Lust auf das nächste Meisterstück

Auf dem ganzen Globus gehen Berner Rennfahrer an den Start. Diese ­Zeitung stellt die wichtigsten vor.

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Dario Greco@HerrGreco
Peter Berger@PeterBerger67

Neel Jani: Lust auf das nächste Meisterstück

Schneller als ein Formel-1-Auto, schneller als Lewis Hamilton, der aktuell grösste Rennfahrer der Welt. Neel Jani, der bescheidene und fernab der Motorsportszene kaum bekannte Bieler, sorgte kürzlich für einen Aufreger.

0,783 Sekunden war Jani mit seinem Le-Mans-Prototyp auf dem Circuit de Spa-Francorchamps in den belgischen Ardennen schneller als der Formel-1-Weltmeister Hamilton im letzten Jahr bei seinem Streckenrekord. Im Motorsport ist das eine Ewigkeit. «Wir wussten, dass eine Bestzeit möglich ist», sagt Jani.

Zurück zur Familie

Die Rekordrunde war vor allem PR, dahinter aber steckte seriöse Arbeit. «Wir haben uns vorbereitet wie auf ein gewöhnliches Rennwochenende», sagt Jani. Er übte im Simulator und trainierte Nacken- und Rumpfmuskulatur extra, weil er wusste, dass ihm das Auto viel mehr abverlangen würde als alles, was er sich gewohnt war. «Ich musste meine Grenzen verschieben», sagt er. Porsche modifizierte seinen 919 Hybrid, den besten Wagen der letzten Jahre in der Langstreckenweltmeisterschaft (WEC).

Er wurde auf Rekord getrimmt, um zu zeigen, was ausserhalb des strengen Reglements möglich ist. Vierzylindermotor und Hybridantrieb blieben unangetastet, aber Jani musste kein Benzin sparen und durfte die volle Hybridkraft nutzen. Zusätzlich wurde die Aerodynamik optimiert. Er übertraf die Porsche-Bestzeit aus dem Vorjahr um zwölf Sekunden. Und holte sich den inoffiziellen Rundenrekord – der PR-Coup war perfekt. «Es ist das schnellste Auto, das ich je gefahren bin», sagt Jani, der auch schon Formel-1-Boliden pilotierte.

Wenn Jani heute im Rahmen der WEC zum Sechsstundenrennen in Spa startet, schliesst sich für ihn ein Kreis. Nach Porsches Rückzug aus der Langstrecken-WM startet er wieder für Rebellion Racing, jenes Westschweizer Privatteam, das ihm vor fünf Jahren als Sprungbrett für Porsche diente. Jenes Team, das er als Familie bezeichnet. «Es kam für mich nicht infrage, für einen anderen Rennstall zu starten», sagt der 34-Jährige.

Die Formel E bleibt das Ziel

Weil Jani noch zum Fahrerkader von Porsche gehört, ist ein Engagement bei einem anderen Werksteam kein Thema. Das schränkt seine Möglichkeiten stark ein, ist aber Teil seiner Karriereplanung. 2018 sei ein Übergangsjahr, sagt er. Ende 2019 steigt Porsche in die boomende Formel E ein, ein Cockpit ist Janis erklärtes Ziel. Von den zahlreichen Werksfahrern des deutschen Automobilherstellers gehört er zu den Favoriten.

Das ist Zukunftsmusik. Vorerst begleitet Jani die Formel E gelegentlich als Experte für den Privatsender Mysports. Und hat mit Rebellion Racing Grosses vor. Weil mit Toyota nur noch ein Werksteam in der höchsten Fahrzeugklasse verblieben ist, wittern die Privaten ihre Chance. Jani denkt vor allem an den Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans, wo Toyota noch nie gewinnen konnte. «Eine derart günstige Gelegenheit bot sich den Privatteams seit Jahrzehnten nicht mehr.» Könnte der Bieler seinen Sieg von 2016 wiederholen, wäre das sein nächstes Meisterstück. (Dario Greco)

Nico Müller: Etliches neu im Mai

Als einer der wenigen Berner musste er nicht Team oder Serie wechseln: Der 26-Jährige fährt weiter in der DTM.

Abwechslung als Teil der Strategie. Nico Müller ging 2017 in nicht weniger als sechs verschiedenen Rennserien an den Start und pilotierte Autos, die unterschiedlicher nicht sein könnten. «Es gibt viele spezialisierte Fahrer. Ich will in jedem Auto schnell sein.»

Dass er über das Talent des Allrounders verfügt, stellte er im Januar unter Beweis. Am Rookie-Test der Formel E in Marrakesch war er mit Abstand der Schnellste aller Neulinge und stellte einen neuen Streckenrekord auf.

«Das Auto liegt mir», sagt er. Das sieht auch sein Arbeitgeber Audi so, der Blumensteiner wird künftig in das Formel-E-Projekt des Automobilherstellers eingebunden. In welcher Form, will er noch nicht sagen. Klar ist: Müller könnte sich vorstellen, dereinst in der Elektroserie anzutreten.

Vorerst gilt seine Aufmerksamkeit der DTM. Müller will das Vorjahr vergessen machen, in welchem er sich auch in den Dienst seines Teamkollegen Mattias Ekström hatte stellen müssen, ein Jahr, das von Fehlern, Missverständnissen und Pech geprägt war. Dem heutigen Saisonstart in Hockenheim misst er grosse Bedeutung zu: «Ein gelungener Auftakt ist wichtig, damit ich mich in eine gute Position bringen kann.» Und: «Ich möchte früh in diesen Flow kommen, den es braucht, um eine Meisterschaft zu gewinnen.»

Helfen soll ihm dabei sein neuer Renningenieur Felix Fechner, seine grösste Vertrauensperson im Team. Zuletzt verbrachte er viel Zeit im bayerischen Neuburg auf der Teambasis, um Fechner und das neue Auto kennen zu lernen. Sein Ingenieur müsse über ein gutes Fachwissen verfügen, die persönliche Ebene sei aber ebenso wichtig, sagt Müller. «Er gibt mir ein gutes Gefühl. Das brauche ich, um schnell zu sein.»

Der glasklare Traum

Neu ist für ihn zudem sein Teamkollege. Ekström, der in der DTM Legendenstatus geniesst, trat zurück. An Müllers Seite fährt Robin Frijns (26), der ehemalige Sauber-Junior. Der Debütant ist 2018 der zweitjüngste Audi-Pilot, Müller – obwohl in seiner bereits fünften Saison – der jüngste.

Wenngleich er seine Fähigkeiten als Allrounder weiter zu zementieren gedenkt, gilt Müllers Fokus heuer vor allem der DTM. Abstecher in andere Serien sind wenigere vorgesehen als im Vorjahr. Der Grund ist einfach, der Traum glasklar: «Ich will die DTM gewinnen.» (Dario Greco)

Simon Trummer: Der 28-Jährige aus Frutigen fährt erstmals in Amerika

Nach drei Saison in der Langstrecken-WM (WEC) hat Simon Trummer einen neuen Weg eingeschlagen. Der Berner Oberländer steuert zwar immer noch einen LMP2-Boliden, aber seit diesem Jahr in der Langstreckenserie in Amerika. Im Auto «Banana Boat Nr 85» von JDC Miller Motorsports debütierte er in Daytona, dem ersten von zehn Rennen, gleich mit Rang 6.

«Das war ein guter Start, auch wenn eine Top-4-Platzierung möglich gewesen wäre.» In Sebring (9.) und zuletzt in Long Beach lief es nicht mehr nach Wunsch. «In Sebring war der Unterboden beschädigt. Wir konnten nicht mehr tun, als einfach das Auto ins Ziel zu bringen. Und in Long Beach stoppten uns Getriebeprobleme.»

Weil sein Teamkollege Robert Alon früh ausschied, konnte Trummer gar nicht erst ins Rennen eingreifen. «Das war enttäuschend und ein arger Dämpfer. Aber das gehört zu unserem Sport», sagt der in Steffisburg wohnhafte Frutiger.

Geld fliesst in Sport

Den Wechsel nach Amerika bereut er jedenfalls nicht. «Das Niveau ist gleichwertig mit jenem in der WEC. In Amerika ist die Szene aber offener, man spricht miteinander, alle kennen sich.» Einen wesentlichen Unterschied sieht Trummer im Umfeld.

«Hier wird das Geld in den Sport gesteckt und weniger in die Hospitality von Sponsoren und Fans.» Trummer ist fest entschlossen, das Amerika-Abenteuer nach dieser Saison nicht gleich wieder abzubrechen, auch wenn der Vertrag mit dem Team JDC Miller Motorsports vorerst für 2018 gültig ist. «Mir gefällt es, Amerika lässt viele Türen offen.»

Trotzdem fährt er noch Rennen in Europa. In einem Audi R8 wird er in einer Woche das 24-Stunden-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife bestreiten sowie später noch zwei 4-Stunden-Rennen der VLN-Langstreckenmeisterschaft. Auch Verhandlungen für einen Start am 24-Stunden-Rennen von Le Mans Mitte Juni laufen derzeit, wie Trummer gesteht. (Peter Berger)

Patric Niederhauser: Der 26-Jährige aus Gerzensee fährt erstmals in Asien

Nachdem er 2017 in der deutschen Automobil-Rennserie ADAC GT Masters unterwegs gewesen ist, fährt Patric Niederhauser seit dieser Saison mit Mercedes die Blancpain GT Asia Series. «Der Abstecher nach Asien kam zufällig zustande», erzählt der 26-Jährige aus Gerzensee. «In den asiatischen Teams hat es jeweils auch viele europäische Mitarbeiter. So hat mich letztlich mein deutscher Teammanager angefragt.»

Gleich beim ersten Rennen Mitte April in Malaysia hat Niederhauser zusammen mit dem Deutschen Nico Bastian reüssiert und gewonnen. «Der Start hätte nicht besser sein können», sagt Niederhauser, auch wenn das Duo im zweiten Rennen in Sepang einen Ausfall zu beklagen hatte. Er erwähnt, dass das Niveau in der Serie, die in der zweiten Saison besteht, hoch sei. «Der Sieg wurde uns jedenfalls nicht geschenkt.»

Der Berner bereut überhaupt nicht, in die asiatische Meisterschaft gewechselt zu haben. «Der Markt im asiatischen Raum ist grösser als in Europa. Der Stellenwert ist hoch, es hat auch mehr Zuschauer.» ­Zudem gibt Niederhauser zu bedenken, dass es in Europa zu viele Fahrer habe. Das heisst, die Anzahl Cockpits ist begrenzt. Entsprechend schwierig und hart umkämpft sei der «überfüllte Fahrermarkt».

Für Niederhauser ist die kurzfristige Zielsetzung klar: «Ich will mich in Asien durchsetzen.» Ein schneller Abgang aus dem fernöstlichen Markt nach nur einer Saison ist für ihn kein Thema. Er verheimlicht jedoch nicht, dass er gerne Werksfahrer bei Mercedes würde. Der Automobilhersteller steigt 2019 wie Porsche auch in die boomende Formel E ein. «Darauf ziele ich nicht ab. Für mich geniesst die GT-Kategorie Priorität», hält Niederhauser diesbezüglich fest. (Peter Berger)

Kris Richard: Der 23-jährige Thuner fährt in der neuen TCR Europa.

Nach seinem Einstieg in den Tourenwagenrennsport 2016, als der Thuner auf einem Honda Civic TCR von Rikli Motorsport gleich den Titel im FIA European Touring Car Cup holte, und einer eher verkorksten Saison 2017 in der ADAC TCR Germany, wechselt Kris Richard 2018 Marke und Meisterschaft, nicht aber das Rennteam.

Erneut unter Vertrag des erfolgreichen Südtiroler Teams Target Competition, bestreitet der ehemalige Kart-Crack heuer die neu geschaffene TCR Europa, die eigentliche Vorstufe zur interkontinentalen WTCR, ehemals Tourenwagen-Weltmeisterschaft.

Nach zwei Jahren auf Honda Civic wechselt Richard nun auf den neuen Hyundai i30N TCR. «Ich bin mir sicher, ein schnelles, wettbewerbsfähiges Auto fahren zu können, ein Auto auch, mit dem wir um den Titel zu kämpfen vermögen», sagt Richard.

In Anbetracht seines klar formulierten Fernziels – «ich will Tourenwagenprofi werden» – sind die Saisonziele des Thuners klar abgesteckt: In den kommenden 14 Rennen möglichst viele Punkte ergattern, Podestplätze oder gar Siege herausfahren.

Dann winkt womöglich 2019 gar ein Cockpit in der WTCR. Vorerst erfolgt aber heute der Start zur europäischen TCR-Serie mit dem Auftakt auf dem Circuit Paul Ricard in Le Castellet. (Heinz Heim)

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