Der Zufallsrennfahrer

Einst verblüffte Marcus Ericsson einen Kartbahnbesitzer – heute fährt der 24-Jährige für Sauber in der Formel 1.

Marcus Ericsson will in Malaysia Rang 8 von Melbourne bestätigen. Foto: Keystone

Marcus Ericsson will in Malaysia Rang 8 von Melbourne bestätigen. Foto: Keystone

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Endlich hatte er die Gewissheit, die ­Sicherheit. Es würde weitergehen mit seiner Karriere als Formel-1-Fahrer. Und erst noch in dem Team, von dem er sagt, es sei «perfekt für junge Fahrer».

Dass Sauber eine turbulente Saison hinter sich hatte, immer wieder von Geldproblemen die Rede war und Esteban Gutiérrez und Adrian Sutil auch drei Rennen vor Schluss noch keinen WM-Punkt geholt hatten – was dann bis zum Schluss so blieb –, schreckte Marcus Ericsson nicht ab. Er unterschrieb den Vertrag noch vor dem Grand Prix der USA. «Ich hatte keine Zweifel, als sich mir diese Chance bot», sagt der 24-jährige Schwede. «Ich war sehr aufgeregt, und überzeugt, dass es das perfekte ­Umfeld für mich sein würde.»

Er fühlte sich bestätigt, als er die Hightech-Fabrik in Hinwil zum ersten Mal sah. «Beeindruckend» fand er diese, «die Möglichkeiten, die das Team hat . . . Das ist absolute Topklasse.» Auch vom Auto war er «positiv überrascht», als er es in Jerez und Barcelona dieses Frühjahr testete. «Es war schnell und stabil. Wir konnten viele Kilometer fahren, Rennen simulieren. Das war wichtig – und ganz anders als letztes Jahr», sagt Ericsson.

2014, als er für Caterham startete, wo es noch weitaus turbulenter zuging als bei Sauber: Verkauf des Rennstalls, Auswechslung des Managements, drei verschiedene Teamchefs, zu wenig Geld, um in den USA und in Brasilien zu starten, ­öffentlicher Disput über die Besitzverhältnisse, Start beim Saisonfinale in Abu Dhabi nur dank Gönnern, die im Internet mittels Crowdfunding gefunden wurden. Und letztlich doch die Insolvenz, das Aus, der Verkauf von Teammaterial bei einem Auktionshaus im Februar.

«Ein grosser Schritt für mich»

Ericsson, der in Abu Dhabi seinen Platz bereits dem Briten Will Stevens über­lassen hatte, spricht im Rückblick von einer «schwierigen Situation. Das Auto war schlecht und im Team war es sehr unruhig. Für mich war der Wechsel zu Sauber ein grosser Schritt vorwärts.» Er hoffte, bei den Schweizern die Ruhe, die Sicherheit zu finden, die er beim malaysischen Rennstall vermisst hatte.

Und dann war doch wieder alles ­ungewiss. Als der ehemalige Testpilot Giedo van der Garde vor dem Auftakt in Australien gegen die Schweizer klagte, weil er über einen gültigen Fahrer­vertrag verfügte. Vor einem Gericht in Melbourne recht bekam, am Freitag vor dem ersten Training Ericssons Overall anzog und sich dessen Sitz anpassen liess.

Der Holländer fuhr aber keine Runde im C34 und verzichtete auf seine An­sprüche. Felipe Nasr und Ericsson sorgten dann mit den Plätzen 5 und 8 für den besten WM-Start Saubers überhaupt. Am Wochenende wollen sie dieses Ergebnis in Malaysia bestätigen. Der Streit mit Van der Garde wurde letzte Woche gegen eine Zahlung von geschätzten 15 Millionen Euro an den Fahrer endgültig beendet.

Was die Frage aufwarf: Woher stammt das Geld? Es kamen Gerüchte auf, wonach Ericssons und Nasrs Sponsoren bezahlt hätten. Die Piloten kommentieren das nicht. Ericsson ist überhaupt zurückhaltend, geht es um seine Gönner. Während Nasr die Banco do Brasil zu ­Sauber mitbrachte, ist bei ihm die Rede von ­«Privatmännern» im Hintergrund. Diese sollen dem Rennstall 20 Millionen Franken für diese Saison überwiesen haben.

Ericsson sagt dazu nur so viel: «Ich bin in finanzielle Angelegenheiten nicht involviert, darum kümmert sich mein Management. Mein Job ist es, das Auto so schnell wie möglich zu fahren.» So lautet sein Credo. Seit 15 Jahren.

Seit er mit seinem Vater eine Kartbahn in seiner Heimatstadt Kumla besuchte und als Neunjähriger die ersten Runden drehte. Und dabei vom Bahn­besitzer beobachtet wurde, von Fredrik Ekblom, einem Tourenwagenfahrer. Als der kleine Junge beinahe den Streckenrekord brach, überredete Ekblom ­Tomas Ericsson, seinem Sohn einen Kart zu kaufen. «Mein Vater tat das, und alles begann», sagt Ericsson, «der Start in meine Karriere war absoluter Zufall. Zumal meine Eltern mit Motorsport nichts zu tun hatten und sie als normale Arbeiter auch nicht das Geld gehabt hätten, um mich zu unterstützen.» Der schwedische Rennfahrer Kenny Bräck und Ex-Pilot Eje Elgh nahmen sich ihm an und brachten ihn in ausländischen Serien unter.

Schwedische Rarität

Als 16-Jähriger gewann er die britische Formel BMW und fand den Weg über die britische Formel 3, das japanische Pendant, die asiatische und die internationale GP2-Serie in die Formel 1. «Das war natürlich immer mein Traum. Aber es schien sehr unrealistisch, schliesslich gab es noch nicht viele schwedische Formel-1-Piloten», sagt Ericsson, der in Melbourne als erster Fahrer seines Landes seit Stefan Johansson (1989) punktete.

Es dürfte nicht bei diesen vier Punkten bleiben. Denn jetzt fühlt sich Ericsson richtig sicher bei Sauber. Jetzt, da neben der Strecke wieder Ruhe herrscht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2015, 19:52 Uhr

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