Leben am Rande der Formel 1

Fabio Leimer ist neuerdings Ersatzfahrer bei Manor Marussia – und glaubt an das Potenzial des WM-Letzten.

Wieder etwas mehr in den Fokus gerückt – gefahren ist der Schweizer Fabio Leimer in seinem neuen Auto aber noch nie. Foto: Imago

Wieder etwas mehr in den Fokus gerückt – gefahren ist der Schweizer Fabio Leimer in seinem neuen Auto aber noch nie. Foto: Imago

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Wer Fabio Leimer zuhört, muss zum Schluss kommen: Dieser junge Mann ist ein unerschütterlicher Optimist. Ein selbstbewusster dazu. Seine jüngste ­Geschichte besteht aus vielen Kapiteln, die eigentlich Anlass dazu gegeben ­hätten, ­alles zu hinterfragen, zu ­verzweifeln, ans Aufgeben zu denken. Doch all das tat der 26-Jährige aus Rothrist im Kanton Aargau nie. Er glaubte an seine Chance. Immer.

Und er fühlt sich jetzt bestätigt. Jetzt, da er endlich in der Formel 1 angekommen ist. Oder: Zumindest so etwas wie angekommen ist. Als Ersatzfahrer des Teams Manor Marussia, das mit einem modifizierten Auto aus der letzten Saison antritt und dem Feld chancenlos hinterherfährt. Doch für Leimer fühlt es sich nur schon gut an, zu dieser Welt zu gehören, die er zu seiner eigenen ­machen wollte, seit er mit acht Jahren erstmals in einem Kart gesessen hatte.

Letzten Test bestanden

«Ich bin überglücklich», sagte er am Grand Prix von Österreich am letzten Wochenende also. Oder: «Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe. Jetzt will ich beweisen, dass ich bereit bin für die Formel 1.»

Nur hat er die Möglichkeit bislang nicht erhalten. Auch am vergangenen Freitag sassen in beiden Trainings­einheiten die Stammpiloten Will Stevens (Gb) und Roberto Merhi (Sp) hinter dem Steuer. «Es wäre optimal gewesen, wenn ich schon hier hätte fahren können. Aber ich habe keine Angst, dass ich nicht zum Einsatz kommen werde», sagt ­Leimer. In eineinhalb Wochen in Silverstone soll es dann so weit sein. Die ­Formel-1-Superlizenz sollte er bis dahin auch besitzen. Jedenfalls habe er den letzten Test bestanden, bei dem Koordination und Gedächtnis geprüft wurden. Und auch die 15 000 Dollar für diesen Fahrausweis seien bereits überwiesen.

Wenigstens das also konnte er in der Steiermark erledigen. Am Sonntag reiste er ab – wie auch das Team. Es blieb nicht wie alle anderen für die Testtage gestern und heute. «Das hätte gar keinen Sinn gemacht mit dem alten Auto. Das Team konzentriert sich auf nächstes Jahr», sagt Leimer.

Grosse Transfers nach der Pleite

Er also ist sich sicher, dass der Rennstall, der aus dem bankrotten Marussia-Team hervorging, 2015 nicht nur fährt, um die rund 40 Millionen US-Dollar zu bekommen, die ihm aus dem Vorjahr ­zustehen. Damals hatte sich Marussia dank Jules Bianchis 9. Rang in Monaco den 9. WM-Rang gesichert – vor Sauber. Der Franzose verunfallte neun Rennen später in Japan schwer. Noch immer liegt er im Koma. Und das Team trat anschliessend nur noch in Russland an. Die drei letzten Grands Prix konnte es ­wegen Insolvenz nicht mehr bestreiten. Wäre es nicht ­zurückgekehrt, hätte es auch keinen ­Anspruch auf die Gelder gehabt.

Tatsächlich scheint das Team, in das der nordirische Unternehmer Stephen Fitzpatrick rund 45 Millionen Franken investierte, finanziell besser aufgestellt zu sein. Auf dem Auto, zu Beginn der Saison noch so gut wie frei von Werbung, haben mittlerweile mehrere Firmen ihre Logos platziert. Und der Rennstall rüstete jüngst personell mächtig auf. Unter anderen holte er Bob Bell, den ehemaligen Technischen Direktor von Mercedes, und Luca Furbatto, der einst Chefdesigner bei Toro Rosso war.

Auch seine Verpflichtung sieht Leimer als Investition des Teams in die Zukunft: «Sie haben wichtige Ingenieure geholt und wollten einen Ersatzfahrer, der bei der Entwicklung des neuen Autos helfen kann. Und ich kann das.» Er glaubt gar, dass Manor Marussia 2016, wenn er zum Stammfahrer aufsteigen will, zur grossen Überraschung werden kann. «Es ist durchaus möglich, dass Manor dann im ­Mittelfeld mitfährt», sagt Leimer.

Zurzeit ist das schwer vorstellbar. In Österreich wurde Merhi mit drei Runden Rückstand 14. und Letzter, Stevens musste das Rennen in der ersten Runde aufgeben. Wie weit das Team zurückliegt, zeigen auch andere Zahlen: In Barcelona wäre Merhi mit seiner Qualifyingzeit selbst in der GP2 Letzter geworden. Stevens wäre im 25er-Feld als 22. los­gefahren – in der Nachwuchsserie.

Diese gilt als Vorstufe zur Formel 1. Und diese gewann Leimer 2013. Weshalb er auch glaubt, Anspruch auf ein Formel-1-­Cockpit zu haben. Vor dem Schweizer wurden Fahrer wie Nico Rosberg, Lewis Hamilton, Timo Glock, Nico Hülkenberg, Pastor Maldonado oder Romain Grosjean Meister – alle schafften den Sprung in die selbsternannte Königsklasse des Motorsports. Leimer blieb lange der Einzige aller zehn bisherigen Sieger, der nicht zumindest als Testpilot engagiert wurde.

Im Juni 2014 kam zwar das ersehnte ­Angebot eines Formel-1-Teams – Leimer musste Marussia allerdings absagen. Unternehmer Rainer Gantenbein, der bis dahin insgesamt 18 Millionen Franken in seine Karriere investiert hatte, war nicht mehr bereit, zu zahlen. Rund vier Millionen Franken hatte der marode Rennstall damals verlangt – das Geld war nicht aufzutreiben. Es war die erste vieler Enttäuschungen, die noch folgen sollten.

Neuer Anlauf in der Formel E

Leimer, der mittlerweile für das Schweizer Team Rebellion in der Langstrecken-WM antrat, wollte für die Japaner von Amlin Aguri am 13. September 2014 das Auftaktrennen zur neuen ­Elektroserie Formel E bestreiten. Dann sass in Peking Ex-Formel-1-Pilot Takuma Sato statt seiner im Cockpit.

Und in diesem Frühjahr letztlich hatte er einen Vertrag für die japanische Super-Formula-Serie unterschrieben. Auch dieses Unterfangen scheiterte. Ein Mittelsmann in Japan hatte Leimers Management versichert, Sponsoren gefunden zu haben – es stimmte nicht. «Klar wäre die Serie interessant gewesen. Aber ich habe immer daran geglaubt, dass etwas anderes kommt», sagt Leimer, der un­erschütterliche Optimist.

Anfang Monat kam der ­Anruf von ­Manor Marussia. Und gestern wurde ­bekannt, dass er für Virgin die zwei abschliessenden Formel-E-Rennen an diesem Wochenende in London bestreiten wird. Er hat zudem Aussichten auf einen Stammplatz beim englischen Team.

Leimers Durchhaltewille scheint sich jetzt auszuzahlen, zwei Jahre nach ­seinem Titel in der GP2.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2015, 23:51 Uhr

Testtag

Regen in Spielberg

Der erste Tag der Testfahrten wurde durch Regenwetter beeinträchtigt. Zudem trat beim Sauber-Auto ein elektronischer Defekt auf, der weitere zwei Stunden kostete. Gleichwohl drehte der in Zürich geborene Ersatzfahrer Raffaele Marciello (It) 53 Runden. So konnten Daten im Bereich von Aerodynamik, Bremsen und Set-up gewonnen werden. Auch Rennstart sowie Boxenstopps wurden geübt. (Si)

Formel-1-Testfahrten. 1. Tag: 1. Wehrlein (De), Mercedes, 1:11:05 (63 Runden). 2. Ocon (Fr), Force India-Mercedes, 1:11,192 (71). 3. Verstappen (Ho), Toro Rosso-Renault, 1:11,328 (97). 4. Fuoco (It), Ferrari, 1:11,331 (71). 5. Grosjean (Fr/Sz), Lotus-Mercedes, 1:11,509 (45). 6. Gasly (Fr), Red Bull-Renault, 1:11,757 (71). 7. Marciello (It), Sauber-Ferrari, 1:11,826 (53).


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