Er trägt die Last von halb Italien

Antonio Giovinazzi ist der erste Italiener in der Formel 1 seit acht Jahren. Und er will der erste nach fast drei Jahrzehnten werden, der bei Ferrari fährt. Am Sonntag beginnt seine Mission.

Bereit für das neue Abenteuer: Antonio Giovinazzi vor seiner ersten Saison als Stammfahrer. Foto: Zak Mauger (LAT Images)

Bereit für das neue Abenteuer: Antonio Giovinazzi vor seiner ersten Saison als Stammfahrer. Foto: Zak Mauger (LAT Images)

René Hauri@tagesanzeiger

Italien ist Autoland. Italien ist Rennsportland. Die Formel 1 ohne Ferrari? Unvorstellbar. Ohne Monza, diesen Wallfahrtsort für Tausende Tifosi? Geht nicht. Die Königsklasse ohne italienischen Fahrer? Tja: Das geht. Musste in den letzten Jahren gehen, irgendwie.

Vitantonio Liuzzi und Jarno Trulli waren die Letzten, die die grün-weiss-rote Flagge in die grosse Welt des Automobilsports trugen. Das war 2011. Seither? Ebbe. Kein Grosstalent, das nachgerückt wäre, kein Hoffnungsträger. Denn das waren sie stets, die italienischen Formel-1-Fahrer, sie hätten Sehnsüchte stillen sollen. Selten gelang das. Zwei Weltmeister stellt das Land: Giuseppe Farina und Alberto Ascari. Der eine gewann die Premiere 1950, der andere 1952 und 1953. Das wars. 66 Jahre sind seither über den Stiefel im Süden Europas gezogen, sorgten Fahrer wie Michele Alboreto, Riccardo Patrese, Giancarlo Fisichella oder eben Trulli für Lichtblicke – sonst aber war es zappenduster.

Rot-Weiss, die Farbe stimmt

Es sitzt ein junger Mann im Motorhome eines Formel-1-Teams, gross gewachsen, schmächtig, mit langen schwarzen Haaren bis über den Nacken, dunkle, wache Augen. Seine schmalen Schultern sehen nicht aus, als würden sie die Last einer halben Nation tragen können. Müssen sie aber. Er ist jetzt der Mann der Sehnsüchte: Antonio Giovinazzi, 25, aus Martina Franca, Apulien, im Absatz des Stiefels.

Die Farben stimmen schon einmal. Er trägt eine rot-weisse Mütze, die italienische Flagge ist an der Seite aufgenäht, sein Jäckchen ist rot-weiss. Darauf prangt aber nicht das Pferd Ferraris. Es steht: Alfa Romeo. Immerhin, italienisch und traditions­geladen auch dieses Gütezeichen. Und es muss ja noch Luft nach oben geben. Giovinazzi sagt: «Das hier ist nicht das Ende meines Traums, es ist der Anfang.» Enden soll er bei Ferrari, wo er sich hinsehnte, seit er ein Kind war.

Es schwingen bei ihm die Erinnerungen an die grossen Zeiten mit – wie bei so vielen Italienern. 2001 sei die erste Saison gewesen, an die er sich erinnere, sagt Giovinazzi. Sieben Jahre alt war er. «Es gab einen Piloten, der alles dominierte. Natürlich war Michael Schumacher mein Held.»

«Kiimi ist ein guter Lehrer und eine gute Referenz.»Antonio Giovinazzi

2007 gab es den bislang letzten Fahrertitel für Ferrari. Am Steuer: Kimi Räikkönen. «Auch er war mein Idol», sagt Giovinazzi. Jetzt ist er sein Teamkollege bei Alfa Romeo, das eigentlich das Sauber-Team aus Hinwil ist. «Grossartig» findet das Giovinazzi, der den Namen seines Kumpans schon fleissig braucht bei seinen Ausführungen.

«Kiimi», wie er ihn nennt, hat es dem jungen Südländer angetan. Wo er kann, schaut er sich Dinge ab vom 39-jährigen Finnen. «Er ist ein guter Lehrer und eine gute Referenz», sagt Giovinazzi. Die braucht er, es wird seine erste Saison in der Formel 1.

Vor zwei Jahren hat er schon einmal die Dämpfe der grossen Motorsportwelt eingeatmet, als er beim Start in Australien und in China für den verletzten Pascal Wehrlein ins Sauber-Cockpit stieg. Rang 12 gab es zum Auftakt, einen Ausfall im zweiten Rennen.

«Ein Traum wurde wahr»

Unverhofft und unvorbereitet war er eingesprungen. Wehrlein hatte sich erst am Samstagmorgen zum Verzicht entschieden, Giovinazzi blieb nur das dritte freie Training vor dem Qualifying, um die Strecke kennen zu lernen. «Jetzt bin ich viel entspannter und gut vorbereitet. Ich bin sicher der bessere Fahrer als damals», sagt der 25-Jährige. Obwohl er seither kein Rennen bestritt, nicht in der Formel 3, nicht in der Formel 2, nirgends.

Die Famiglia hatte Ende 2016 gerufen, die Famiglia Ferrari. Giovinazzi hatte in der Formel 2 den Kampf um den Titel gegen den heutigen Red-Bull-Fahrer Pierre Gasly knapp verloren. Ferrari holte ihn als dritten Piloten. «Ein Traum wurde wahr», sagt er.

Wertvolle Trockenübungen

Giovinazzi testete in Simulatoren, war bei Sitzungen mit Räikkönen und Vettel dabei, «ich habe sehr viel gelernt, das waren zwei wertvolle Jahre», sagt er. Nun also verschafften ihm die Italiener den Platz beim Schweizer Rennstall, so wie sie das im letzten Jahr mit Charles Leclerc getan hatten. Der Monegasse bewährte sich derart, dass er gegen Räikkönen getauscht wurde. Ein ähnliches Szenario dürfte auch Giovinazzi vorschweben.

Ein italienischer Pilot bei Ferrari, das wärs. Den letzten heimischen Stammfahrer hatte der Rennstall vor 27 Jahren. Ivan Capelli hiess der Mann, der für eine Saison neben Jean Alesi fuhr. Der Hunger in der Heimat ist entsprechend gross. Auch der Druck? Giovinazzi blickt zur Seite, denkt kurz nach, er sagt: «Die Italiener wollen einen schnellen Landsmann im Auto sehen. Nun: Ich bin der Einzige, also muss ich einen guten Job und die Italiener stolz machen.» Das will er in dieser Saison bei Alfa Romeo tun.

Es ist ein grosser Schritt auf seinem Weg, der als Dreijähriger begann, als ihm der Vater einen Kart schenkte. «Kart fahren bedeutete für mich damals die Welt.» Mit dem Sohn wuchs die Passion der ganzen Familie. Sein Vater, in der Logistikbranche tätig, seine Mutter und seine jüngere Schwester mussten dafür einige Opfer bringen.

Fast-Food-Riese als Gönner

Sie brauchten auch Glück. Bald umgaben ihn Personen, die sein Talent erkannten, ihn förderten und die immensen Ausgaben trugen. Als er zwölf war und seine Karriere am Finanziellen zu scheitern drohte, ermöglichte ihm ein Teambesitzer den Aufstieg in die grosse Kart-Serie.

Später half Ricardo Gelael, ­Besitzer eines indonesischen Fast-Food-Imperiums. Dessen Sohn Sean ist ebenfalls Rennfahrer. «Ende 2011 kam er auf mich zu, er wollte eine Art Trainer oder Trainingspartner für seinen Sohn», sagt Giovinazzi. «Ich sagte zu und wurde in der Familie aufgenommen wie ein zweiter Sohn.» Auf sämtlichen Stufen wurde er von den vermögenden Gelaels finanziell getragen. Bis Ende 2016 Ferrari anklopfte.

Am Sonntag bestreitet Antonio Giovinazzi in Melbourne sein erstes Rennen als Stammfahrer der Formel 1. Es soll nicht das Ende, es soll der Anfang eines Traums sein.

Redaktion Tamedia

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt