Zum Hauptinhalt springen

Der Mythos Le Mans lebt

Die Geschichte der 24 Stunden von Le Mans ist um ein paar dramatische Kapitel reicher – der Berner Neel Jani spielt darin eine tragende Rolle.

Peter Berger, Le Mans
Spektakulär. Eine Viertelmillion Zuschauer verfolgen die 85.?Austragung der 24 Stunden von Le Mans.
Spektakulär. Eine Viertelmillion Zuschauer verfolgen die 85.?Austragung der 24 Stunden von Le Mans.
Keystone
Die Fans cam­pieren direkt an der Strecke.
Die Fans cam­pieren direkt an der Strecke.
Peter Berger
1 / 4

Am Ende ist alles ganz normal: Die Zuschauer strömen in Scharen von den Rängen auf die Piste und jubeln den Siegern zu. Die Porsche-Piloten Timo Bernhard, Earl Bamber und Brendon Hartley verspritzen auf dem Podest Champagner. Aber die 85. Austragung des legendären Rennens ist keine, die man schnell vergessen wird.

Ein herkömmliches Langstreckenrennen dauert 6 Stunden. Die 24 Stunden von Le Mans sind schon deshalb nicht normal. Eigentlich dauert das Spektakel an der Sarthe aber mehrere Tage. Die Fahrer sind bereits eine Woche vorher angereist, der Waadtländer Sébastien Buemi etwa per Privatjet direkt nach dem Sieg im Formel-E-Rennen von Berlin. Aber nicht nur die Piloten sind rechtzeitig vor Ort, auch viele Fans sind bereits da und besetzen die besten Campingplätze.

Überhaupt ist der Zuschaueraufmarsch gigantisch. Die 258'500 Besucher am Rennen sind das eine; imposant ist die Kulisse aber auch schon am Donnerstagabend während des Qualifyings. Noch mehr Leute sind am Freitag da, obwohl von den Boliden an diesem Tag kein einziger Motor aufheult. Dafür sind die Autos ausgestellt und werden von den Fans bestaunt. Unzählige Selfies halten diese magischen Momente fest. Wer einmal an einem Rennwagen ein Rad wechseln möchte, darf das tun, sofern er in der Warteschlange irgendwann zuvorderst steht.

Nach der Boxengasse sind dann am frühen Abend die Gassen in der Innenstadt verstopft. Die Fahrerparade zwängt sich in einer langen Kolonne durch die Stadt, gefeiert von der Menge. Le Mans ist mit rund 140'000 Einwohnern mit Bern vergleichbar, aber scheint für diesen Anlass hoffnungslos zu klein zu sein. Auf jedem Balkon stehen Leute, winken den Fahrern zu.

Was sie vereint, ist die Liebe zum Motorenlärm. Diesen gibt es am Samstag in voller Lautstärke zu hören. Das Publikum fiebert schon Stunden vor dem Start dem legendären Rennen entgegen. Wer einen Campingstuhl hat, sichert sich seine persön­liche Poleposition. Die Sonne brennt erbarmungslos. Dann erklingt die Marseillaise. Viele Franzosen singen die Hymne lautstark mit. Um Punkt 15 Uhr bricht richtig Jubel aus, als die Boliden durch die ersten Kurven brausen. 367 Runden wird das Siegertrio zurücklegen, fast 5000 Kilometer.

Kaum sind die Startminuten vorbei, setzt entlang der Strecke eine Völkerwanderung ein. Wer keinen Tribünenplatz hat, und das ist die Mehrheit, macht sich auf den Weg zur nächsten Schikane mit guter Aussicht. Wer Durst hat, und das haben alle, muss an den Verpflegungsständen lange anstehen. Zu stören scheint das niemanden. Die Stimmung ist friedlich, und bei einigen Alkoholkonsumenten schon zu diesem Zeitpunkt feuchtfröhlich.

In der Zwischenzeit kommen die ersten Fahrer an die Boxen. Der Bieler Neel Jani tut dies im Porsche erstmals nach 45 Minuten an zweiter Stelle liegend, nachdem er gleich in der Startrunde den vor ihm liegenden Landsmann Buemi im Toyota hat überholen können. Das Rennen verläuft wegen Defekten und Führungswechseln dramatisch. Um Mitternacht sind wieder die ­beiden Schweizer Toppiloten unterwegs, als Buemis Wagen an der Vorderachse zu rauchen beginnt.

Das Auto bleibt im Rennen, die Reparatur dauert aber derart lange, dass der Favorit bereits nach einem Drittel des Rennes keine Chance mehr auf seinen ersten Sieg hat. Noch schlimmer ergeht es wenig später dem in Führung liegenden ­Toyota-Markenkollegen Kamui Kobayashi. Der Japaner muss sein Auto mit einem Kupplungsdefekt ironischerweise in der Porsche-Kurve abstellen. Jani übernimmt um 0.45 Uhr die Spitze.

Auch der dritte Toyota-Wagen kommt nicht viel weiter. Ausgerechnet Simon Trummer fährt diesem ins Heck. Der Frutiger muss aufgeben, auch der Toyota schafft es nicht mehr an die Box. Das Schicksal schlägt damit für Toyota erneut erbarmungslos zu. Im Vorjahr hatten nur drei Minuten zum ersten Sieg am prestigeträchtigsten Automobilrennen neben dem Formel-1-Grand-Prix in Monaco und den 500 Meilen von Indianapolis.

Nach der spektakulären Phase lichten sich auch die Zuschauerreihen. Die Souvenirshops und Verpflegungsstände schliessen, die Gäste verkriechen sich in ihre Zelte, bald ist es auch dort ruhig. Wer keinen Unterschlupf hat, schläft einfach im Schlafsack entlang der Strecke oder auf dem Campingstuhl. Als die Sonne wieder aufgeht, steuert Jani in seinem dritten Stint den Wagen sicher Richtung Titelverteidigung. Die Zelte leeren sich, die besten Plätze sind rasch wieder besetzt. Kurz nach 11 Uhr folgt das nächste Drama. Der führende Porsche wird plötzlich langsam. Janis Teamkollege André Lotterer steuert den Boliden noch mit 28 statt mit 340 km/h. Dann steht er ganz still, und Janis Traum vom zweiten Sieg platzt auf einen Schlag.

Immerhin steht doch noch ein Schweizer auf dem Podest. Die Westschweizer Equipe Vaillante Rebellion aus der zweithöchsten LMP2-Kategorie mit dem Genfer Mathias Beche klassiert sich hinter dem chinesischen Team von Jackie Chan DC Racing im dritten. Rang. Dass Janis Porsche-Kollegen aus dem Schwesterauto mit dem Deutschen Bernhard und den Neuseeländern Bamber und Hartley am Ende nach einer Aufholjagd ganz oben stehen, passt zur verrückten Renngeschichte und ist ganz nach dem Gusto der Fans. Sie sehen, dass hier eben nichts normal ist, und erleben den Beweis hautnah mit: Der Mythos der 24 Stunden von Le Mans lebt.

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch