Im Schatten von Tom Lüthi auf Formsuche

Während Tom Lüthi auf seiner neuen Kalex-Maschine zum Kandidaten auf den WM-Titel in der Moto-2-Klasse avanciert ist, fährt Dominique Aegerter der Konkurrenz noch hinterher.

Dominique Aegerter wirkt nach dem Markenwechsel verunsichert.

Dominique Aegerter wirkt nach dem Markenwechsel verunsichert.

(Bild: Keystone)

Dominique Aegerter ist ein Familienmensch. Er braucht Geborgenheit und Personen, die an ihn glauben, Leute auch, die ihm in seinem Sport das Gefühl geben, die unangefochtene Nummer eins zu sein. In einem intakten Umfeld blüht der liebenswürdige Rohrbacher auf, da tankt er jenes Selbstvertrauen, das zwingend notwendig ist dafür, auf dem Motorrad regelmässig ans Limit gehen zu können. So wie im vergangenen Juli, als der Oberaargauer Moto-2-Pilot auf dem Sachsenring bei Chemnitz seinen bisher einzigen GP-Sieg feierte. Auf einem Suter-Töff.

In dieser Saison fährt Aegerter auf einer Kalex-Maschine – und der Konkurrenz hinterher. Ein 10. Platz zuletzt in Le Mans (Fr) steht nach fünf Rennen als Bestergebnis da. So schlecht wie heuer ist der WM-Fünfte noch nie in eine Motorrad-Weltmeisterschaft gestartet, seit er vor fünf Jahren in der zweithöchsten Rennklasse debütierte.

Und: Tom Lüthi, Aegerters neuer Weggefährte, stiehlt ihm die Show. Der 28 Jahre alte Emmentaler ist WM-Zweiter, Lüthi gewann auf Kalex vor kurzem den Grossen Preis von Frankreich, beim Auftakt im Nacht-GP von Doha in Katar war der 125er-Weltmeister von 2005 schon Dritter geworden. Es erstaunt, wie unterschiedlich die zwei Teams Derendinger-Interwetten (Lüthi) und Technomag-Interwetten (Aegerter/Robin Mulhauser), die den stärksten GP-Rennstall in der Geschichte des Schweizer Motorradrennsports bilden, ins Championat gestartet sind.

Audi Quattro statt VW-Käfer

«Es gibt nicht nur einen Grund für den enttäuschenden Saisonstart», sagt Aegerter. Er erwähnt zuerst die fehlenden Testkilometer im Winter. «Nach dem Markenwechsel wären die 16 geplanten Testtage besonders wichtig gewesen. Aber wir konnten leider nur an 2 Tagen arbeiten, weil das Wetter so schlecht war.» So jedoch sei es schwierig gewesen, an der Abstimmung des Motorrads zu tüfteln, meint der 24 Jahre alte Pilot.

Vom Fahrgefühl her sei der Unterschied zwischen einem Suter-Töff und einer Kalex-Maschine etwa so, wie wenn man einen Audi Quattro statt eines VW-Käfers fahren würde. Lüthi und der im WM-Klassement führende Franzose Johann Zarco hätten die Umstellung besser hingekriegt, anerkennt Aegerter. «Beide Piloten haben einen ganz anderen Fahrstil als ich. Tom ist bekannt dafür, auf Anhieb schnell zu sein, wenn das Set-up passt.»

Sturz und Verunsicherung

Natürlich gibt es für Aegerter noch weitere Ursachen, weshalb er seiner Form hinterherfährt. «Nach dem verpatzten Auftakt in Doha mit Platz 15 setzte ich mich selbst zu sehr unter Druck, weil es mein Ziel gewesen war, im WM-Klassement um einen Podestplatz zu kämpfen.» Nach der Ouvertüre in Katar kam in Austin, Texas, der Abflug. «Der Sturz hatte mich nicht nur eine Top-5-Klassierung gekostet, er nagte im Nachhinein auch an meinem Selbstvertrauen. Der Zwischenfall verunsicherte mich.»

Einen Mentaltrainer wolle er aber nicht in Anspruch nehmen, sagt Aegerter und erklärt: «Wir, das heisst Team, Familie und Manager, müssen uns gegen Einflüsse von aussen abschirmen. Ich brauche nicht von allen Leuten Ratschläge, auch wenn sie gut gemeint sind. Ich weiss, dass ich das Töfffahren nicht verlernt habe, und ich weiss, dass ich auch auf der neuen Kalex-Maschine schnell sein kann. In Le Mans unterbot ich meine Rundenbestzeit aus dem Vorjahr um 0,3 Sekunden.»

Der Datenaustausch mit Lüthi bringe auf jeden Fall Vorteile, ebenfalls für die beiden Cheftechniker, meint Aegerter. «Im Moment profitiere ich ein wenig mehr davon als Tom, weil ich noch zu langsam bin», ergänzt er mit einem Schmunzeln. «Aber ich kann nicht das Set-up von Tom übernehmen und dann das Gefühl haben, ich sei so schnell wie er. Wir haben ein ganz unterschiedliches Fahrverhalten.»

Psychologie im Container

Es gibt diese Szene in Doha, zwei Tage vor dem ersten Saisonrennen: Im engen Teamcontainer stochert Aegerter auf seinem Teller herum – Pasta, Poulet und Gemüse. Grübelnd schaut er sich das Video seiner enttäuschenden Trainingsfahrt auf Platz 24 an. Im gleichen Moment – in Hörweite von Aegerter – erklärt der achtplatzierte Lüthi derweil den Journalisten, wie er gedenkt, am Renntag die Spitze anzugreifen.

Ist das nicht unangenehm für die Psyche, im Schatten eines anderen zu stehen? «Nein», antwortet Aegerter entschieden. «Wir haben beide unsere eigenen Teams. Ich will mich nicht mit Lüthi vergleichen. Er fährt auf einem ganz anderen Niveau als ich. Wer einen GP gewinnt, verdient die mediale Aufmerksamkeit.» Er spüre grosse Motivation in seinem Team, meint Aegerter. «Die Mechaniker tun ihr Möglichstes, mir eine Maschine bereitzustellen, mit der ich Lüthi herausfordern kann. Es geht jetzt darum, ein gutes Gefühl auf dem Töff zu bekommen. In den nächsten zwei, drei Rennen will ich Top-10-Plätze herausfahren.»

Und Lüthi – traut ihm Aegerter gar den WM-Titel zu? «Ja, klar. Tom befindet sich in einer ausgezeichneten Form. Wenn er so weitermacht und konstant in die Top-5 fährt, kann er zum zweiten Mal Weltmeister werden. Ich würde es ihm gönnen.» Auch Dominique Aegerter wäre es zu gönnen, wenn er im Windschatten eines erfolgreichen Tom Lüthi aus der Krise findet.

Berner Zeitung

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