Am Limit

Der gebirgige Tour-de-Suisse-Parcours, kombiniert mit dem schlechten Wetter, verlangt den Protagonisten alles ab. Die Schlussetappe muss verkürzt werden, Miguel Angel Lopez fährt als erster Kolumbianer zum Gesamtsieg.

Regen und Kälte – vom Prolog bis zur Schlussetappe: Gesamtsieger Miguel Angel Lopez kämpft sich über den Flüelapass.

Regen und Kälte – vom Prolog bis zur Schlussetappe: Gesamtsieger Miguel Angel Lopez kämpft sich über den Flüelapass. Bild: Freshfocus

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Die Tour de Suisse, ein neuntägiger Marathon von über 1300 Kilometern, geht mit einem Sprint zu Ende. Nach unmissverständlichen Rückmeldungen seitens der Pedaleure sah sich die Rennleitung am Sonntagmorgen veranlasst, den Albulapass aus dem Programm zu nehmen, die Schlussetappe mit Ziel in Davos von 117 auf 57 Kilometer zu verkürzen.

Nässe und Kälte hätten den Fahrern zugesetzt, viele seien angeschlagen, sagt David Loosli, welcher als Sportdirektor der Landesrundfahrt amtet. «Die Meteorologen erwarten auf den Pässen Temperaturen um 5 Grad. Albula und Flüela – das wäre unter diesen Voraussetzungen zu viel gewesen», resümiert der Berner und erinnert an den Status der Veranstaltung. «Die Tour de Suisse ist in erster Linie ein Vorbereitungsrennen. Viele Fahrer, die zu uns kommen, werden zwei Wochen später die Tour de France bestreiten. Die wollen nicht krank werden.»

Der Sieger aus den Anden

Der Start erfolgt um 16 Uhr in La Punt statt um 14 Uhr in Davos. Spannung ist trotzdem garantiert, trennen die besten vier in der Gesamtwertung doch nur 18 Sekunden. Loosli spricht von einem «Traumszenario», was aus neutraler Optik insofern relativiert werden muss, als die Namen Miguel Angel Lopez, Andrew Talansky, Ion Izaguirre und Warren Barguil dem sportaffinen Durchschnittsschweizer nicht eben geläufig sind. Leader Lopez setzt sich im langen Aufstieg zum Flüelapass ab, wird in der Abfahrt ins Landwassertal jedoch wieder eingeholt.

Der Kolumbianer bleibt trotzdem Herr der Lage, gewinnt als erster Vertreter des Andenstaates die Tour de Suisse. Und hält fest, er liebe das Gebirge, sei er doch auf 2600 Metern über Meer zu Hause. Will heissen, er lebt gewissermassen im Dauerhöhentrainingslager. Den Etappensieg sicherte sich sein Landsmann Jarlinson Pantano, der in Diensten von IAM Cycling steht und damit aus helvetischer Optik für einen halbwegs versöhnlichen Abschluss sorgte.

Halbwegs deshalb, weil als erster Schweizer im Schlussklassement der 37-jährige Zuger Martin Elmiger erscheint – auf Rang 24, mit 27 Minuten Rückstand auf Gewinner Lopez. Was mehr für den Roller als für das Reservoir der Rundfahrtenspezialisten spricht.

Gewiss, das Bild hätte sich anders präsentiert, wäre Matthias Frank nicht erkrankt. Wobei die Tour de Suisse im nächsten Jahr noch stärker auf den Luzerner angewiesen sein wird. Fabian Cancellara hat der Rundfahrt über eine Dekade lang ein Gesicht gegeben; sie wird ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich mehr vermissen als er sie. In der Person von Bahnweltmeister Stefan Küng steht ein potenzieller Nachfolger bereit – in sportlicher Hinsicht. Cancellaras Bedeutung jedoch beruhte nicht nur auf Siegen, sondern auch auf seiner Ausstrahlung. Trat er zu einem Zeitfahren an, mobilisierte dies die Massen.

Die fehlenden Geraden

Wer sich in Davos im Fahrerlager umhörte, registrierte vielerorts unterschwellig zum Vorschein kommende Kritik. Unschweizerisch sei die Rundfahrt gewesen, lautet der Tenor. Für einmal nicht perfekt, liesse sich ergänzen. Wobei die Tonlage in den meisten Fällen sanft blieb, weil die Protagonisten sehr wohl wissen, worauf das Ergebnis zurückzuführen ist. Selbiges gilt für die Tour-Direktoren, welche nichts beschönigen.

«Wir waren am Limit», sagt Loosli. Und dürfte dabei unter anderem an den Aufstieg nach Cari denken. Weil es im Leventiner Bergdorf keinen Platz für die Mannschaftsbusse gab, mussten die Pedaleure nach absolviertem Tagwerk im Regen auf den alten Militärflugplatz von Ambri zurückradeln. Was bei gutem Wetter kaum einen aus der Fassung gebracht hätte.

Gewichtiger ist die Gefahr auf der Zielgeraden. In Champagne musste wie 2014 in Büren an der Aare sowie 2015 in Biel kurz vor der Ankunft eine 90-Grad-Kurve gemeistert werden. Loosli konstatiert, in der Schweiz sei es überaus schwierig, geeignete Geraden zu finden, verweist auf das Beispiel Baar und sagt, «dort mussten wir drei Verkehrsinseln entfernen lassen».

Was eine Rechnung im fünfstelligen Bereich nach sich ziehen dürfte. Der Berner stellt jedoch klar, die Sicherheit geniesse höchste Priorität. Und ergänzt: «So etwas wie in Champagne werden wir im nächsten Jahr nicht mehr ­sehen.» Am Limit will er sich nicht noch mal bewegen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.06.2016, 07:05 Uhr

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