Wie Gewehrkugeln schiessen die Piloten an der Tribüne vorbei

Was der Zuschauer verpasst, wenn er den Töff-Grand-Prix von Valencia im Fernseher schaut.

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Die Parkplätze auf den staubtrockenen Feldern vor dem Circuito Ricardo Tormo sind schon um 8 Uhr morgens – drei Stunden vor Beginn der Grand-Prix-Veranstaltung – alle besetzt. Polizisten leiten die Automobilisten mit Trillerpfeifen und forschem Auftreten immer weiter weg von der Rennstrecke. Der Eingang ist jetzt eine Viertelstunde Fussmarsch entfernt. Ein zügiger Wind bläst. Die Sonne scheint hell am Himmel, dann strahlen die Augen der Töfffans: Sie stehen mittendrin in der vermutlich grössten Motorradmesse der Welt. Tausende von Maschinen sind entlang des Stadions abgestellt – ein Meer von heissen Öfen. Alle Neuheiten können auf einen Blick betrachtet werden. Die ersten Ticketverkäufer erscheinen. Sie haben Pech. Die Eintrittskarte ist schon gekauft. Die Organisatoren haben eine clevere Verkaufsstrategie entwickelt. Wer im vergangenen Jahr live dabei gewesen war, konnte den Dreitagespass für die Austragung von 2015 an Ort und Stelle erwerben. Der Käufer hatte Anspruch auf 40 Prozent Rabatt. Statt 186 Franken musste er nur 115 Franken bezahlen.

Eine Verkäuferin allerdings zieht die volle Aufmerksamkeitauf sich. Sie vertreibt rote Ohrstöpsel. Das Paar kostet 3 Euro. 300 Meter vor dem Haupteingang steht das Denkmal des spanischen Motorradrennfahrers Ricardo Tormo. Der zweifache Weltmeister starb 1998 an Leukämie. Ihm zu Ehren wurde die ein Jahr später eröffnete Rennstrecke in Cheste nahe Valencia nach ihm benannt. Beim Denkmal defiliert gerade eine Gruppe Valentino-Rossi-Fans vor den Büsten der ehemaligen Weltmeister Angel Nieto, Jorge Martinez Aspar und Mick Doohan. Dann ist man endlich drin im Motodrom.

Hinter der Abschrankung taucht ein kleiner Rundkurs auf.Entlang der ganzen Strecke sind Reifenstapel installiert. «Sicherheitsschule» steht über dem Eingangsportal geschrieben. «Wer die Kurve bei den Grossen nicht kriegt, kann hier gleich üben kommen», bemerkt ein Vordermann geistreich. Motoren heulen auf. Es kommt Bewegung ins Paddock, wie das Fahrerlager im Jargon genannt wird. Die Zuschauer steigen zügig die Tribüne hinauf. Sie freuen sich auf das Moto-3-Rennen. Die ehemaligen 125er-Fahrer eröffnen den letzten Grand Prix der Saison. Anschliessend kommt es in der Moto-2-Klasse zum grossen Showdown zwischen Tom Lüthi und Dominique Aegerter. Nach dem Berner Duell wird es laut im weiten Rund: Die Moto-GP-Piloten gehen auf die Strecke. Pro Runde sind sie mit ihren 1000er-Maschinen 5 Sekunden schneller als Lüthi und Aegerter, die auf einer 600er-Version sitzen.

Wie Gewehrkugeln schiessen die Moto-GP-Stars Marc Marquez und Valentino Rossian den Zuschauern vorbei. 280 Stundenkilometer beträgt das Höchsttempo auf der Zielgeraden. Krass. Im Programmheft werden alle Fahrer nach der Startnummer vorgestellt. Auf der Tribüne ist es aber unmöglich, seinen Lieblingsfahrer an dieser Nummer zu erkennen – nicht einmal mit dem Feldstecher vom Nachbarn. An den Farben des Rennoveralls kann man ab und zu einen Piloten ausfindig machen. Die Berner Fahne hingegen fällt schon von weitem auf.

Anita und Alfred Neuenschwander drücken Dominique Aegerter in der VIP-Box die Daumen.Das Ehepaar ist extra aus Langenthal angereist. «Mein Mann hat mir die Reise zum Grand Prix in Valencia zum Geburtstag geschenkt», sagt die 57 Jahre alte Servicefachangestellte. «Ich war noch nie an einem Töffrennen. Ich fiebere immer vor dem Fernseher mit.» Es sei das schönste Geschenk in ihrem Leben, schwärmt die Oberaargauerin. Auch für Alfred Neuenschwander ist es eine Premiere. «Ich habe gewusst, dass ich mit meinem Präsent nicht falsch liege. Anita hat sich nicht getraut, so etwas aus eigener Initiative zu tun.» Fast ein wenig schüchtern wirkt sie auch beim Fototermin mit ihrem Idol Dominique Aegerter – ein Bild für die Ewigkeit.

Im Paddock bildet sich eine Menschentraube, die Fans halten ihre Handykameras hoch. Es wird getuschelt – welcher Fahrer ist das denn? Es ist das Model Linda Morselli, die Partnerin von Superstar Valentino Rossi. Dominique Aegerter saust auf dem Roller vorbei; hinten sitzt Kevin, er betreut Website und Onlineshop seines populären Bruders. Eine scharfe Linkskurve – und schon hält das Bike vor den «GP-Rooms», das sind LKW-Sattelanhänger mit Kabinen in unterschiedlichen Grössen. 2700 Franken kostet das fahrende Hotelzimmer von Dominique Aegerter pro Rennwochenende. Der 24 Jahre alte Rohrbacher mietet diese Räumlichkeit jedes Mal an, wenn er in Europa unterwegs ist. Die Gönnervereinigung «Gold-Club» übernimmt Aegerters Kosten für die 12 Grand Prix in Höhe von 32'000 Franken. An den Rennen in Übersee schläft der Berner Pilot im Hotel. Auch Tom Lüthi haust in einer solchen Kabine – zum letzten Mal allerdings. Nächste Saison wird er bei jedem Rennen ein Hotelzimmer buchen. «Es ist letztlich eine Budgetfrage», sagt Lüthi.

Aegerters Unterkunft ist mit Klappbett, Sitzecke, Flatscreen und einer Nasszelle mit Dusche und WC ausgestattet. «Vor und nach meinen Einsätzen ziehe ich mich gerne etwas zurück. In diesem Zimmer wechsle ich die Kleidung, vor dem Fernseher kann ich mich entspannen. Lichterlöschen ist jeweils um 23 Uhr.» Auch die kurzen Wege sind ein Vorteil – Aegerter braucht kein Mietauto und eine frühere Tagwache, um vom entlegenen Hotel an die Rennstrecke zu fahren.

Inzwischen ist es dunkel geworden auf dem Gelände rund um den Circuito Ricardo Tormo. Im Blindflug absolvieren die zum Teil sonnenverbrannten Töfffans die letzten Meter zum Parkplatz. Nicht alle der rund 100'000 GP-Zuschauer finden das Fahrzeug wieder. Es ist zum Verzweifeln. Ein Motorrad hält. Der Parkwächter fragt, ob es ein Problem gäbe, verlangt den Funkautoschlüssel und macht sich aus dem Staub. Weit hinten blinken zwei Lichter am Wagen. Die Zielflagge ist in Sicht.

Berner Zeitung

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