Die Fragezeichen sind verschwunden

Und auf einmal ist Tom Lüthi wieder ein Titelkandidat. Sein tolles Comeback ist nur auf den ersten Blick überraschend.

58. Podestplatz seiner Karriere: Tom Lüthi in Katar.

58. Podestplatz seiner Karriere: Tom Lüthi in Katar.

Superlative gilt es spärlich einzusetzen, man weiss das, und doch darf festgehalten werden: Tom Lüthi gab am Sonntagabend in Katar mit dem wilden Ritt auf Rang 2 eine eindrucksvolle Bewerbung als «Comeback des Jahres» ab. Nach einer Saison unter dem Pleiten-und-Pech-und-Pannen-Motto in der MotoGP war er der grosse Absteiger gewesen, er galt als Versager und Verlierer, weil er nicht nur gnadenlos hinterherfuhr, sondern nicht einmal einen einzigen WM-Punkt eroberte.

Nicht wenige Beobachter fanden sogar, die Zeit Lüthis sei abgelaufen, er sei ein alter Mann im dynamischen, gefährlichen Motorennsport. Der 32-Jährige könnte tatsächlich eine Art Vaterfigur für viele Konkurrenten sein, aber er ist jung geblieben, in Geist und Körper. Und er hat sich auf diese Saison nach der Rückkehr in die Moto2 neu erfunden.

Deshalb ist Lüthis bemerkenswerte Aufholjagd vorgestern nach Stotterstart von Rang 11 aufs Podest nur auf den ersten Blick überraschend. In der Winterpause nahm er erhebliche Veränderungen in allen Bereichen vor, arbeitete härter mit dem Fitnesstrainer und intensiver mit dem Mentalcoach, vertraute gleich zwei verschiedenen Fahrlehrern, tüftelte mit den Mechanikern. Und er sei, sagen Vertraute, offener für Kritik geworden.

Mit Wut und Unsicherheit

In diesem Jahr tritt Tom Lüthi auf jeden Fall auch mit einer beachtlichen Portion Wut an. «Tom will allen beweisen, dass er es noch kann», sagt sein Manager und Förderer Daniel Epp. Das Abenteuer MotoGP erlitt Schiffbruch, aber der Absturz sorgt für Extramotivation. «Es war schwierig, vieles wurde geschrieben und kritisiert», sagt Lüthi, «doch das ist nun zum Glück vorbei.»

Es sind diese Umstände, die sein rasantes Comeback derart speziell gestalten. Lüthis Selbstvertrauen hatte letztes Jahr enorm gelitten, die Unsicherheit vor dem Start war massiv gewesen. Neue Maschine und neuer Motor, neues Team und zwar alte, aber eben wegen all der Veränderungen doch neue Serie. Hinzu kamen der erste Sturz des Jahres am Freitag im Training sowie die Dominanz seines Dynavolt-Kollegen Marcel Schrötter, der Lüthi und dem Feld im Qualifying davongefahren war. «Dieses Resultat ist besonders wertvoll», sagt Manager Epp, «weil alle Fragezeichen verschwunden sind. Tom hat gezeigt, dass er vorne mithalten kann.»

Im Rennen war Tom Lüthi klar der schnellste Pilot, er zeigte eine der besten Leistungen und vermutlich die spektakulärste Fahrt seiner Karriere, letztlich fehlten 26 Tausendstelsekunden zum 17. Sieg. Hätte das Rennen nur eine Kurve länger gedauert, auch der Italiener Lorenzo Baldassarri hätte sich von Lüthi wahrscheinlich noch überholen lassen müssen. «Es war perfekt», sagt der Emmentaler, «unser Team hat wochenlang grossartig gearbeitet, ich hatte die ganze Zeit riesiges Vertrauen in den Töff. Das hat sich ausbezahlt.»

14 Jahre später?

Tom Lüthi ist wieder da. Und selbst wenn es nach einem Rennen zu früh ist, um den Altmeister bereits zum WM-Topfavoriten auszurufen, so wissen die jungen Rivalen nun, dass mit dem Schweizer zu rechnen ist. In seinen ersten sieben Moto2-Saisons hatte Lüthi übrigens jeweils vier bis sechs Podestplätze geholt, 2017 schliesslich sogar zehn.

Nach den WM-Rängen 2 in den Jahren 2016 und 2017 würde ein Titelgewinn seine lange, erfolgreiche Karriere krönen. Schier unvorstellbare 14 Jahre nach seinem bisher einzigen Triumph in der Weltmeisterschaft 2005 in der damaligen 125er-Klasse. Und das wäre dann ganz bestimmt ein «Comeback des Jahres».

Berner Zeitung

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