«Vielleicht sehen wir uns ja bald auf dem Podest»

Die Berner Töffpiloten Dominique Aegerter und Tom Lüthi sprechen im ersten gleichzeitig geführten Interview über ihre Rivalität und die neue Moto-2-Saison, über eigene Stürze und Stärken des anderen.

Dominique Aegerter (links) und Tom Lüthi posieren auf einer Autobahnbrücke in Münsingen.

Dominique Aegerter (links) und Tom Lüthi posieren auf einer Autobahnbrücke in Münsingen.

Fabian Ruch

Ist das eigentlich das erste gemeinsame Interview von Dominique Aegerter und Tom Lüthi?Dominique Aegerter: Das weiss ich jetzt nicht einmal...

Tom Lüthi: ...so haben wir das noch nie gemacht, aber im Fahrerlager sassen wir schon zusammen. Und vielleicht wurde mal etwas zusammengesetzt aus Gesprächen mit uns. Aber so gemeinsam am Tisch waren wir noch nie länger mit Journalisten.

Dann danken wir für diese Ehre, fragen uns aber, ob es einen Grund gibt, warum so ein Gespräch bisher nie stattfand.Aegerter: (schmunzelt) Es hat sich halt nie ergeben. Lüthi: Ja, wir sind beide immer viel unterwegs.

Es war in den letzten Jahren regelmässig zu hören, dass zwischen dem Lüthi-Clan und dem Aegerter-Clan nicht unbedingt Harmonie herrsche. Wie gross ist diese Rivalität wirklich?Lüthi: Das ist bei uns nie ein so grosses Thema wie in den Medien. Wir haben auf der Rennstrecke viele Gegner. Mir ist es egal, ob einer Schweizer ist oder nicht. Im Gegenteil, grundsätzlich ist es ja beste Werbung für unseren Sport, wenn mehrere Schweizer gut unterwegs sind.

Aegerter: Ich sehe das ähnlich. Die Schweizer Fahrer meiner Generation waren sehr froh um Tom, weil er 2005 Weltmeister in der 125er-Kategorie wurde. Dadurch hatten wir es einfacher, weil der Motorradsport relativ populär war und in den Medien positiv berichtet wurde.

Haben Sie davon profitiert?Aegerter: Ja, klar, nicht nur ich. Dieses Jahr sind ja zum ersten Mal gleich vier Schweizer Fahrer in der Moto-2-Klasse dabei.

Lüthi:Wenn einer versagt, ist vielleicht ein anderer da. Und wir sind in den Medien präsent.

Wissen Sie noch, wo Sie sich das erste Mal gesehen haben?Lüthi: Das ist eine gute Frage.

Aegerter:War das bei Swissmoto oder auf dem Sachsenring, als ich 2003 als Bub mal ein Rennen besuchte? Ich hatte damals die Möglichkeit, alles anzuschauen am GP. Tom war mein grosses Vorbild, weil er schon dabei war und das erreicht hatte, was ich schaffen wollte.

War dieser Besuch inspirierend?Aegerter: Ja. Ich fuhr damals erstmals auf der Strasse in einer 125er-Kategorie in Deutschland, und bei Tom war logischerweise alles viel grösser. Und ich sah all die Stars des Töffsports, die ich am Fernseher verfolgte. Das war ein grosser Moment für mich.

Lüthi: Ich erinnere mich, wie er uns besuchte. Wir waren im Zelt, nicht in einer Box wie heute.

Aegerter:Ja, das war spannend...

Lüthi: ...aber so genau weiss ich das alles nicht mehr. Wir sind Rennfahrer, wir schauen nach vorne, nicht zurück (lacht).

Haben Sie bald realisiert, dass da mit Dominique Aegerter ein anderer Berner auch schnell mit dem Motorrad unterwegs ist?Lüthi: Ich habe mitbekommen, dass mit Domi und Randy Krummenacher zwei junge Schweizer auf dem Weg nach oben waren. Das fand ich cool.

Aber eine enge Freundschaft unter Rennfahrern ist unmöglich?Lüthi: Es gibt Freundschaften, aber das ist eher selten.

Aegerter:Die engste Beziehung habe ich immer zum Teamkollegen. Aber im GP-Zirkus ist es deutlich weniger familiär als früher beim Motocross, wo man die anderen Fahrer besser kannte. Man hat halt immer viel zu tun an einem Rennwochenende.

Wie würden Sie denn den Status Ihrer Beziehung bezeichnen: Freunde? Kollegen? Rivalen?Lüthi: Kollegen und Rivalen, das geht ineinander über. Wenn zwei den gleichen Job ausüben, sagt man auch, das seien Arbeitskollegen. Auf der Piste sind wir aber Konkurrenten, das ist normal.

Sie reisen ja auch nicht zusammen an die Rennen...Aegerter: nein, nein, der Fahrer ist mit dem Team unterwegs.

Lüthi: Sehr selten will es der Zufall, dass wir auf dem gleichen Flieger sind.

Aegerter:Es gibt manchmal Wochenenden, wo wir uns gar nie sehen oder nur kurz kreuzen.

Lüthi:Vielleicht sehen wir uns ja bald auf dem Podest.

Und SMS-Kontakt haben Sie auch keinen?Lüthi: Nein, aber wir haben die Nummern voneinander.

Aegerter:Das ist völlig anders als bei einer Ski-Nationalmannschaft oder beim Fussball, wo die Sportler zusammen trainieren und an einen Wettkampf gehen. Wir sind Einzelkämpfer.

Tauschen Sie sich nie über technische Dinge aus?Lüthi:Wir haben mit Suter den gleichen Hersteller, und da gibt es einen Informationsfluss, weil alle Daten beim Hersteller sind.

Aegerter:Aber die Einstellung der Maschine ist völlig unterschiedlich, da kann man einander nicht helfen. Das muss jeder an seinen Fahrstil anpassen.

Lüthi:Ich wäre mit Domis Töff viel langsamer als mit meinem.

Gibt es aber eine Qualität, die Sie gerne vom anderen hätten? Zusammen würden Sie ja beinahe den perfekten Rennfahrer ergeben.

Lüthi:(lacht) Ja, das wäre in der Tat eine ideale Mischung. Ich hätte gerne die Stärken von Domi beim Start, das macht er wirklich überragend. In den ersten Kurven ist er sensationell.

Warum macht er das so gut?Lüthi:Ich glaube, er profitiert von seiner Vergangenheit beim Motocross. Dort stehen 40 Fahrer in einer Reihe, und dann gehts los.

Aegerter:Es geht um die Kupplung und eine schnelle Reaktionszeit, man muss den Schleifpunkt finden zu Töff und Drehzahl.

Kann man den Start überhaupt richtig trainieren?Lüthi:Das probiert man schon immer wieder, am Ende eines Trainings etwa auf der Auslaufrunde. Aber Gegner und Lücken kann man nicht simulieren.

Und letztlich hat das auch etwas mit Mut zu tun...Lüthi: ...mit Risikobereitschaft vor allem und mit der Einteilung des Rennens. Die Frage ist: Was will ich beim Start riskieren? Bei Domi geht es halt fast immer gut. Es gibt auch andere, die räumen dann einfach mal drei Fahrer ab in der ersten Kurve und liegen selber am Boden.

Dominique Aegerter, was imponiert Ihnen bei Tom Lüthi?Aegerter: Er hat einen sehr schönen Fahrstil. Und er ist auf neuen Strecken vom ersten Training an sehr schnell, das ist beeindruckend. Sein Potenzial und seine Geschwindigkeit sind noch etwas höher als bei mir. Ich starte halt schneller und bin vielleicht ein bisschen konstanter.

Letzte Saison wurde Dominique Aegerter Fünfter und Tom Lüthi trotz Verletzungspause Sechster. Was ist 2014 für Sie möglich?Lüthi: Erster und Zweiter...

Aegerter: ... das unterschreibe ich, ganz egal, wer gewinnt.

Lüthi: Im Ernst, ich kann ja nur für mich sprechen. Es ist auf jeden Fall viel möglich. Meine Testresultate waren stark, ich konnte im Winter gut trainieren, die Schmerzen am Arm sind weg, ich habe wieder mehr Kraft. Das ist ein schönes Gefühl.

Das Ziel ist also der WM-Titel?Lüthi: Ja, wobei ich es anders sage: Ich will möglichst lange um den Titel mitfahren.

Aegerter: Und bei mir ist nach dem tollen 5.Rang eine Bestätigung gefordert. Ich möchte probieren, besser zu sein, und mein grosses Ziel ist natürlich, den ersten GP-Sieg einzufahren.

Was trauen Sie einander zu?Aegerter: Tom war schon letzte Saison einer der Favoriten, und er ist das auch jetzt wieder. Die Tests zeigten, dass er bereit ist. Er fährt Superzeiten, das ist stark.

Lüthi: Es ist eng, sehr eng bei uns. Domi hat letzte Saison einen Riesenschritt nach vorne gemacht, er ist konstanter geworden. Ich weiss jetzt nicht, wie sich die Schulteroperation bei ihm auswirkt, er hatte in den Tests teilweise noch Mühe. Ich denke aber, dass man mit ihm rechnen muss.

Mit Pol Espargaro und Scott Redding sind die zwei stärksten Fahrer der letzten Moto-2-Saison in die Moto-GP-Kategorie aufgestiegen. Erleichtert das die Aufgabe für Sie an der Spitze?Lüthi: Das ist jetzt aber die klassische Journalistenfrage...

Aegerter: ... wir sind etwa 35 Fahrer, 15 davon können jederzeit gewinnen. Man wird nach den ersten Rennen sehen, wer stark ist.

Lüthi: Natürlich waren Espargaro und Redding sehr schnell, aber es hat noch viele gute Fahrer.

Wie waren Sie mit den Trainings zufrieden, Dominique Aegerter?Aegerter: Ehrlich gesagt, überhaupt nicht. Am Anfang hatte ich Schmerzen in den Schultern, es war meine erste grosse Operation. Und ich brauche immer länger, um in Schwung zu kommen, zudem habe ich ein neues Fahrwerk, an das ich mich gewöhnen muss.

Und wie wichtig ist eigentlich die mentale Arbeit?Aegerter: Ich habe vier Jahre lang mit zwei Mentaltrainern gearbeitet, seit zwei Saisons mache ich das alleine. Mentale Stärke ist entscheidend, man muss Dinge verarbeiten können, beispielsweise was Journalisten schreiben (schmunzelt). Wir sind alle austrainiert, da gibt es keine grossen Unterschiede. 50 Prozent eines Rennens werden im Kopf entschieden.

Was bedeutet das, wenn Sie sagen, Sie machen das heute selber?Aegerter:Ich habe in den Sessions mit den Mentalcoachs einige Sachen gelernt. Heute weiss ich, wie ich mich gut vorbereiten kann oder wie ich mit Rückschlägen umgehen muss.

Haben Sie, Tom Lüthi, das Gefühl, Sie seien mental gestärkt nach der schwierigen letzten Saison?Lüthi:Ich glaube schon, dass ich von meiner schweren Verletzung im letzten Frühling profitiert habe, so blöd sich das anhört. Aus einem Tief zurückzukommen, macht einen immer stärker.

Können Sie die GP-Strecken alle im Kopf abfahren?Lüthi:Bis auf den neuen Kurs in Argentinien schon, ja.

Haben Sie diesen Kurs im Internet schon angeschaut?Lüthi: Grob schon, klar.

Aegerter: Also man weiss schon, wie es da ungefähr aussieht.

Wie bereiten Sie sich auf eine neue Strecke vor?Lüthi:Wir joggen den Kurs ab oder organisieren einen Roller. Man hat dann schon ein wenig Geschwindigkeit, so sieht eine Strecke ganz anders aus.

Aegerter:Und mit der Moto-2-Maschine ist es nochmals anders.

Auf der Playstation simulieren Sie nie ein Motorradrennen?Lüthi: Wir sind da ja selber auch drin, man kann mit uns fahren.

Aegerter: Ich game das Spiel schon ab und zu, habe aber selber keine Playstation zu Hause.

Lüthi: Ich bin auch kein Gamefreak, habe jedoch das Spiel. Die Playstation verstaubt bei mir. Das Motorradgame ist aber wirklich sehr realistisch...

Aegerter:... ja, sogar die Zeiten sind fast die gleichen wie bei uns, das ist krass gut gemacht. Selber fahren ist aber noch viel schöner. Die Fussballer spielen ja auch lieber selber als auf der Playstation.

Im Mannschaftssport heisst es, die Offensive gewinne Spiele, die Defensive aber Titel. Wenn man das auf den Motorradsport umsetzt: Das Risiko zu dosieren zahlt sich langfristig mehr aus, als zu ungestüm zu sein?Lüthi:Das kann gut sein. Aber die Mischung macht es aus.

Marc Marquez fährt wie ein Verrückter, wurde mit dieser Fahrweise aber letzte Saison gleich auch Weltmeister im Moto-GP.Lüthi: Ich glaube, Marquez muss man ausklammern, er ist eine Riesenausnahme. Ich bin aber auch überzeugt, dass man in jedem Training ans Limit gehen muss. Anders hält man nicht mit. Doch im richtigen Moment muss man richtig kalkulieren. Soll ich in der ersten Kurve voll reinstechen, wobei die Gefahr besteht, zu stürzen? Oder macht es mehr Sinn, zwei Plätze zu verlieren, aber weiter dabei zu sein?

Ist man bereit, mal einen gegnerischen Fahrer abzuschiessen, um es brutal auszudrücken?Lüthi:Eigentlich nicht, aber manchmal frage ich mich das auch, wenn ich gewisse Moto-2-Fahrer beobachte. Wenn man innen fährt, kann man einen anderen schon abschiessen. Aber Respekt ist wichtig, meine Einstellung ist, dem anderen genügend Platz zu lassen. Dennoch gibt es viele enge, heisse Duelle. Das macht ja den Reiz des Sports aus.

Und die Spanier halten immer bedingungslos zusammen?Aegerter: Nicht unbedingt. Da schaut auch jeder für sich.

Was ist dann das Erfolgsrezept der starken Spanier?Aegerter: Sie haben viel mehr Pisten im Land. Da muss keiner länger als eine halbe Stunde fahren, um auf einer Strecke zu sein.

Lüthi:Und sie sitzen viel früher auf dem Töff. Kaum tragen sie keine Windeln mehr, geht es schon los bei ihnen.

Aegerter:Sie werden auch ein wenig herangezüchtet. Bei uns werden andere Sportarten halt mehr gefördert, in Spanien gibt es eine grosse Unterstützung für die jungen Fahrer. Das ist toll.

Lüthi:In der Schweiz basiert leider alles auf privater Initiative. Das geht rasch ins Geld.

Aegerter:Ich glaube, dass sich in Spanien und Frankreich die Verbände stark finanziell bei den Fahrern engagieren. Davon können wir natürlich nur träumen.

Könnte man das in der Schweiz ändern?Lüthi:Es ist schwierig...

Aegerter: ... man müsste ein paar Strecken bauen...

Lüthi:... aber es gibt ja bei uns leider immer noch das Rundstreckenverbot. Dagegen gab es schon Unterschriftssammlungen, bei denen Domi mal mitmachte.

Früher war die Motorradlobby deutlich grösser.

Aegerter: Ja, aber das kann man nicht vergleichen. Die Zeiten haben sich geändert.

Und doch könnten Sie beide irgendwann sogar in der Königsklasse fahren.

Aegerter:In der Moto-GP-Kategorie dabei zu sein, ist Ziel und Traum jedes Fahrers. Ich bin jetzt 23 Jahre alt, habe also keinen Stress. Es bringt auch nichts, einen Zeitplan aufzustellen. Es hängt alles von den Leistungen ab. Fahre ich um den Titel, sind die Chancen grösser, die Moto-GP-Kategorie zu erreichen. Geht es aber nur um Rang 10, muss ich mich gar nicht damit befassen.

Lüthi: Es ist für beide schwierig, aber unmöglich ist es nicht. Es braucht Erfolg, viel Erfolg, gerade für einen Schweizer.

Wäre die Schweiz nicht zu klein für zwei Moto-GP-Fahrer?Lüthi: Es geht nur um die Platzierungen. Von der Schweiz aus finanziert, ist so ein Projekt sowieso kaum vorstellbar. Ein bestehendes Team muss uns wollen, sonst wird das nichts. Aber der Traum lebt.

Berner Zeitung

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