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15'000 Testpiloten für die Tour de France

L’Étape du Tour ist eine Erfolgsgeschichte der Volksradrennen. Solche Wettkämpfe für Hobbyathleten gibt es im Alpenraum mehrere – viele Höhenmeter sind im Trend.

Leiden mit Aussicht bzw. rollen auf Naturstrasse: Die Hobbyfahrer der L'Étape du Tour auf dem Plateau des Glières.
Leiden mit Aussicht bzw. rollen auf Naturstrasse: Die Hobbyfahrer der L'Étape du Tour auf dem Plateau des Glières.
ASO/L’Étape du Tour
170 Kilometer absolvieren die Hobbyathleten – unvorstellbar eigentlich, dass dies Profis jeden Tag tun.
170 Kilometer absolvieren die Hobbyathleten – unvorstellbar eigentlich, dass dies Profis jeden Tag tun.
ASO/L’Étape du Tour
Diese durften letzten Sonntag Fahrer aus 67 Ländern geniessen – und mussten bis 20 Uhr im Ziel angekommen sein.
Diese durften letzten Sonntag Fahrer aus 67 Ländern geniessen – und mussten bis 20 Uhr im Ziel angekommen sein.
ASO/L’Étape du Tour
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Der Gedanke kommt erst, als der Körper im Ziel etwas zur Ruhe gekommen ist. Denn die 170 Kilometer und 4000 Höhenmeter haben Spuren hinterlassen. Dann kommt der Gedanke: «Die Profis machen am nächsten Tag einfach noch einmal dasselbe. Und am übernächsten wieder. Und wieder. Und wieder.»

Unvorstellbar, eigentlich.

Dank L’Étape du Tour erhielten am vergangenen Sonntag knapp 15'000 Hobbyvelofahrer zumindest ansatzweise eine Ahnung davon, was es heisst, Radprofi zu sein.

Eine komplette Tour-Etappe für Normalos

Das Volksradrennen wird von der ASO veranstaltet – wie auch die Tour de France. Diese Kombination macht sich die ASO zunutze: Wie es der Name sagt, wird bei L’Étape du Tour jährlich eine komplette Tour-Etappe für Normalos durchgeführt – stets ist es eine Bergetappe. In diesem Jahr war es die erste der Alpenetappen der Tour, das Teilstück von Annecy nach Le Grand-Bornand, das übermorgen nach dem ersten ­Ruhetag ansteht.

Damit 15 000 Radfahrer an einem Tag 170 Kilometer zurücklegen können, müssen sie früh losfahren: In Blöcken à 1000 Teilnehmer starten sie ab 6.30 Uhr, alle siebeneinhalb Minuten ein Block. Bis die ganze Masse unterwegs ist, dauert es auch so fast zwei Stunden.

Zielschluss: 20 Uhr

Hoch zum Plateau des Glières, der zweiten von vier Steigungen, ist es um halb zehn schon unangenehm warm. Einige Teilnehmer keuchen bereits so sehr, dass man sich sorgt, ob sie die zweite Rennhälfte überstehen werden. Sie haben noch viel Zeit. Zielschluss ist erst um 20 Uhr.

Oben auf dem Hochplateau folgt eine Entschädigung für die Strapazen: Auf der zwei Kilometer langen Naturstrasse fährt es sich, dem Himmel nah, federleicht. Spektakuläre Bilder von hier sind am Dienstag garantiert.

11'000 Kilogramm Bananen, 110'000 Liter Getränke

Unterwegs wird Französisch gesprochen. Nicht nur an den neun Verpflegungsposten (hier werden unter anderem 11 Tonnen Bananen und knapp 110'000 Liter Getränke verteilt), auch unter den Teilnehmern. Knapp zwei Drittel sind Franzosen. Dahinter stellen die Briten mit fast 3000 Startern das zweite grosse Feld, das danach stark zerstückelt. Die Schweizer schaffen es mit 328 Startern (2,23 Prozent) immerhin noch auf Rang 3. Insgesamt gehen Sportler aus 67 Nationen an den Start.

Die 109 Euro würden noch viel mehr Leute bezahlen, so gross ist die Anziehungskraft des Rennens. Dies hat die ASO dazu bewogen, rund um den Globus 14 L’Étape-Ableger aufzuziehen – auch wenn das inhaltlich wenig Sinn macht, die Tour findet nun mal nur in Frankreich statt.

Denn die Jedermänner, wie die Hobbyrennradfahrer in Deutschland genannt werden, sind interessante Kunden. Wer bereit ist, für ein Radrennen in ein anderes Land zu reisen, gibt dort auch Geld aus, selbst wenn es nur die Übernachtung und Verpflegung vor dem Rennen sind.

Der Hobbyfahrer, positiv auf Testosteron getestet

L’Étape du Tour hat sich in den vergangenen 25 Jahren zu einem der grossen Player entwickelt. Doch ganz ohne Probleme ist das Rennen, ist die Hobbyradszene generell nicht. An ihrer Spitze tummeln sich auch Fahrer mit diskutab­lem Leumund. So war der Zweite der diesjährigen Ausgabe, ein 35-jähriger Kolumbianer namens Oscar Eduardo Tovar Rivera, 2015 an einem US-Rennen positiv auf Testosteron getestet worden. Diese allerbesten Hobbyfahrer absolvieren die 170 Kilometer mit einem Durchschnittstempo von über 32 km/h – sehr viel schneller dürften übermorgen selbst die Profis nicht sein.

L’Étape du Tour ist dank der Verbindung zur Tour de France zum wohl bekanntesten Volksradrennen geworden. Aber es ist weder das grösste noch das härteste. In der ersten Kategorie gibt es in Europa einen einsamen Leader, die Vätternrundan. Das Rennen führt in Südschweden um den Vätternsee und ist eine ziemliche Herausforderung: Der See hat einen Umfang von rund 300 Kilometern.

Die Vätternrundan ist auch mit Abstand das älteste grosse Volksradrennen. Seit über 50 Jahren wird es mittlerweile ausgetragen. Dass dabei weit über 20 000 mitfahren können, hat mit dem Charakter der Rundfahrt zu tun: Es ist nicht als Rennen deklariert, im Ziel werden nur Ankunftszeiten notiert.

Lotterie um Startplätze

Bei den anderen Volksradrennen ist das anders: Jedes Alpenland trumpft hier mit einer grossen Herausforderung auf. Die landschaftlich schönste Route präsentiert wohl die Maratona dles Dolomites, die auf ihrer Hauptstrecke über sieben Dolomitenpässe führt. Auch die Maratona ist ein enormer Tourismusfaktor, von den 9000 Startplätzen geht die Hälfte an Reiseveranstalter. Die andere Hälfte wird über eine Lotterie verteilt, an der sich jeweils gegen 30'000 beteiligen.

Im Kampf um das härteste Hobbyrennen duellieren sich der Ötztaler Radmarathon (238 km/5500 Höhenmeter) und La Marmotte (175 km/5200 Höhenmeter). Beide finden stets auf derselben Route statt, und beide sind jedes Jahr ausverkauft.

Die härteste Prüfung: Das Schweizer Alpenbrevet

Allerdings machen Österreicher und Franzosen die Rechnung ohne die Schweizer. Das Alpenbrevet, dessen Platinstrecke Ende August über Susten, Grimsel, Nufenen, Lukmanier und Oberalp führt, kommt gar auf 276 Kilometer und 7000 Höhenmeter. Offensichtlich findet auch diese – im Vergleich zur Konkurrenz junge – Prüfung immer mehr Anhänger.

In diesem Jahr waren die 3000 Startplätze schon recht früh ausverkauft. Denn: Die Tour mag reizvoll sein. Letztlich geht es den Teilnehmern aber vor allem um eines: das Erlebnis. Und das bieten auch die Schweizer Alpenpässe zur Genüge.

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