«Die Angst wird nie mitfahren»

Der Berner Töffpilot Dominique Aegerter hat den fürchterlichen Sturz verarbeitet. Er spricht über den Unfallverursacher, über die Angst, die bald mitfahren könnte, und über sein Comeback.

Eine Rüeblitorte zum Abschied: Bevor Dominique Aegerter die Klinik in Bad Ragaz verlässt, bläst er eine Kerze aus.

Eine Rüeblitorte zum Abschied: Bevor Dominique Aegerter die Klinik in Bad Ragaz verlässt, bläst er eine Kerze aus.

(Bild: Keystone)

Wie geht es Ihnen?
Dominique Aegerter: Es geht mir von Tag zu Tag besser. Mitleid muss man keines mit mir haben. Ich habe viele Anrufe erhalten, E-Mails, SMS und Genesungswünsche von Social-Media-Nutzern. Das hat mich alles sehr gefreut, aber ich will zurück auf den Töff – und darauf Erfolge feiern.

Plagen Sie Schmerzen?
Letzte Woche konnte ich die Schmerztabletten absetzen. Es geht aufwärts, auch wenn mir der Rücken bei gewissen Bewegungen noch sehr wehtut. Auch die rechte Hand kann ich noch nicht allzu fest belasten.

Wie viel Prozent Mobilität haben Sie momentan?
Das ist schwierig zu sagen. Jetzt gerade kann ich nicht mal auf den Töff sitzen – also liegt meine Mobilität bei 0 Prozent. Wenn ich heute aber auf eine Wanderung gehen würde, so würde meine Mobilität bei 99 Prozent liegen (schmunzelt).

In der vornehmen Reha-Klinik Bad Ragaz wurden Sie auch kulinarisch bestens betreut. Haben Sie zugenommen?
Nein. Mein Zimmer war auch mit einer Waage ausgestattet. Ich habe mein Gewicht stets kontrolliert. Aber ich freute mich jedes Mal aufs Essen. Da ich eine gute Fettverbrennung habe und so oft wie möglich im Ausdauerbereich trainierte (Velo, Laufen, die Red.), habe ich nicht zugenommen.

Sie setzen sich intensiv mit dem Unfall auseinander. In der «Schweiz am Sonntag» war zu lesen, dass Sie im Internet nach Videos Ihres Aufpralls suchen. Weshalb tun Sie sich das an?
Mich nimmt wunder, wie ich gestürzt bin, wie ich mit dem Rücken und der Hand aufgeschlagen bin. Ich habe es noch nicht herausgefunden, weil ich im Internet bis jetzt kein Filmchen entdeckt habe. So weiss ich vom Unfall nur, wie mich Xavier Simeon von hinten touchiert hat.

Sind Sie sich bewusst, dass Sie nach Ihrem fürchterlichen Sturz in Aragon auch im Rollstuhl hätten landen können?
Wenn ich auf dem Töff sitze, denke ich nicht, was passieren kann. Ich bin mir aber schon bewusst, dass mein Sport gefährlich ist. Wenn man Angst hat, ein Risiko einzugehen, ist man nie schnell unterwegs. Töfffahren ist mein Leben, mir gefällt dieser Sport. In Aragon habe ich sicher Glück gehabt. Aber es ist hart für mich, zwei bis drei Wochen pausieren zu müssen. Ich habe seit neun Jahren nie ein Rennen verpasst.

Wird die Angst in Zukunft mitfahren?
Nein, die Angst wird nie mitfahren. Sie hat keinen Platz. Ich liebe das Adrenalin und die Geschwindigkeit, ich mag es, mich bei Tempo 200 km/h mit dem Konkurrenten Ellbogen an Ellbogen zu duellieren. Ich hatte ohnehin keine Schuld am Unfall. In Zukunft muss ich versuchen, schneller zu fahren. Oder zwei Rückspiegel zu montieren – damit ich sehe, wenn mich einer überfahren will.

Sind Sie Xavier Simeon böse?
Nein, Xavier Simeon wollte diesen Unfall sicher nicht verursachen. Er hat mich im Spital besucht und sich entschuldigt. Für mich ist es erledigt.

Sie möchten unbedingt beim WM-Abschluss am 8. November in Valencia wieder an der Startlinie stehen. Weshalb gehen Sie das Comeback nicht behutsamer an – sportlich ist die WM für sie doch gelaufen?
Nochmals: Töfffahren ist mein Leben. Wenn ich mich gesund fühle und das Risiko nicht zu hoch ist, will ich beim letzten Grand Prix der Saison am Start stehen – auch wenn das ein paar Leute anders sehen. Obwohl es sportlich nichts zu gewinnen gibt, möchte ich bei meinem Team sein und in Valencia wertvolle Informationen sammeln.

In der schweren Zeit nach Ihrem Unfall lag auch Ihr Vater Ferdinand «Fere» Aegerter im Spital. Er hatte eine Herzoperation. Hat Sie das stark belastet?
Ja, sehr. Mein Vater, der so viel für mich getan hatte, lag zwei Tage lang auf der Intensivstation. Es ging ihm schlecht. Deshalb rief ich ihn sofort an, als ich wieder im Besitz meines Handys war. Ich wollte ihn beruhigen – auch wenn ich damals gar nicht wusste, wie schwer meine Verletzungen waren.

Sie sagten, dass Sie sich nach Ihrer Rückkehr nach Rohrbach als Erstes auf einen Töff setzen werden. Weshalb?
Es reizt mich. Ich möchte den Motor aufheulen lassen, den Ton hören, das Gas aufdrehen und den Geschmack wahrnehmen.

Die Räder bleiben dabei aber still?
Ich glaube schon. Aber nicht mehr lange... ...(lacht).

Berner Zeitung

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