Er trank auch mal 16 Tage lang durch

Kimi Räikkönen kehrt nach 17 Jahren zu Sauber zurück. Der 38-Jährige ist die wohl faszinierendste Figur in der Formel 1. Eskapaden und Alkohol inklusive.

«Ich weiss, was ich tue»: Mit Kimi Räikkönen kehrt einer zu Sauber zurück mit klarer Ansage. Foto: Lars Baron (Getty Images)

«Ich weiss, was ich tue»: Mit Kimi Räikkönen kehrt einer zu Sauber zurück mit klarer Ansage. Foto: Lars Baron (Getty Images)

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Er hat gesoffen, Unmengen. Dauerbetrunken war er, 16 volle Tage lang. Dann fliegt er nach Spanien, es ist Rennwochenende in der Formel 1. An diesem Sonntag im Mai 2012 steigt er als Dritter aufs Podest.

Kimi Räikkönen ist gerade dabei, seinen Ruf zu bewirtschaften. Schon immer rankten sich Geschichten um ihn, fast immer haben sie mit Alkohol oder Eskapaden im Ausgang zu tun. Er soll regelmässig reichlich benebelt über seine Füsse gestolpert sein, über Mittag bei Gesprächen mit Journalisten sieben oder acht Biere hinuntergeschüttet, wilde Feste gefeiert haben. Doch nun ist es der Finne selber, der diese Geschichten erzählt, wie eben jene von Spanien.

Nun, er erzählt sie freilich nicht, es ist nicht die Art des 38-Jährigen, auch nur irgend­etwas zu erzählen. Sie stehen in einem Buch geschrieben, in seiner Biografie, die jüngst erschienen ist. «Zu trinken», heisst es dort etwa, «hat meiner Karriere nicht geschadet. Ich habe halt auch noch für die anderen getrunken.» Es ist von seiner Kindheit in Espoo zu lesen, im Süden Finnlands, von seinem Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen, in einem Haus ohne Toilette.

Oder es steht, was er nach der Ehe mit Jenni Dahlman beim ­ersten Treffen zu seiner heutigen Frau Minttu Virtanen sagte, mit der er mittlerweile Rianna (1) und Robin (3) hat: «Sollten wir ­zusammenkommen, ist Schluss mit Lügen und Seitensprüngen. Ich will die Hölle nicht noch ­einmal erleben. Auch nicht die Angst, die Lügen auslösen.»

Es kracht – keine Regung

Nun also hat auch Räikkönen sein Buch, wie es so viele Sportler haben. Nur will das bei ihm nicht so recht ins Bild passen. Er ist der Mann, der dem plappernden Ingenieur via Funk sagte: «Leave me alone. I know what I’m doing.» Lass mich in Ruhe. Ich weiss, was ich tue. Er ist derjenige, dem sie bei McLaren vor einem Rennen Mess-Elektroden anbrachten und dessen Puls nie in die Höhe schnellte. Nicht bei Überholmanövern. Nicht wenn es krachte. Er ist derjenige, der auf alle Fragen der Journalisten erst einmal mit einem keuchenden «Buah» antwortet, als müsste er ihnen die Relativitäts­theorie erklären – und dabei ein Gesicht macht, als hätte ihm ein plastischer Chirurg eine ganze Menge Nervengift in seine Wange gespritzt.

Räikkönen ist der Mann, der mit derart tiefgezogener Mütze durch das Fahrerlager hetzt, dass es verwundert, wieso er nicht alle paar Meter gegen die Sattelschlepper knallt – nur um nicht irgendwem ein Autogramm ­geben zu müssen.

Räikkönen ist der, der nicht spricht, der Unnahbare, der Mystische. Vielleicht lieben ihn die Formel-1-Fans deshalb so sehr wie keinen anderen. Als Kind ­redete er so wenig, dass ihn die Eltern zum Therapeuten schickten. Im Urteil stand: «Ihr Sohn ist überdurchschnittlich intelligent. Das könnte der Grund sein, warum er es vorzieht zu schweigen.» Vielleicht ist es auch ein körperlicher: Mit fünf rutschte Kimi von den Pedalen des Velos und knallte mit dem Hals auf die Gabel. Die Stimmbänder haben sich bis heute nicht erholt. Also schweigt er lieber, ist er der ­Iceman. Für diejenigen, denen sein Spitzname entfallen sein sollte, hat er ihn als Tattoo auf seinem linken Unterarm verewigt.

Und nun dieses Buch. Es rückt ihn dorthin, wo er gar nicht ­gerne steht: in den Mittelpunkt. ­Irgendwie scheint es, als würde er das jetzt erst bemerken. 

Es war in Monza vor knapp zwei Wochen. Da sass er bei der Pressekonferenz, es gab Fragen nach seiner Offenheit. Er sagte: «Offen? Ich glaube, Sie haben eine falsche Übersetzung.» Die Biografie gibt es nur auf Finnisch, ab dem 18. Oktober soll es sie auch auf Englisch geben.

Er keucht ein «Buah», als müsste er die ­Relativitätstheorie erklären. 

Doch an diesem Donnerstag in Italien ist es so, als würde er versuchen, möglichst jeden ­davon abzuhalten, diese zu erwerben. Nicht viel Neues stehe darin, sagt er, Aufregendes schon gar nicht. Oder: Leave me alone.

Nur wird ihn so schnell niemand in Ruhe lassen, wird das Buch zuhauf gelesen werden. Kimi Räikkönen ist Formel-1-Fahrer und als solcher ohnehin schon in einer ziemlich ungünstigen Position, um unbehelligt durchs Leben zu gehen. Zumal er Weltmeister von 2007 ist, Fahrer der grossen Scuderia Ferrari, beliebt wie kein anderer. Und seit gestern erst recht wieder in den Schlagzeilen.

Nach insgesamt acht Jahren ist Schluss bei den Italienern. Aber nach 17 Jahren nicht Schluss mit der Formel 1. Im Gegenteil: Es geht zurück zum Anfang, zu Sauber, wo er den 18 Jahre ­jüngeren Charles Leclerc ersetzt, der wiederum seinen Platz bei Ferrari einnimmt.

Alles dank Peter Sauber

2000 war es, als sich Räikkönen als 21-Jähriger in Hinwil aufdrängte. Oder besser: von dessen Manager David Robertson aufgedrängt wurde. Dieser redete mit einer solchen Überzeugung und Inbrunst auf Patron Peter Sauber ein, dass der dem Jüngling eine Chance gab, obwohl dieser gerade einmal 24 Rennen in einem kleinen Formel-Renault-Wagen gefahren war. Sonst nichts. Entsprechend schwierig war es, den Welt-Automobilverband FIA davon zu überzeugen, dass dieser Anfänger eine Superlizenz, einen Führerschein für die Königs­klasse, erhalten sollte.

Sauber musste vor ein 26-köpfiges Gremium treten. Max ­Mosley, damals Präsident der FIA, sei dagegen gewesen, erzählte Sauber einst der «SonntagsZeitung». «Doch dann ergriffen Bernie Ecclestone, Jean Todt, Ron Dennis und Frank Williams das Wort und sagten, warum sie dafür seien. Die Abstimmung fiel mit grosser Mehrheit zu meinen und zu Räikkönens Gunsten aus. Damit stand Kimis Start nichts mehr im Weg.»

In seinem ersten Rennen im März 2001 in Melbourne gewann er als Sechster den ersten WM-Punkt, am Ende waren es neun und der 10. WM-Platz. Räikkönen wurde von grossen Rennställen umworben, wechselte nach der Saison zu McLaren-Mercedes, 2007 zu Ferrari, wo er gleich Weltmeister wurde, 2012, nach drei Jahren in der Rallye-WM, zu Lotus und 2014 zurück zu Ferrari. Und nun also kommt der Wahlschweizer mit Wohnort Baar wieder beim Rennstall aus Hinwil unter.

Wo alles begann. Wo vielleicht alles endet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2018, 22:05 Uhr

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Formel 1: GP England

NameTeamZeit
1.Lewis HamiltonMercedes 1:21:27.430
2.Valtteri BottasMercedes +14.063
3.Kimi RaeikkoenenFerrari +36.570
4.Max VerstappenRed Bull +52.125
5.Daniel RicciardoRed Bull +1:05.955
6.Nico HuelkenbergLotus Renault +1:08.109
7.Sebastian VettelFerrari +1:33.989
8.Esteban OconForce India+ 1 Runde
9.Sergio PerezForce India+ 1 Runde
10.Felipe MassaWilliams+ 1 Runde
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Stand: 17.07.2017 07:35

Formel 1: WM-Stand Fahrer

NameTeamP
1.Lewis HamiltonMercedes72861
1.Lewis HamiltonMercedes381
3.Sebastian VettelFerrari72871
3.Sebastian VettelFerrari278
4.Kimi RaeikkoenenFerrari72871
4.Kimi RaeikkoenenFerrari150
5.Valtteri BottasMercedes72867
5.Valtteri BottasMercedes136
6.Felipe MassaWilliams72867
6.Felipe MassaWilliams121
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Stand: 11.04.2016 10:40

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