Jetzt taumelt Ferrari vor Freude

Sie mussten lange untendurch. Vor dem Heimrennen in Monza scheint die Zeit reif, gegen Mercedes zurückzuschlagen.

Wieder voller Hoffnung: Die Ferrari-Crew nach Räikkönens Pole.

Wieder voller Hoffnung: Die Ferrari-Crew nach Räikkönens Pole. Bild: Keystone

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Da stehen sie wieder, zu Tausenden, Regenjacke an Regenjacke, dichtgedrängt, die Augen weit offen an diesem frühen Samstagmorgen. Es schüttet wie aus Kübeln. Was solls? Es störte sie auch die Tage davor nicht.

Es ist kaum ein Durchkommen für die Leute in ihren Autos zwischen all den Beinen, Armen und Fahnen. In etwa so müssen sich die Velofahrer vorkommen, wenn sie sich an der Tour de France die Alpe d'Huez hochquälen. Hoffnungsvolle Blicke dringen in die Wagen. Vielleicht sitzen sie ja hier drin, die Männer in Rot mit dem Pferd auf der Brust. Möglicherweise erspähen sie ja sogar Kimi Räikkönen oder Sebastian Vettel, die grossen Figuren an diesem Wochenende in Monza, die heute von den Plätzen 1 und 2 zum Grand Prix von Italien starten.

Für sie stehen sie sich vor dem Fahrerlager die Beine in den Bauch, sie sollen für die Erlösung sorgen, für den ersten Ferrari-Heimsieg seit 2010 und dem Triumph von Fernando Alonso.

Und die Frage muss lauten: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Die ungeheuerliche silberne Serie durchbrechen

Vier Jahre lang musste die stolze Scuderia richtig untendurch, war sie chancenlos gegen Mercedes, das sich zur Übermacht im neuen Motorenzeitalter machte. Hamilton, Hamilton, Rosberg, Hamilton, so lauteten die Sieger zuletzt. In Monza. In der WM. Die Ferraristi waren angeschlagen, taumelten, wurden von Niederlage zu Niederlage nervöser, entliessen massenhaft Personal, die Unruhe war ihre einzige Konstante.

Doch nun scheinen sie das Material gefunden zu haben, um diese ungeheuerliche silberne Serie zu durchbrechen. Jüngst in Belgien zog Vettel an Hamilton in der ersten Runde vorbei und gewann das Rennen in einer Manier, als läge dem allem eine natürliche Gesetzmässigkeit zugrunde.

Maurizio Arrivabene ist Ferraris Teamchef, graue Haare, mit viel Gel adrett nach hinten gekämmt, oft mit Sonnenbrille, ein italienischer Charmeur mit rauchiger Stimme. Zuletzt war diese nur noch selten zu hören, sie setzten bei Ferrari für einmal darauf, weniger zu reden und mehr zu liefern. Schon im Winter hüllten sich die lauten und gerne gestikulierenden Italiener in ungewohntes Schweigen.

Nun, vor dem Grand Prix vor der Haustür, meldete sich Arrivabene wieder zu Wort. Der 61-Jährige hat sich diese Sätze zurechtgelegt: «Wir haben jahrelang Prügel einstecken müssen. Es ist an der Zeit, zurückzuschlagen.» Es sind martialische Worte, bewusst gewählt für Monza, dem Ort der ganz grossen Emotionen, der Glücksmomente und Tragödien.

Die Zeit ist reif, die Menge wieder einmal zum Toben zu bringen, wie das Michael Schumacher fünfmal in Rot tat. Er war das grosse Vorbild von Vettel, der nun seinerseits zum Heilsbringer werden soll.

Showfahrt mitten in Mailand, mit reichlich Italianità

Der Hunger der Tifosi ist gross wie nie. Vettel und Räikkönen spüren das. Auch wenn der dauerstoische Finne sich das gerne anders einredet, indem er sagt, an seinem Job ändere das ganze Drumherum nichts. Selbst der 38-Jährige muss dann in seiner unnachahmlichen Art nachschieben: «Etwas mehr ist aber schon los.»

Am Mittwoch begann das Rennwochenende für ihn und Vettel mit einer Showfahrt mitten in Mailand, mit mächtig rauchenden Reifen und viel Italianità. Das Land feiert sich in diesen Tagen selber, an sportlichen Erfolgen versucht es sich aufzurichten.

Vettel sagt: «Die Geschichte von Monza ist im Herzen Italiens.» Und: «Ich fühle Ferrari.» Es ist Pathos pur. Nun, die Italiener mögens. Wenn sich dann noch ein Arrivabene hinstellt und mit heiserer, aber fester Stimme sagt: «Wir üben weiter Druck aus auf Mercedes. Es kennt diesen Druck nicht. Also erhöhen wir den noch. Und dann legen wir erst recht nach», dann ist auch die Kampfeslust so richtig geweckt, drohen die Emotionen zu überborden.

In diesem Jahr soll es endlich so weit sein, soll alles möglich sein für den Rennstall mit der unvergleichlichen Geschichte, um den sich die zahlreichen Mythen ranken. Schier unfassbare elf Jahre schon warten sie bei Ferrari darauf, dass wieder einer der ihren den WM-Pokal in die Höhe stemmt wie 2007 Räikkönen. Noch liegt Vettel 17 Punkte hinter Hamilton. Acht Rennen bleiben. Das sollte doch machbar sein.

Treffen mit dem Mann, der Spielverderber sein will

Es ist Samstagnachmittag, eine Stunde noch bis zum Qualifying, in dem sich Räikkönen vor Vettel und Hamilton die beste Startposition sichern wird. Silbernes Gebäude im Fahrerlager, erste Etage, Büro von Toto Wolff. Der Motorsportchef von Mercedes ist der Mann, der mit seinem Team der Spielverderber sein will im trikoloren Freudentaumel, der seit gestern noch etwas taumliger ist.

Wie fühlt man sich also als ungeliebter Herausforderer im Feindesland? Wolff lehnt sich zurück, «Feindesland?» Er lächelt. Monza sei doch Freundesland, sagt er. Gerade eben sei er zur Strecke gefahren, da habe ihm einer dieser Tifosi, «einer in Ferrari-Vollmontur», gesagt: «Wir schlagen euch zwar an diesem Wochenende, aber wir sind ohnehin Freunde.» Das spiegle ganz gut die Beziehung wider, die er zum grössten Konkurrenten pflege: «Wir schenken uns nichts, sind echte Gegner auf der Strecke. Aber wir respektieren uns.»

Der 46-Jährige ist gefordert wie nie in der jüngeren Vergangenheit. Ferrari habe derzeit das beste Auto, sagt Gegenspieler Arrivabene -sagen viele. Der Österreicher sagt: «Das stimmt nicht. Es geht um winzige Details, um Hundertstel, die über ein Auf oder Ab entscheiden. Es geht darum, an jedem Wochenende den Job richtig zu machen, die Einstellungen an den Autos besser hinzukriegen. Aber ja: Wir haben auch Defizite gegenüber Ferrari.»

Wolff sieht die grössten bei der Leistung des Motors und damit auf den Geraden, ausgerechnet dort, wo die Silberpfeile der Konkurrenz seit 2014 Mal für Mal davonflogen. Oder wie es Wolff sagt: «Wir verschwanden im Sonnenuntergang.» Nun tun das andere, tut das oft Ferrari. «Es ist schwierig für mich, das sehen zu müssen», sagt Wolff. «Aber die grössten Boxkämpfe sind die, die über zwölf Runden gehen und bei denen beide in den Seilen hängen. Die Schlacht muss bis zum Ende gehen.» Allzu freundschaftlich klingt das nicht mehr. Genauso wenig wie die gellenden Pfiffe, die Hamilton entgegenschallen, als er versucht, im Interview nach dem Qualifying seinen Fans zu danken.

Es steht viel auf dem Spiel. Für Mercedes. Noch deutlich mehr für Ferrari. Das ist an diesem Samstag in Monza an jeder Ecke spürbar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2018, 14:15 Uhr

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