Alberto Contador: «Der Toursieg ist jetzt unmöglich»

Erstes Opfer im grossen Kampf um den Triumph der 98. Tour de France ist nach der aufwühlenden Königsetappe ausgerechnet der Titelverteidiger aus Spanien.

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Florian A. Lehmann@tagesanzeiger

Nach seinem Einbruch am Galibier zeigte sich Alberto Contador als fairer Verlierer. Und er demonstrierte verbale Ausflüge in die Philosophie: «An schlechten Tagen lernt man, die guten Tage mehr zu geniessen», erklärte er der wartenden Journalistenmeute. Dann kam er sofort auf seine sportliche Leistung zu sprechen: «Ich habe mich heute schrecklich schwach gefühlt.» Er hätte zwar zunächst dranbleiben können, aber dann habe er sich entschieden, den eigenen Rhythmus zu fahren, um nicht völlig zu explodieren.

Der dreifache Champion der «Grande Boucle» aus Madrid nahm die Konsequenzen aus der für ihn misslungenen 18. Etappe gleich selbst in den Mund. «Der Tour-Sieg ist jetzt für mich unmöglich.» In seiner Analyse bewies Contador auch Sportlichkeit. «Andy ist sehr clever gefahren und hat eine grosse Etappe gezeigt. Aber nicht nur Andy Schleck, auch Evans hat heute Unglaubliches geleistet.»

Die Tour-Direktion atmet auf

Bjarne Riis, der Teamchef von Saxo Bank, fand auch medizinische Gründe, warum sein Captain im steilen Aufstieg zum Galibier den Rhythmus nicht fand. «Alberto wollte angreifen, aber er hatte die Beine nicht dazu. Zudem litt er wieder unter Knieschmerzen.» Wie weit diese Schmerzen Contador tatsächlich behinderten, weiss nur der Radprofi selbst. Tatsache ist, dass der Rückstand auf die besten Fahrer zu gross ist. Der Madrilene ist – realistisch gesehen – vor den letzten drei Etappen aus den Traktanden für den Gesamtsieg gefallen.

Das stört keineswegs alle. Auch wenn das nicht so deklariert wird, so freut sich hinter vorgehaltener Hand nicht nur die Tour-Direktion über den grossen Rückstand von Contador. Das Risiko, dass mit dem Spanier ein Mann triumphiert, dem wegen der Dopingaffäre (Clenbuterol) aus dem letzten Jahr der Triumph nachträglich aberkannt werden muss, ist praktisch gleich null.

Evans – der heimliche Leader

Also, wer gewinnt die Tour? Andy Schleck oder doch Fränk Schleck, dem die Alpe d'Huez liegt? Oder kämpft sich Thomas Voeckler, der Mann, der im Tour-Tross wegen seiner egoistischen Fahrweise heftig kritisiert wird, doch noch durch? Viele Beobachter der Tour finden, dass Cadel Evans der heimliche Leader der Rundfahrt ist. Der BMC-Captain hat, sofern er die heutige Etappe nach L'Alpe d'Huez gut übersteht, im morgigen Zeitfahren die Chance, alle im Schnellzug zu überholen. Der Australier gilt von den verbliebenen Tourfavoriten als der stärkste Fahrer im Kampf gegen die Uhr. Und die Art und Weise, wie er am Galibier kämpfte, damit der Vorsprung von den Schleck-Brüdern nicht zu gross wird, hat beeindruckt und zeigt, dass das Aushängeschild des amerikanisch-schweizerischen Teams gut in Form ist.

In dieser 42,5 km langen Prüfung von morgen in Grenoble will jedoch ein anderer (endlich) an dieser 98. Tour zuschlagen: Fabian Cancellara. Dass der Berner überhaupt noch antreten darf, hat er der grosszügigen Jury zu verdanken. Sie hat ihn und die anderen namhaften Profis, die erst 2:33 Minuten nach dem Kontrollschluss auf dem Galibier eintrafen, wegen des heftigen Gegenwindes bei der Passage zum Ziel nicht ausgeschlossen. Merci, messieurs.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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