«Ein normales Kind hätte geweint»

Max Verstappen belebt seit vier Jahren die Formel 1 – auch mit ungestümen Aktionen. Vor dem GP von Monaco redet er über sein Temperament und die Kindheit mit einem strengen Vater.

«Es brauchte Zeit, bis ich akzeptiert wurde»: Max Verstappen. Foto: Getty Images

«Es brauchte Zeit, bis ich akzeptiert wurde»: Max Verstappen. Foto: Getty Images

René Hauri@tagesanzeiger

Er war mit 17 der jüngste Formel-1-Fahrer und mit 18 der jüngste Sieger. Und er war oft Grund für Ärger auf der Strecke. Derzeit ist Max Verstappen Dritter in der WM. Der 21-jährige Sohn des ehemaligen Formel-1-Piloten Jos Verstappen fällt 2019 nicht mehr durch seine hitzige Fahrweise auf, sondern durch Souveränität. Er sitzt auf der Terrasse des Luxus-Flosses von Red Bull im Hafen von Monte Carlo und redet über seinen Wandel.

Sie wurden in der Vergangenheit oft kritisiert. Von wem akzeptieren Sie Kritik?
Von meiner Familie. Sie steht mir am nächsten und kennt mich am besten.

Ihr Vater ist nicht mehr bei jedem Rennen dabei. Wie nahe sind Sie ihm noch?
Sehr nahe. Ich spreche jeden Tag mit ihm und über alles Mögliche. Er kennt mich wie niemand sonst. Wir hatten unsere gemeinsame Zeit, und es tut gut, mit ihm über alles zu reden, was ich erlebe.

«Habe ich ein schlechtes Rennen, redet jeder über mich. Habe ich ein gutes, ist es anders.»

Er war in Ihrer Kindheit Ihr Lehrer auf dem Weg zum Rennfahrer. Wie war das?
Nun, ohne ihn würde ich nicht hier sitzen. Natürlich war er eine sehr grosse Hilfe in meiner Karriere. Er war hart zu mir, klar, aber ich denke, dass ich das auch brauchte.

Wie meinen Sie das?
Vielleicht hätte ein normales Kind geweint und hätte es nicht mehr geniessen können, Rennen zu fahren. Mein Vater war streng, aber das war gut für mich, ich brauchte diese Art von Behandlung, denke ich.

Weshalb?
Ich war eher entspannt, ab und zu benötigte ich einen Weckruf.

Gab es auch schwierige ­Momente?
Als ich klein war, mochte ich es manchmal nicht, wie er mit mir umging. Aber er wusste, wie man Formel-1-Fahrer werden kann, welche Opfer es braucht und wie viel harte Arbeit dahintersteckt. Also war es schliesslich gut für mich, war er an meiner Seite und streng zu mir.

Sind Sie ihm dankbar?
Aber sicher, ja.

Welches Lebensmotto hat er Ihnen vermittelt?
Bleib immer du selber, sei aufrichtig und steh mit beiden Füssen auf dem Boden.

Er ist kaum mehr dabei: Haben Sie sich abgenabelt?
Ich mache langsam mein eigenes Ding. Er ist mehr im Hintergrund, weil ich jetzt die Erfahrungen selber mache.

Wie zeigt sich die Erfahrung?
Ich fahre eigentlich ähnlich wie früher, über die Jahre wurde ich aber immer gelassener. Ich weiss jetzt eher, was mich erwartet.

Welchen Lernprozess haben Sie im letzten Jahr durchgemacht?
Ich lerne jedes Jahr, das ist der normale Prozess des Lebens.

Sie wirken besonnener.
Das finde ich nicht. 2018 war ich nach den ersten sechs Rennen auch sehr gut, ähnlich wie jetzt.

Zuvor gab es viele Diskussionen wegen Berührungen mit Vettel, Hamilton, wegen des Unfalls mit Ihrem damaligen Team­kollegen Ricciardo in Baku.
Es gibt immer Diskussionen.

Das alles interessiert Sie nicht?
Nein.

Ist es einfacher für Sie, jetzt, da es still ist um Sie?
Das spielt keine Rolle. Jeder ist nur so gut wie sein letztes Rennen. Habe ich ein schlechtes, redet jeder über mich. Habe ich ein gutes, ist das anders. Es ist nicht aufregend, zu schreiben, dass etwas gut war. War es schlecht, gibt es mehr zu sagen und mehr Leute, die eine Meinung haben.

Reagieren die Gegner anders auf Sie?
Am Anfang prasselte viel auf mich ein, ich musste verstehen, wie ich fahren muss, wie gut ich bin oder nicht. Es brauchte Zeit, bis ich akzeptiert wurde. Aber das ist normal.

Jetzt fühlen Sie sich akzeptiert?
Ich denke schon. Aber solche Sachen beschäftigen mich nicht.

Was würde es bedeuten, würden Sie in Monaco gewinnen?
Jeder Grand Prix ist schön zu gewinnen, egal, ob hier oder sonstwo. Es ist schön, Erster zu sein.

Sie wohnen hier. Ist es speziell, vor der Haustür zu fahren?
Ich habe mich daran gewöhnt, ich wohne ja schon seit 2015 in Monte Carlo. Es ist ein sehr spezieller Grand Prix mit dem ganzen Drumherum und der herausfordernden Strecke. Die Marge ist klein – entsprechend schwierig ist es, das Limit zu finden.

Sie haben den belgischen und den holländischen Pass und wohnen in Monaco. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
In Monaco. Ich geniesse es, hier zu leben.

In Holland haben Sie eine riesige Fanschar. Wie ist es, diese orange Wand zu sehen?
Es ist eine gute Motivation. Ich hoffe, dass ich 2020 beim Heimrennen nicht eine orange Wand, sondern ein oranges Meer sehe.

Was erwarten Sie vom Rennen in Zandvoort, wohin die Formel 1 zurückkehrt?
Es wird anstrengend. Und sie nehmen noch Änderungen an der Strecke vor, sodass wir hoffentlich gut überholen können.

In dieser Saison haben Sie Ferrari überholt. Überrascht?
Ich bin vor allem glücklich über unsere Vorstellungen. Während Ferrari das Potenzial nicht an jedem Wochenende abrufen konnte, haben wir immer das Beste aus dem Auto herausgeholt. Wir wollen aber wieder Rennen gewinnen. Das ist derzeit nicht möglich.

Wie frustrierend ist es, dass Mercedes allen davonfährt?
Das ist schon frustrierend. Aber es bedeutet nur, dass Mercedes einen sehr guten Job macht.

Sie werden als künftiger Weltmeister gehandelt. Ist das mit Red Bull möglich?
Ich denke, ja. Ich glaube an das Projekt mit Honda. Wir arbeiten hart daran, die Lücke zu Mercedes zu schliessen.

Wie hart würden Sie kämpfen, ginge es um den WM-Titel?
So wie bisher.

Weil es Ihr Stil ist?
Weil es bis jetzt ganz gut geklappt hat. Es gibt keinen Grund, daran etwas zu ändern.

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