«Ohne Kitzbühel gäbe es meine Tochter nicht»

1998 entschied Andreas Schifferer die Lauberhornabfahrt für sich. Danach sorgte der Österreicher (43) wegen der Zusammenarbeit mit einem Energetiker für Schlagzeilen. Er sagt: «Der Skisport hat mir meine Familie gebracht, sie irgendwie aber auch zerstört.»

Sein grösster Sieg: Vor 20 Jahren entschied der Österreicher Andreas Schifferer, damals Zimmerkollege von Hermann Maier, die Lauberhornabfahrt für sich.

Sein grösster Sieg: Vor 20 Jahren entschied der Österreicher Andreas Schifferer, damals Zimmerkollege von Hermann Maier, die Lauberhornabfahrt für sich.

(Bild: Keystone)

Vor 20 Jahren gewannen Sie die Abfahrt in Wengen mit fast einer Sekunde Vorsprung. War es das Rennen Ihres Lebens?Andreas Schifferer:Wahrscheinlich schon. Ich war in einer wahnsinnigen Form, hatte zuvor in ­Beaver Creek und in Bormio gewonnen. Das Lauberhorn ist aber eine andere Hausnummer. Nach diesem Sieg änderte sich einiges, an dieser Leistung wurde ich gemessen – was nicht einfach war.

Was macht Wengen so speziell?Dieses Rennen ist ein wenig crazy. Allein die Anreise im kleinen, langsamen Zug ist herrlich. Da stehst du neben dem Konkurrenten, dem alten Herrn und kleinen Kindern. Die autofreie Zone, das Panorama und die Strecke in Wengen sind einzigartig.

1998 waren Sie Zimmerkollege von Hermann Maier. Er gewann die erste Abfahrt, Sie reüssierten 24 Stunden später. War die Stimmung hitziger als sonst?Bei meinem Sieg war der Hermann Dritter, das hat ihn schon gefuchst. Aber eigentlich war alles in Ordnung. Wir unterstützten und motivierten uns gegenseitig. Hermann war ein sehr ordentlicher Typ, beim Material ein extremer Tüftler. Natürlich war er brutal ehrgeizig. Und wenn er mal schlecht fuhr, wurde er noch egozentrischer. Aber wirklich schlecht ist er ja fast nie gefahren.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie Ihren Siegeslauf anschauen?An die Kurssetzung kann ich mich noch genau erinnern. Es ist quasi so, als würde ich noch immer mitfahren. Wenn ich meinen Lauf mit den Rennen von heute vergleiche, sehe ich markante Unterschiede. Beim Material ist ungemein viel gegangen. Die Fahrer geben nun mehr Gas. Es ist ­alles schwieriger geworden.

Wie meinen Sie das?Heute können sich die Fahrer kaum mehr Fehler leisten. Konditionell sind alle in einem beeindruckenden Zustand. Zu meiner Zeit wussten einige gar nicht, was ein Ergometer ist. Darum wird nun mehr riskiert. Sitze ich vor dem Fernseher, kann ich während gewisser Abfahrten manchmal kaum mehr hinschauen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von den tödlichen Unfällen der Abfahrer David Poisson und Max Burkhart hörten?Dass ich mich während meiner Karriere kaum mit der Frage ­auseinandersetzte, was alles hätte passieren können. (überlegt) ­Gehe ich heute Skifahren, bin ich viel vorsichtiger als früher, schaue immer, wo Gefahren lauern könnten. Für die Aktiven sind die Trainingsfahrten am heikelsten, weil nach einem Sturz nicht so schnell Hilfe bereitsteht wie während eines Rennens.

Sie stürzten 1996 in Kitzbühel schwer, erlitten ein Schädel-Hirn-Trauma . . .. . . das war ein prägendes Erlebnis, ich musste auf der Piste reanimiert werden. Noch heute bin ich gestresst, wenn die Rennen auf der Streif anstehen. Ich frage mich: Soll ich mir das anschauen oder besser doch nicht? War es das wert, ein solches Risiko einzugehen? (überlegt) Es ist ein spezieller Ort für mich: Ohne Kitzbühel gäbe es meine Tochter nicht.

Erzählen Sie.Gehen wir nicht zu sehr ins Detail. Ich kam mit meiner späteren Lebensgefährtin in Kontakt. Sie arbeitete als Journalistin fürs norwegische Fernsehen. So führte das eine zum anderen (lacht).

2003 verliessen Sie Ihre Partnerin kurz nach der Geburt der Tochter. Die Medien berichteten, Sie seien komplett abgedriftet, seien einem Wunderheiler hörig.Das meiste, was geschrieben ­wurde, war Schwachsinn. Vieles stimmte nicht. Ich traf Energetiker Martin Weber, verstand mich gut mit ihm. Ich hatte grosse Probleme mit meinem rechten Knie, die Resultate stimmten nicht mehr. Zu Martin fand ich einen guten Zugang, er brachte mir Dinge von einer anderen Seite bei.

Aber verlässt man deshalb gleich Frau und Kind?Ich musste den Fokus auf mich richten. Es wurde schwieriger im Skisport. Es kann jedenfalls keiner behaupten, ich hätte nicht alles versucht, um meine Karriere zu verlängern. Der Skisport hat mir die Familie gebracht, sie ­irgendwie aber auch zerstört. Wahrscheinlich ist er nicht fa­milienkompatibel. Man ist viel unterwegs, sollte konzentriert sein. Ablenkung liegt nicht drin.

Sie stürzten sich in die Esoterik.Die Thematik beschäftigt mich, richtig. Ich gab körperlich viel her, wollte herausfinden, wie ich die physischen Probleme in den Griff kriegen könnte. Wichtig war mir, den energetischen Fluss zu suchen. Den Bewegungsfluss zu gewährleisten, das beschäftigt mich.

Vertreter Ihres früheren Ausrüsters Atomic liessen verlauten, Sie hätten 50 Schuhe im Ofen erhitzt, um sie ergonomisch den Füssen anzupassen. Die Schuhe seien danach kaum mehr als ­solche erkennbar gewesen . . .. . . es waren 20 Paar. Es war halb so wild; die Schuhe wurden geschmeidiger, gesünder für die Füsse. Ich wollte einfach alles ausprobieren.

Sie sind also nicht von der Spur abgekommen?Da wurde vieles aufgebauscht! Ich mache Qigong (eine Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsform zur Kultivierung von Körper und Geist, die Red.). Das ist eine Gratwanderung. Wichtig ist der Prozess des Loslassens, die geistige Befreiung.

Wovon?Vom Alltag, vom Stress. Deshalb ging ich lange wandern. 400 Kilometer weit von Wien bis in die Steiermark. Ich hatte ein Zelt bei mir, aber es wurde zu schwer. Ich liess es zurück, schlief draussen. Vielleicht hätte ich das auch während meiner Karriere tun sollen.

Weshalb?Der Druck ist enorm, der Körper muss viel hergeben. Ich war oft sehr erschöpft, auch emotional. Als Fahrer hatte ich viel Stress, wenig Zeit. Das war ungesund.

Zurück zum Lauberhorn: Wer gewinnt die Abfahrt vom Samstag?Beat Feuz, Aksel Svindal oder Hannes Reichelt. Aber es ist schwieriger geworden, Prognosen abzugeben. (überlegt) Zwei Dinge aus Wengen übrigens fehlen mir.

Welche?Dieser gehobelte Käse (Tête de Moine, die Red.) ist hervorragend. Begeistert hat mich die Flugshow. Was die Piloten aufführten, hat mich fasziniert und auch motiviert. Da dachte ich jeweils: O. k., wir sind nicht die einzigen Verrückten hier.

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