Hamilton spricht von «Tricks» beim Gegner

Beim Sieg in Spa sind Ferrari und Vettel so überlegen, dass das eine Wende im WM-Duell bedeuten könnte. Der Rivale stellt Vermutungen an.

Ein verrücktes Rennen in Spa: Der Spanier Alonso wurde nach dem Start von Hülkenberg abgeschossen.

Der offenbar ratlose Mann im weissen Overall trug noch seinen Helm. Insofern war es gar nicht so einfach zu erkennen, dass er ratlos war. Niemand konnte in seine Augen sehen. Aber so eindeutig, wie er sich dort positionierte, wie er den Kopf zu Boden neigte, als würde ihn das Gewicht des Helms nach unten ziehen, wie er die Arme hinter dem Rücken verschränkte, als wisse er, dass er noch eine Weile würde starren müssen, um das Geheimnis des roten Rennwagens direkt vor ihm zu enthüllen, dies alles sollte so aussehen, als wäre der Mann im weissen Overall nach dem Rennen in Spa-Francorchamps schier fassungslos vor Ratlosigkeit.

Natürlich wusste Lewis Hamilton in diesem Moment genau, dass die Bilder um die Welt gehen würden. Und er wusste auch, dass sie eine Botschaft senden würden: Hamilton unmittelbar nach dem Rennen und sein kritisch prüfender Blick durchs Visier auf seinen grössten Gegner: den SF71H. Vettels Ferrari. Hamilton starrte ja nicht auf den Fahrer. Er starrte auf dessen Auto. Kurz darauf sprach er noch den Satz: «Sie haben ein paar Tricks im Auto!»

«Diese Tatsache zu ignorieren, wäre einfach dumm»

Hamiltons Botschaft war: Hier ringt ein viermaliger Weltmeister mit einem anderen viermaligen Weltmeister, aber der Kampf ist spätestens jetzt ein sehr ungleicher. Weil Vettels Auto mit der Präsentation der dritten Ausbaustufe des Motors dem Mercedes von Hamilton noch weiter enteilt ist. «Ich kann nicht immer Wunder vollbringen», sagte Hamilton. «Wir müssen einfach härter arbeiten.»

Härteste Rivalen feiern zusammen auf dem Podium in Spa: Lewis Hamilton und Sebastian Vettel. Bild: FRANCOIS LENOIR/Reuters

Wir, das klang nach der ganzen Mannschaft. Gemeint waren aber vor allem die Ingenieure, die Hamilton in den vergangenen vier Jahren, seit der Einführung des Hybrid-Motors in der Formel 1, stets ein überlegenes Auto in die Garage gestellt hatten. Und nun, nach drei Titeln von Hamilton und einem von Nico Rosberg nacheinander, war der rote Rennwagen, der schon in den vergangenen Rennen schneller war, erstmals deutlich schneller. War das die Wende? «Wir haben ein gutes Auto, das inzwischen überall funktioniert», sagte Vettel.

Eine charmante Untertreibung. Zwei Bilder gibt es von diesem Rennen in Spa-Francorchamps, in dem Vettel mit seinem Sieg vor Hamilton den Rückstand in der WM auf 17 Punkte verkleinerte, die noch länger im Gedächtnis bleiben werden. Einmal ist da jenes von dem fürchterliche Crash direkt nach dem Start. Es zeigt, wie der Renault von Nico Hülkenberg den McLaren von Fernando Alonso in der Spitzkehre «La Source» auf den Sauber von Charles Leclerc schiebt, es zeigt einen fliegenden McLaren der so dicht am Cockpit von Leclerc vorbeisegelt, dass er tiefe Kratzspuren auf dem Halo-Schutzbügel über dem 20-jährigen Monegassen hinterlässt.

Das Foto kündet davon, wie verletzlich der Mensch ist in einem Sport, in dem die Kräfte der Physik tödlich sein können. Und vielleicht auch tödlich gewesen wären. Hätte der seit seiner Einführung zu Saisonbeginn bei Motorsportpuristen umstrittene Halo nicht Leclercs Kopf geschützt. Nach dem Unfall gab es kein kritisches Wort mehr über den Titanbügel, der schon im 13. Rennen nach seiner Einführung womöglich ein Leben gerettet hatte. Fahrer, Teamchefs, zurückgetretene Einmal-Weltmeister: Alle finden den Halo plötzlich klasse. Der Halo helfe, sagte Vettel: «Diese Tatsache zu ignorieren, wäre einfach dumm.»

Das zweite Bild zeigt Vettels Ferrari dabei wie er den Berg hinauf rast in der ersten Runde, hoch aus der Eau Rouge, auf die lang gezogene Kemmel-Gerade und dann rechts vorbei an Hamilton, als reite er eine Mondrakete. «Er hat mich überholt, als wäre ich gar nicht da», sagte Hamilton über diesen erniedrigenden Moment, der insofern zusätzlich beachtlich war, als der Brite sehr ordentlich gestartet war von der Pole Position und auch in der Eau Rouge noch vorne gelegen hatte. Welche Tricks, bitteschön, hatte Vettel also unter der Haube?

Nicht das Wort im Mund umdrehen

Er habe mitnichten unterstellen wollen, sagte Hamilton später, dass Vettel und die Scuderia etwas Verbotenes verbaut hätten im Wagen. Er selbst habe schliesslich auch ein paar Tricks in seinem Auto. Also solle man ihm doch nun bitteschön nicht das Wort im Mund verdrehen und schreiben, er habe behauptet, es sei etwas faul am Ferrari. «Sie haben Dinge im Wagen, die wir nicht haben. Wir haben Dinge im Wagen, die sie nicht haben.» So einfach sei das.

Schon länger hält sich die Diskussion darüber, ob Ferrari seinen Kraftvorteil auch einer speziellen Benzinmischung verdanke, die so teuer ist, dass sie nicht einmal von den Kunden-Teams von Ferrari verwendet wird. Auch ein exklusives Batteriemanagement wurde schon vermutet. Formel-1-Rennleiter Charlie Whiting zeigte sich angesichts Hamiltons möglicherweise missverstandenen Andeutungen «sehr amüsiert».

Der Weltverband kenne alle Geheimnisse von Ferrari und sei mit diesen einverstanden. «Wir kennen eine Menge Details im Ferrari, und ich glaube, Lewis kennt kein einziges. Ferrari macht einfach einen guten Job, und Mercedes muss versuchen, dem etwas entgegenzusetzen.»

Mercedes-Boss Toto Wolff sprach gleich von «vielen Defiziten», die die silbernen Autos vor dem Rennen auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke am kommenden Sonntag in Monza gegenüber den roten hätten. Auch Hamilton war aufgefallen, wie viel schonender die Ferraris in Spa mit den Reifen umgegangen waren. Von Tricks sprach Wolff zwar nicht. Aber er sagte: «Ich denke, sie sind sehr innovativ.»

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