Bis das Motorrad bockt

Jeremy Seewer zeigt in Frauenfeld, wieso er zu den besten Fahrern der Welt gehört. Doch sein Arbeitsgerät verhindert ein noch rauschenderes Fest unter den 30'000 Zuschauern.

Hoch hinaus vor Zehntausenden Augenpaaren: Jeremy Seewer bei seinem Heim-GP. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Hoch hinaus vor Zehntausenden Augenpaaren: Jeremy Seewer bei seinem Heim-GP. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Er wurde getragen von Tausenden Fans, beflügelt. Und dann steht der schmächtige Mann im weissen Overall plötzlich mit gestutz-ten Flügeln da. Ganz verloren in dieser hügeligen, braunen Landschaft, die vor diesem Sonntag noch einmal von grossen Baggern aufgerissen und kräftig gewässert wurde. Verzweifelt versucht er, seinen ­Motocrosstöff wieder zum Laufen zu bringen, während Ma-schine um Maschine an ihm vorbeirast und noch mehr Dreck auf ihn wirft, als wäre der Moment nicht schon so quälend genug. ­Sekunden vergehen, bis die Yamaha in die Gänge kommt, es muss Jeremy Seewer wie Minuten vorkommen.

Wenig später, Jeffrey Herlings, der überfliegende Holländer dieser Saison, hat zum zweiten Mal an diesem Tag das kleine Feuerwerk bei der Zieleinfahrt ausgelöst, fährt Seewer mit grimmiger Miene durch das Fahrerlager, den Helm am Arm. Er verschwindet um die Ecke und lässt sich in den Campingstuhl vor dem Wohnmobil seiner Eltern fallen.

Vater René kommt hinzu, später Mutter Anita, sie ahmen die Geste ihres Juniors von zuvor nach, schütteln den Kopf. Das Ende dieses Sonntags auf dem Areal der Zuckerfabrik in Niederwil bei Frauenfeld hatte sich die Familie aus Bülach süss ausgemalt. Es ist ganz bitter.

Am liebsten in einem Loch

Rang 16 wird es für Seewer in diesem zweiten Lauf der MXGP, der Königsklasse des Motocross. Immerhin gelang ihm noch eine Aufholjagd, die er als 23. startete. Doch nach dem 5. Rang im ersten Rennen hatte er einen Spitzenplatz im Gesamtklassement dieses Wochenendes in Aussicht, fuhr auch im zweiten Lauf stark und auf Position 7. Bis seine Maschine bockte. «Dass es nicht mein Verschulden war, ist besonders frustrierend. Ich habe meinen Job gemacht», sagt Seewer, als er seine Gedanken etwas geordnet und seinen verschwitzten Oberkörper wieder mit einem T-Shirt bedeckt hat. «Ich stand da und spürte Tausende Leute hinter mir. Alles hätte doch ­gepasst. Dann das. Am liebsten hätte ich ein Loch gegraben und mich darin versteckt.»

30'000 sind in die Ostschweiz gekommen, auch seinetwegen, des Rookie, der sich so beachtlich schlägt in seinem Premierenjahr auf allerhöchster Stufe. Viermal Fünfter ist er nun schon geworden in dieser Saison, Achter ist er im WM-Klassement, bei Yamaha wird er nächstes Jahr für das Werksteam starten. Und Frauenfeld, das hätte der Höhepunkt schlechthin werden sollen für den rasanten Aufsteiger. Wurde es nicht. Seewer sagt: «Jedes Mal, wenn ich an der vollen Tribüne vorbeifuhr, hätte ich am liebsten in den Lenker gebissen.»

Die amputierten Motorsägen 

Die Menschenmasse hat sich da längst erholt vom kleinen Schreck. Die Motorsägen am Streckenrand, denen das Sägeblatt amputiert, dafür aber übergrosse Trichter verpasst wurden, röhren wieder, als ob der Lärm der 450-cm3-Maschinen nicht genügen würde. Die Stimme des Speakers kann sich wieder überschlagen. Die Schweizer Fahnen schwenken hin und her, die Tröten hornen aus der Menge. Der Geschmack nach Feuerwerk hat sich gelegt, die Schwaden der ­roten und weissen Rauchpetarden, gezündet von Zuschauern vor dem Rennen, haben sich verzogen. Nun dominieren die ­Geruchsschwaden von Raclette, Würsten, Stumpen und Benzin.

Die Schweizer Motocrossszene feiert zum dritten Mal ihr grosses Fest an der Strecke «Schweizer Zucker». Ob es ein viertes Mal geben wird, steht noch nicht fest. Die Veranstalter wollen den Vertrag mit dem Weltmotorradverband FIM und Vermarkter Youthstream zwar um weitere drei Jahre bis 2021 verlängern. Doch müssten sie nach Protesten von Anwohnern und Umweltverbänden dafür künftig ein ordentliches Baubewilligungsverfahren durchlaufen, würden keine Ausnahmebewilligung mehr erhalten. «Ich hoffe sehr, dass es ein nächstes Mal gibt», sagt Seewer. Für ihn und seine Familie ist vor allem das Heimrennen Lohn für die vielen Jahre, in denen sie sich abgerackert haben für diesen Sport.

Alle 5 Meter Schulterklopfen

Vater René Seewer, einst selber Rennfahrer, steht am Nachmittag vor dem Motorrad seines Sohnes. «Es ist stressig hier, aber wunderschön», sagt er. «Alle fünf  Meter kenne ich einen, sehe all die Leute von früher wieder.» Die meisten klopfen ihm kräftig auf die Schultern, gratulieren zur Karriere seines Sohnes, die ziemlich einzigartig ist in der Schweiz. «Eigentlich ist es schon unglaublich, dass wir das geschafft ­haben. Ich habe keine Ahnung, wie wir diesen ganzen Aufwand bewältigen konnten. Wir reisten so viel, und selbst in der Europameisterschaft war ich auch noch für das Motorrad zuständig», sagt er.

Das war 2013, Seewer wurde EM-Zweiter, stieg danach in die WM-Nachwuchsklasse MX2 und ins Suzuki-Werksteam auf, wurde auch dort in den letzten beiden Jahren Zweiter – ehe er die Schreckensnachricht erhielt: Sein langjähriger Partner zieht sich aus der Motocross-WM zurück. Grosse Sorge habe er deshalb aber nicht gehabt, sagt Jeremy Seewer. Zu gut hatte er sich all die Jahre über präsentiert, zu stabil und erfahren ist sein Umfeld. 

Tatsächlich kam er bei Yamaha unter und doch noch ganz oben an. Die Eltern sind längst nur noch Zuschauer, auch wenn sie Jeremy an den Rennwochenenden umsorgen und beraten. Sie geniessen ihre neue Aufgabe. Auch an diesem Sonntag. Bis das Motorrad ihres Sohnes bockt und dieser verloren zwischen den Dreckhügeln steht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.08.2018, 22:55 Uhr

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