Als Hugo Koblet sein Wort brach

Ex-Radstar Walter Bucher erzählt die legendäre Story vom ersten Sixdays 1954 im Hallenstadion – Tatort eines heimtückischen Angriffs.

«Koblet hat uns überrumpelt»: Der 88-jährigen Walter Bucher im Interview mit Bernerzeitung.ch/Newsnetz.
Martin Born@mborn

Den Rennfahrereingang gibt es noch immer. Doch er heisst jetzt Künstlereingang – und die Türe ist verschlossen. Um in den Wädlitempel zu gelangen, der heute eine multifunktionale Arena ist, lässt Walter Bucher sein Auto dort stehen und geht zum Eingang, der mit Süd/Logen angeschrieben ist, meldet sich dort beim Portier und wird in den dritten Stock hinaufgeschickt. «Ich wusste gar nicht, dass es im Hallenstadion so hoch hinaufgeht», sagt Bucher. Er kennt die tieferen Regionen besser, besonders die ­Katakomben, in denen lange, weiss getünchte, beim Umbau um 1,80 Meter tiefer gesetzte Gänge an die gute alte Zeit erinnern.

Ende März 1954, um halb sieben abends, lag Walter Bucher tief ­unten in den Katakomben, in seiner Koje auf dem Schragen und liess sich massieren. Sein Partner Jean Roth drehte derweil warm eingepackt mit Strümpfen und Pullover im Oval lustlos seine Pflichtrunden. Die Leute, die am Nachmittag vor der Schlussnacht des ersten Zürcher Sechstagerennens dabei sein durften, hatten die Halle um fünf verlassen müssen. Das Rennen lief zwar weiter – wie es das Reglement vorsah –, doch ein ungeschriebenes Gesetz wollte es, dass in solchen Phasen nicht angegriffen wird.

Rivalität kostete zwei Zähne

Armin von Büren und Hugo Koblet, die Rivalen der «roten Teufel», wie Roth/Bucher genannt wurden, hielten sich an diesem frühen Abend nicht daran und machten unvermittelt Tempo. Ehe Bucher vom Massagetisch geholt worden war und sich Roth von seinen wärmen­den Kleidern befreien konnte, hatten der schlaue «Wasi» und der schöne Hugo die Runde wettgemacht, die sie von den führenden Gegnern trennte. Weil sie viel mehr Punkte gewonnen hatten, lagen sie nun an der Spitze.

In der langen Jagd, die bis zum Ende der Sixdays um elf Uhr nachts dauerte, verteidigten sie ihren Vorsprung. Danach liessen sie sich als erste Sieger des Zürcher Sechstagerennens feiern. Walter Bucher und Jean Roth fühlten sich verschaukelt. Sie, die im Laufe des Winters als erstes Paar in der Sechstage­geschichte drei Rennen innerhalb eines Monats gewonnen hatten (Berlin, Münster, München), waren die Stärksten.

«Es war von Bürens Idee», ist Bucher, der mit Koblet gut befreundet war, noch heute überzeugt. Zwischen dem in Deutschland ­lebenden Roth und von Büren, der nie weiter weg als 500 Meter vom Hallenstadion wohnte, entwickelte sich eine intime Feindschaft. Sie gipfelte in einem Schlagabtausch auf der Bahn, der von Büren zwei Zähne kostete.

Es war diese Rivalität der beiden Schweizer Weltklassepaare, die das Zürcher Sechstagerennen erst möglich machten. Es war das in die Halle verpflanzte Duell Kübler gegen Koblet, das im Sommer die Schweiz in zwei Lager spaltete. Weil Kübler sich im Winter als Skilehrer erholte und nur wenige, aber dafür gut bezahlte Bahnrennen bestritt – als Strassen-Weltmeister erhielt er bis zu 20 000 Franken – füllten Roth/Bucher die Lücke der «chrampfenden» Gegenspieler des eleganten, von den Intellektuellen und Schicken geliebten Koblet.

Bucher muss lachen, wenn er in die neue Arena blickt, die gerade für den Superzehnkampf umgebaut wird. Nichts ist mehr so wie damals, als die Bahn noch fest eingebaut war, sie gleichzeitig mit dem ZSC trainierten und aufpassen mussten, nicht von Pucks getroffen zu werden. «Auf den teuren Plätzen auf der Zielgeraden waren die Koblet-Fans», sagt Bucher, «unsere waren auf der Gegenseite.» Wobei sich das eher akustisch als optisch wahrnehmen liess. «Der Rauch war so dicht, dass man von der Kurve nicht bis ins Ziel sah», sagt Bucher. Er wurde am 8. Juni 88 Jahre alt, fährt «nur noch zweimal in der Woche so zwischen 30 und 40 Kilometer» Velo und wundert sich, wie er das «Passivrauchen, das so schädlich sein soll», unbeschadet überstanden hat. Er war und ist Nichtraucher, im Gegensatz zu von Büren, der sein Laster als Training für den Winter bezeichnete.

Eine Zufallspaarung

Armin von Büren und Hugo Koblet waren eine perfekte, weil brisante Mischung. Hallenstadion-Direktor Emil Keller hatte die beiden Zürcher nach der Achtstunden-Américaine von 1949, mit der er testen wollte, ob das zwinglianische ­Zürich für ein Sechstagerennen bereit war, zusammengebracht. Von Büren war ein junger Profi, der genau wusste, was er wollte: Auf der Bahn Geld verdienen. Er erhielt eine Rolle, die ihm auf den Leib geschneidert war: Den strahlenden Helden Hugo Koblet zu führen, ihn anzutreiben, wenn es für ihn darum ging, auch im Winter in Form zu sein, dafür zu sorgen, dass er von den Veranstaltern nicht übers Ohr gehauen wurde.

Jean Roth und Walter Bucher ­dagegen waren eine Zufallspaarung, als sie bei ihrem Sechstagedebüt in Hannover inmitten der Weltelite den vierten Platz belegten. Neoprofi Bucher hatte kurz zuvor mit seinem Schulfreund Jean Brun als erste reine Schweizer Paarung die 100-km-Américaine im Vel d’Hiv von Paris gewonnen. So drängte er sich als Partner für den in Deutschland lebenden, «Düsenjäger» genannten Roth auf, der nach seinem Sieg an der Seite der deutschen ­Legende Gustav Kilian in Münster bereits zu den Etablierten gehörte.

Die Rivalität zwischen den ­beiden Schweizer Paaren erlebte im Dezember 1952 beim Berliner Sechstagerennen ihren Höhepunkt. Als Sieger von Münster waren Roth/Bucher die Favoriten. Koblet und von Büren, die nicht in Bestform waren, passte das nicht. Also fuhren sie nicht um zu gewinnen, sondern um die Rivalen verlieren zu lassen.

«Bruderkrieg» in Berlin

Als diese acht Runden verloren hatten, gab zuerst von Büren, dann auch Koblet das Rennen auf. Sechs der verlorenen Runden machten Roth/Bucher danach noch wett, was sie auf den zweiten Platz brachte. Die Folge des «Bruderkriegs» von Berlin: Die «roten Teufel» forderten die Spielverderber zu einem Omnium-Duell im Hallenstadion heraus, zum «Match des Jahres», wie er angekündigt wurde. Er musste abgesagt werden: Am Vorabend, bei einer Américaine in München, stürzte Bucher schwer und zog sich einen Schädelbasisbruch zu. Als er das Spital verlassen konnte, wurde er von Koblet im Studebaker nach Zürich chauffiert. Sieben Wochen später gewann er ein 50-Stunden-Rennen in Kopenhagen.

«Das Geld», antwortet Bucher, als er gefragt wird, weshalb es so lange dauerte, bis Zürich zu seinen Sixdays kam. Obwohl die Halle bei den alle zwei Wochen stattfindenden Meetings randvoll gefüllt war, hielten sich die Sponsoren zurück. Es brauchte den «Bruderkrieg», um sie zu überzeugen. Am 23. März 1954 zückte Lys ­Assia, die erste Siegerin des Grand Prix ­Eurovision de la Chanson («Oh mein Papa») die Pistole und schickte die Fahrer auf eine sechstägige Reise, die sie als Ferien empfinden mussten. Koblet, der sich als Strassenfahrer mitten in der Saisonvorbreitung befand, hatte bei Hallendirektor Keller eine ­Revolution durchgesetzt. Erstmals musste nicht mindestens ein Fahrer während den ganzen 145 Stunden auf der Bahn sein, erstmals gab es statt einer sechsstündigen Neutralisation eine achtstündige Pause, in der die Fahrer in ihren winzigen Kojen schlafen konnten.

Zürich leitete das Ende einer abstrusen Zeit der Erniedrigung ein. Bis zur Zürcher Revolution war das Rennen von sechs Uhr früh bis zwölf Uhr mittags neutralisiert. Da musste zwar ­weiter gekreist werden, doch Rundengewinne waren nicht möglich. Es war die Zeit, in der die ungeheizten Hallen geputzt wurden, das Licht schummrig war und sich ausser einem Kommissär, der die Runden zählte und schaute, dass niemand blau macht, sich niemand dafür interessierte, was los war. Von sechs bis neun durfte der eine Fahrer schlafen, von neun bis zwölf der andere. Falls Schlafen überhaupt möglich war. In Antwerpen etwa, so erinnert sich Bucher, fassten die Ausländer eine Matratze und schliefen in einer Art Sauna unter den Heizungsrohren, Belgiens Helden Van Steenbergen und Severeyns logierten in vornehmen Kojen. Amphetamine waren zu dieser Zeit unerlässliche Überlebenshelfer und sorgten ­dafür, dass die Fahrer nicht einschliefen, wenn sie auf die Toilette gingen. Bucher hält aber fest, dass die Oberdoper, die sich schon in den ersten Nächten mit Kügelchen vollpumpten, gegen Ende des Rennens keine Chance mehr hatten. Da hätten sich «die Seriösen» durchgesetzt.

Während der Neutralisation kreisten die Fahrer mit Tempo 10 auf dem «Teppich», ganz unten auf der Bahn. Um den gepeinigten Hintern zu entlasten, sassen sie auf einem breiten Sattel, der Lenker war hochgestellt. Wer es, wie Hugo Koblet, beherrschte, trat nur mit ­einem Bein und hielt mit dem ­andern den Lenker. So konnte er Kaffee trinken und Zeitung lesen.

Filet Tatar als Verpflegung

Was gewissen Sadisten nicht passte. In Deutschland etwa stellte auch mal ein Hallendirektor einen Stuhl auf den «Teppich», wie der innerste, flache Teil der Bahn genannt wird, sodass die Fahrer auf die geneigte Bahn ausweichen mussten. So waren sie gezwungen, ein gewisses Tempo zu fahren, um nicht abzurutschen.

Und doch. Es war eine schöne Zeit, in der die Besten gutes Geld verdienten. Bucher, der bis zu 15 Sixdays pro Saison bestritt und im Sommer als einer der weltbesten Steher die Zuschauer begeisterte (1958 wurde er in Paris Weltmeister), gehörte zu ihnen. So konnte er sich bei der Verpflegung im Rennbahnstübli ein Filet Tatar leisten, damals die beste Sportlernahrung überhaupt. Das Rennbahnstübli suchen wir in unserem Durchgang durch das Hallenstadion vergeblich. «Irgendwo hier muss es gewesen sein», sagt Bucher. Danach beginnt die grosse Herausforderung: Wir suchen den Ausgang.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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