de Suisse reizt mich. Ich schliesse eine Teilnahme wirklich nicht aus, aber vorerst kommt es noch nicht dazu. Die letzte Tour war aus Schweizer Sicht toll. Gegen Mathias Frank bin ich vor vielen Jahren auch schon gefahren, und ich habe ihn schon geschlagen (lacht).

Mit Cadel Evans und Ryder Hesjedal haben ehemalige Biker grosse Rundfahrten gewonnen. Träumen Sie nicht auch ab und zu von der Tour de France? Ich verfolge die Szene intensiv. Aber für einen Wechsel auf die Strasse müsste ich im Training einiges ändern. Einerseits wäre ich gerne mit dabei, andererseits bin froh, in einer kleineren, sichereren Welt unterwegs zu sein.

Wie meinen Sie das? Es ist traurig, was im Strassenradsport bezüglich Doping alles passiert ist; es ist bedenklich, was im Nachhinein alles ans Licht kommt. Ich hoffe wirklich, dass es besser wird und die Besten nun sauber sind. Die Mountainbikeszene ist kleiner, die Verlockungen sind entsprechend kleiner. Es ist ein sauberer Sport.

Verdienen Sie nicht schlichtweg zu gut, um auf die Strasse zu wechseln? Das ist sicher ein Grund. Ich lebe gut, geniesse es. Ich bleibe aber der bodenständige Biker aus einem kleinen Bergdorf.

Die Schere zwischen Arm und Reich ist gross im Mountainbikesport. Haben Sie Neider? (überlegt) Ich spüre das nicht so direkt. Neider gibt es überall, und ein finanzielles Ungleichgewicht existiert doch in jedem Sport.

Ihr Körperfettanteil beträgt knapp vier Prozent – fällt es Ihnen leicht, seit Jahren auf gewisse Dinge zu verzichten? Nein, aber es ist auch nicht so, dass ich mir nie etwas gönnen würde. Ich habe nun mal die Fähigkeit, sehr, sehr hart zu trainieren. Ich finde es spannend, an Grenzen zu stossen.

Vergangenen Winter bestritten Sie einige Langlaufrennen. Lieben Sie es, sich zu verausgaben? Ich bin ein Wettkampftyp. Mir liegt es, mich zu messen. Ich bin schon gegen Curdin Perl gelaufen, habe von Dario Cologna Ski bekommen. An den letzten Bündner Meisterschaften wurde ich Dritter. Gut, die Konkurrenz war nicht übermächtig (lacht).

Hat die Medaille einen Ehrenplatz bekommen? Nein, aber den haben die anderen Medaillen auch nicht. Einige habe ich verschenkt, andere liegen in der Schublade. Die Olympiamedaille von London ist in einer Vitrine am Klotener Flughafen ausgestellt. Ich mache daraus keine grosse Sache.

Berner Zeitung

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