Ein kauziger Bruchpilot verleiht Vettel Flügel

Hinter dem Erfolg des Formel-1-Weltmeisters aus Deutschland steht ein schlechter Rennfahrer mit genialen Einfällen und einer Aversion gegen Computer: Konstrukteur Adrian Newey.

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Alexander Kühn@alexkuehnzh

Sein Name ist nur Motorsport-Fans ein Begriff, sein Gesicht könnte auch das eines Versicherungsvertreters sein. Und dennoch hat kaum ein Mann die Formel 1 in den letzten Jahren so sehr geprägt wie Adrian Newey. Der Brite ist das Superhirn hinter dem Superauto von Red Bull, er ist der Mann, der Weltmeister Sebastian Vettel Flügel verleiht – im wahrsten Sinn des Wortes. Neweys jüngster Wurf, ein Frontflügel, der sich bei hohem Tempo stark durchbiegt und so hohen Anpressdruck erzeugt, sorgte dafür, dass Vettel der Konkurrenz bei seinem Sieg in Australien von A bis Z überlegen war und pro Runde vier Zehntel auf den zweitplatzierten Lewis Hamilton herausholte.

So gross der Ärger und der Neid über den Geniestreich bei Ferrari und McLaren waren, so schnell war es auch um die Idee eines Protestes geschehen. Neweys Konstruktionen sind nicht nur schnell, sondern auch regeltechnisch wasserdicht. Nicht umsonst war der 52-Jährige seit seinem Formel-1-Einstieg in den Neunzigerjahren am Gewinn von 14 WM-Kronen beteiligt, je sieben bei den Konstrukteuren und den Piloten. Fernando Alonsos sportlicher Ziehvater Flavio Briatore glaubt gar, dass Newey die WM so schon zugunsten von Red Bull und gegen das Ferrari-Team seines spanischen Schützlings entschieden hat. Nach einem Rennen, notabene.

«Ein mittelmässiger Pilot kann in einem guten Auto Weltmeister werden»

Gerhard Berger, bei Red Bulls B-Team einst Teamchef von Sebastian Vettel, glaubt, dass die Überlegenheit des Deutschen beim nächsten Grand Prix am 10. April in Malaysia noch erdrückender sein wird. «Malaysia ist aerodynamisch anspruchsvoller als Australien – und da liegt die grosse Stärke von Red Bull», so der frühere Ferrari-Pilot. Als Schreckgespenst geistert zudem noch der mögliche Einbau des Energierückgewinnungssystems Kers in den RB-7-Boliden umher. Kers könnte den Red Bull noch einmal drei Zehntel schneller machen, Newey zweifelt jedoch daran, ob er den zusätzlichen Schub überhaupt braucht.

Seit 2006 steht Newey in Diensten von Red Bull. Und ein Spruch von Teamchef Christian Horner aus dem Jahr seines Wechsels von McLaren klingt nun fast schon prophetisch: «Er ist eine unschätzbare Verstärkung für unser Team. Wenn ich die Wahl zwischen Michael Schumacher und Adrian Newey hätte, würde ich mich immer für Adrian entscheiden.» Als Horner dies sagte, galt Schumacher übrigens noch als das Mass der Dinge in der Formel 1. Newey selbst drückt die Bedeutung seiner Arbeit so aus: «Ein mittelmässiger Pilot kann in einem guten Auto Weltmeister werden – ein guter Pilot in einem mittelmässigen Auto aber nicht.»

Heftige Unfälle und ein Bleistift

Neweys Arbeitsweise ist im Hightech-Zirkus Formel 1 ein Antagonismus. Der Brite, der Oldtimer sammelt und diesen sogar Namen gibt, zeichnet seine Modelle noch immer mit dem Bleistift. Der Computerbildschirm schränke seine Visionen ein, findet er. Er denkt lieber grossräumig und lotet dabei stets die Grenzen des Reglements aus. An die Grenzen geht Newey aber auch, wenn er selbst am Steuer sitzt, obwohl er beileibe kein Sebastian Vettel ist. Im vergangenen August verunfallte er bei einem Gaststart in der britischen Tourenwagen-Meisterschaft schwer und musste aus dem Wrack seines Autos befreit werden. 2006 hatte er in Le Mans einen Ford GT 40 zu Schrott gefahren.

Als seinen grössten Gegenspieler sieht Newey ohnehin sich selbst an. Auch im Kampf um den WM-Titel 2011. McLaren könne Red Bull gefährlich werden, erklärte er in dieser Woche: «Sie haben nämlich unser Auspuffsystem kopiert. Das muss auch einmal gesagt werden. Dies schmeichelt mir zwar, es würde aber wehtun, wenn wir deshalb den Titel verpassen.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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