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Damon Hill: «In England ist Hamilton ein Jahrhundert-Ereignis»

Der Brite Damon Hill, 1996 Formel-1-Weltmeister, spricht über seinen Nachfolger, Sebastian Vettel und Michael Schumacher.

Lewis Hamilton, als britischer Formel-1-Weltmeister Ihr Nachfolger, musste am Sonntag unglaublich zittern – Sie auch?

Und wie. Als der Regen einsetzte, wurde das Rennen dramatisch.

Darf sich ein angehender Weltmeister von einem Neuling mit schlechterem Auto überholen lassen, wie es Hamilton mit Sebastian Vettel widerfahren ist?

Stellen Sie sich vor: Hinter Ihnen kommt dieser talentierte Bursche aus reinem Testosteron angeflogen, der rein gar nichts zu verlieren hat. Der Kerl fährt Ihnen im Zweifel mitten durchs Auto. Bevor Sie sich mit ihm anlegen, ohne Räder und Titel im Kiesbett enden und zu Fuss in die Boxengasse zurückkehren, lassen Sie ihn passieren. Das hat Lewis getan. Übrigens ist es keine Schande, von Vettel überholt zu werden. Er hat ein Rennen gewonnen und ist ein kommender Champion. Auch für Timo Glock war es keine Schande, von Hamilton kurz vor dem Ziel überholt zu werden. Seine Reifen waren hinüber. Auch Glock ist ein bärenstarker Fahrer.

Ist er so gut wie Vettel?

Nein, zumindest jetzt noch nicht. Vettel ist etwas Besonderes. Aber man sieht bei fünf Deutschen im Feld, dass dort die Nachwuchsarbeit funktioniert.

Hamilton ist nach zwölf Jahren der erste britische Champion. Wie hat Ihr Land darauf reagiert?

Zuerst gratulierte der Premierminister, danach die Queen, und die Medien stehen Schlange. In England ist Lewis Hamilton ein Jahrhundert-Ereignis. Sein Erfolg wird dem Mutterland des Motorsports einen kräftigen Schub verleihen.

Ist die Stimmung ähnlich wie bei Ihrem Titelgewinn?

Ja, vor allem die Geschichten in den Zeitungen, alles exakt dasselbe. Das muss man sehen, um es zu glauben. Hätte ich das damals gewusst, hätte ich darüber gelacht.

Wie lange dauert die Verarbeitung eines Formel-1-Titelgewinns?

Ein paar Jahre. Das Schöne daran ist: Nichts und niemand kann dir den Titel wegnehmen.

Hamilton tat sich schwer gegen Felipe Massa, der nicht zur Crème der Formel 1 gezählt wird. Gibt das Punktabzüge?

Nein, im Gegenteil. Massa hat 2008 sechs Rennen gewonnen, eines mehr als Hamilton, mehr als jeder andere. Er war stärker als Kimi Räikkönen im gleichen Auto. Es wertet Lewis’ Leistung auf, sich gegen Felipe durchgesetzt zu haben.

Früher hatte Hamilton oft zu viel Gas gegeben. Hat er nun das optimale Mass gefunden?

Es muss unglaublich schwer für ihn gewesen sein, im Endkampf unter seinen Möglichkeiten zu agieren. Denn der Instinkt eines Rennfahrers befiehlt permanent: angreifen, angreifen. Und dieser Instinkt ist bei Lewis besonders stark ausgeprägt.

Die Frage bezog sich eher auf Brechstangen-Manöver wie seinen Start in Japan?

Solche Sachen haben Ausnahmefahrer wie Ayrton Senna und Michael Schumacher auch fertig gebracht. Wissen Sie noch, wie Senna in Monaco mit einer Minute Vorsprung, also völlig unnötig, in die Leitplanken prallte?

Das war 1988. Genau wie Senna damals will Hamilton seine Gegner brüskieren, demontieren, erniedrigen – kein schöner Zug.

Wenn man so viel Talent und Selbstbewusstsein hat wie er, muss es schwer sein, damit umzugehen. Das ist eine Waffe, die er richtig einsetzen muss.

Dieser Stil wirkt provozierend.

Hamilton ist ein Provokateur. Der Grat zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz ist sehr schmal. Ich empfinde ihn aber nicht als arrogant. Dafür ist er zu ehrlich und zu intelligent.

Wo steht er in der Reihe der britischen Champions Jackie Stewart, James Hunt, Nigel Mansell und Damon Hill?

Jeder passt in seine Zeit, jeder hat seine ganz eigenen Qualitäten. Wie bei Mansell ist sein Glaube an sich selbst unerschütterlich. Mansell war dazu ein irrer Kämpfer, den die Leute auch wegen seiner tragischen Niederlagen liebten. Das war bei mir anders. Ich war ein Spätstarter, nicht so selbstbewusst und auch nicht so beliebt.

Ihre Duelle mit Michael Schumacher 1994 und 1995 waren emotional extrem aufgeladen. Ist das alles ausgestanden?

Es wäre Zeit, das unter Erwachsenen einmal in Ruhe zu besprechen und alles auszuräumen.

Das ist noch nicht geschehen?

Nein, ich würde es aber sehr begrüssen.

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