Auch am Heimrennen weiter auf der Suche

Tom Lüthi tut sich mit dem neuen Hinterreifen immer noch sehr schwer. So kann er den souveränen WM-Leader Alex Marquez kaum noch gefährden. Dabei findet Lüthi, er würde die Möglichkeiten besitzen, um Weltmeister zu werden.

Der WM-Leader ist zu schnell: Tom Lüthi (hinten) fährt Alex Marquez derzeit hinterher. Foto: AP Photo

Der WM-Leader ist zu schnell: Tom Lüthi (hinten) fährt Alex Marquez derzeit hinterher. Foto: AP Photo

Fabian Ruch

Hier ist Valentino-Rossi-Land.

Rossi, der weltberühmteste Motorradfahrer, stammt aus Tavullia, und wenn im Spätsommer jeweils ganz in der Nähe der GP von San Marino auf der Agenda steht, verwandelt sich das 8000-Einwohner-Dorf in einen Wallfahrtsort. In dieser Woche fuhr der 40-jährige Superstar sogar mit seiner Rennmaschine zum nur knapp 15 Kilometer entfernten GP-Kurs in Misano. «Ich habe mir einen grossen Traum erfüllt», sagt Valentino Rossi, «als Buben fuhren wir diese Strecke immer mit dem Roller.»

Der Absturz im Sommer

Es ist immer noch herrliches Strandwetter in der Region. Vorn am Meer an den bekannten Bade­orten wie Rimini und Riccione liegen die letzten Sommertouristen an der Sonne, ein paar Kilometer entfernt im Landesinnern herrscht Rossi-Mania. Die vielen Souvenirläden rund um die Rennstrecke in Misano bieten allerlei Artikel mit dem Konterfei des italienischen Fahrers an, dessen Nummer 46 ist allgegenwärtig.

Ein Titelkandidat ist der neunfache Weltmeister allerdings nicht mehr, Marc Marquez dominiert die MotoGP-Kategorie – und dessen jüngerer Bruder Alex die Moto2-Klasse.

Einer der drei Fahrer, die 35 Punkte hinter Alex Marquez liegen, ist Tom Lüthi. Und der Schweizer sagt, vor der Saison wäre er mit dieser Zwischenbilanz Mitte September zufrieden gewesen. «Ich wusste nicht, wie schnell ich nach dem Jahr in der MotoGP sein würde.» Aber heute, nach diesem überragenden Saisonstart, ist Lüthi vor allem eines: enttäuscht. «Ich war Anfang Sommer Leader. Da kann ich jetzt nicht glücklich sein.»

Aus dem Fenster geworfen

Auf den GP in Jerez im Mai wurden die Hinterreifen in der Einheitsklasse Moto2 ausgewechselt. Es sei ungewöhnlich, passiere so etwas mitten in der Saison, erklärt Lüthi. «Und unser Team hat es total aus dem Fenster geworfen.» So sagt er das, es ist ein sehr verständliches Bild.

Vorher hatten Lüthi und sein deutscher Dynavolt-Teamkollege Marcel Schrötter Training und Rennen dominiert, seither sind sie im breiten Mittelfeld gefangen. «Das ist frustrierend», sagt Lüthi. «Wir finden einfach die passende Abstimmung nicht.» Dann beginnt der Berner ausführlich zu erzählen, es geht um viele kleine Dinge, um Federelemente und Grip, um Bremsverhalten und Auswirkungen auf den Vorderreifen, um Geometrie und im Grunde genommen einfach darum: «Es passt noch nicht.»

Lüthi ist es ein Anliegen, dass er überhaupt nicht daran interessiert sei, Ausreden für die zuletzt mässigen Resultate zu finden. «Ich blicke oft in Gesichter mit grossen Fragezeichen, wenn ich beschreibe, was das Problem sei.» Aber das sei nun einmal ein ständiges Tüfteln. «Und wir tun uns sehr schwer.» Besonders hart sei, dass sein Team die Qualitäten nachgewiesen habe, um ganz vorn mitzufahren. «Es geht nun darum, Schritt für Schritt den Weg zurück zu finden.»

«Das kann es nicht sein»

Am späten Freitagnachmittag steht Tom Lüthi vor der Box seines Teams in Misano. Er lächelt leicht gequält, weil er erneut erklären muss, warum er hinterherfährt. Rang 13 ist es nur geworden am ersten Trainingstag, es ist ein weiterer Rückschlag, selbst wenn die besten Fahrer nur eine halbe Sekunde schneller waren. Lüthi spricht zwar davon, dass es «brutal eng» sei im Moto2, aber er gibt sich gar nicht erst die Mühe, seine Unzufriedenheit zu kaschieren. «Das kann es nicht sein. Ich komme da draussen ins Schwimmen, habe kein Gespür für die Maschine, kompensiere ständig, aber es reicht nicht. Wir haben immer noch viel Arbeit vor uns.»

«Das kann es nicht sein. Ich komme ins Schwimmen, habe kein Gespür für die Maschine.»Tom Lüthi 

Und weil sich Tom Lüthi als «sehr ungeduldigen Menschen» bezeichnet, kann es ihm dabei nicht schnell genug gehen. «Ich mache mir selber immer den grössten Druck», sagt er, was im Prinzip auch ein gutes Zeichen sei. «Ich bin motiviert und ehrgeizig und weiss, dass ich Marquez schlagen kann.» Wäre der spanische Topfavorit beim letzten Rennen in Silverstone jedoch nicht gestürzt, wäre der Titelkampf möglicherweise schon entschieden. «Er macht aber insgesamt viel weniger Fehler als vorher», sagt Lüthi, «seine Konstanz ist beeindruckend.» Unschlagbar aber sei Alex Marquez keineswegs. «Er fährt nicht in einer anderen Liga.»

Bruder Marc Marquez allerdings schon. Auch Lüthi investiert ausreichend Zeit ins in­tensive Videostudium des Überfahrers. Dessen Sitzposition, das Bremsverhalten, die unfassbare Schräglage in den Kurven seien einzigartig. «Da kann man enorm viel lernen.»

70 Prozent im Kopf

Auch Tom Lüthi war als Bub ein riesengrosser Fan Valentino Rossis. Besonders imponierend am Altmeister findet er dessen ständige Weiterentwicklung. «Auch in schwierigen Zeiten findet er einen Ausweg, er ist immer noch sehr schnell und ein grossartiger Wettkämpfer.» Das sei unter anderem so, weil der Italiener über herausragende mentale Fähigkeiten verfüge. «Mein Vater sagt immer, für den Erfolg im Motorradsport sei zu 70 Prozent der Kopf verantwortlich. Das sehe ich mittlerweile auch so.»

«Ich bin fit, ich bin schnell, wir haben ein starkes Team und das perfekte Paket. Deshalb ist das frustrierend.»Tom Lüthi 

Regelmässig bespricht sich Lüthi deshalb mit dem Berner Sportpsychologen Jörg Wetzel. «Das ist hilfreich, weil ich mich manchmal zu stark unter Druck setze.» Mit 33 Jahren sei er logischerweise routinierter als mit 23, aber das mache die Sache im Moment keineswegs einfacher: «Mit meiner Erfahrung kann ich besser einschätzen, was wirklich möglich ist. Ich bin fit, ich bin schnell, wir haben ein starkes Team und das perfekte Paket.»

Und dann kommen diese neuen Hinterreifen und werfen sein schönes Projekt über den Haufen.

Doch es ist ja eigentlich, vielleicht erinnert sich Lüthi zu selten daran, eine äusserst erfolgreiche Saison für ihn nach dem 0-Punkte-Debakel in der MotoGP. Er hat sofort bewiesen, wieder ein Siegfahrer sein zu können. Er wurde zum Start in Katar Zweiter, gewann das dritte Rennen in den USA, fuhr auch danach trotz teilweise schwacher Trainingsergebnisse vorn mit.

Die letzten Ergebnisse aber: Ausfall, Rang 6, Rang 8. «Zuletzt in Silverstone war nicht mehr möglich, ich konnte nicht an­greifen. Da muss man zufrieden sein mit den paar Punkten.»

Das «halbe Dorf» ist dabei

Doch weil Tom Lüthi 2016 und 2017 im Moto2 jeweils WM-Zweiter wurde, gibt es für ihn in dieser Kategorie nur ein Ziel. «Und ich weiss, dass wir die Möglichkeiten zum Titelgewinn haben.» Ein paar Jahre will er noch fahren, vermutlich wird es auch in der zweitobersten Klasse bald mehr elektronische Möglichkeiten geben, was Lüthi entgegenkommt. «Dank meinen MotoGP-Erfahrungen konnte ich unserem Team in dieser Hinsicht schon sehr viel helfen.»

Will Lüthi in diesem Jahr noch ernsthaft um den Titel fahren, muss er den Turnaround schleunigst schaffen. In Misano erbte er vor zwei Jahren nach dem historischen Schweizer Doppelsieg Rang 1 von Dominique Aegerter, weil dessen Team unerlaubtes Motorenöl verwendet hatte.

Lüthi mag die Strecke hier und die Begeisterung um sein einstiges Vorbild Valentino Rossi, obwohl er die Überseerennen grundsätzlich lieber hat. Dort ist der Rummel deutlich geringer, es hat weniger Sponsoren und Zuschauer und Medienvertreter.

So gesehen kann er sich auf den intensiven Herbst mit den Rennen in Thailand, Japan, Australien und Malaysia freuen. Doch Misano ist ein spezieller, fast schon magischer Ort im Motorrradsport. Auch für Lüthi. Kaum eine Strecke liegt näher an seinem Wohnort Oberdiessbach. Das «halbe Dorf» sei in Misano dabei, die Eltern und die besten Freunde sowieso. Der GP von San Marino ist nicht nur das Heimrennen von Valentino Rossi.

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