Zwischen tot und sehr lebendig

Der Amerikaner Alberto Salazar ist der schillerndste Leichtathletik-Coach der Welt. Der dreifache New-York-Marathon-Sieger überlebte gar einen Herzstillstand.

Seit ihn die BBC und ein US-Journalist jüngst als Betrüger bezeichneten, lebt Alberto Salazar in permanenter Anspannung. Foto: Doug Pensinger (Getty Images)

Seit ihn die BBC und ein US-Journalist jüngst als Betrüger bezeichneten, lebt Alberto Salazar in permanenter Anspannung. Foto: Doug Pensinger (Getty Images)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Als Alberto Salazar blau anlief, auf den Boden sank und wegen eines Herzstillstands regungslos liegen blieb, schien sein Leben beendet. Zwar hatte er das Glück, am Hauptsitz seines ­Arbeitgebers Nike in Portland zu kollabieren und ­damit eine medizinische ­Infrastruktur um sich zu wissen. Trotz Herzmassage zweier Trainer aber begann sein Organ erst 14 Minuten später und nach vier Strom­stössen der herbeigerufenen Sanitäter wieder zu schlagen.

Am 30. Juni 2007 endete also sein ­erstes Leben mit einem Herzinfarkt. Wochen später staunte er in ­einem Interview mit dem Magazin «Runner’s World» über sein zweites: «Ich bin schockiert, noch am Leben zu sein.» Trotz der raschen ­Intervention ist die Über­lebenschance nach einem solch langen Herzstillstand klein. Salazar erlitt zudem nicht einmal Schäden. Der Katholik folgerte: «Gott hat mir eine zweite Chance gegeben.»

In den vergangenen acht ­Jahren hat Salazar so viel aus dieser herausgeholt, dass er regelmässig für Schlagzeilen in der Leichtathletikwelt sorgte. Einst selber Weltspitze im Marathon, begann er ab 2001 in einem Spezialprojekt von Nike amerikanische Langstreckenläufer zu coachen. Als man nämlich den sechsten Platz des besten US-Athleten am Boston Marathon wie einen Sieg feierte, hatte ­Salazar sein sportliches Erweckungs­erlebnis: Amerika wieder an die Spitze der Spitze zu führen – wie zu seiner Zeit in den 70er- und 80er-Jahren.

Die Letzte Ölung 1978

Doch nun lebt er seit fast einem ­Monat in der permanenten Anspannung: BBC und ein renommierter US-Journalist bezeichneten ihn Anfang Juni in einer langen ­Reportage als Betrüger. Er soll ­seinen liebsten Athleten Galen Rupp, den Olympiazweiten über 10'000 m von 2012, mindestens in dessen Teenagerzeit mit einem illegalen Mittel versorgt haben. Vorgestern reagierte Salazar in einem 11'000 Wörter langen öffentlichen E-Mail samt vielen Anhängen auf die Anschuldigung.

Es war für seine zahlreichen Fans wie Hasser die fiebrig erwartete ­Replik. Überzeugend fällt sie aus und dürfte vielen doch nicht reichen, dass er damit die Zweifel an seiner Person ausräumen könnte. Aber dafür ist sein ­Leben wohl auch zu schillernd – und von Widersprüchen durchzogen. Darum liebt oder verachtet man diesen Salazar schliesslich.

Für verrückt halten ihn beide Gruppen, weil ihn seine Laufpassion als Athlet fast zerfressen hat. 1978 überhitzte er seinen Körper an einem superheissen Renntag derart, dass er zusammenbrach. Knapp 42 Grad betrug seine ­Körpertemperatur. Vorsorglich boten die Organisatoren einen Priester auf, um ihm die Letzte Ölung erteilen zu können. Salazar überlebte, ohne daraus lernen zu wollen. Er brach weitere Male nach Rennen ­zusammen, ganz in der Öffentlichkeit bei ­seinem Sieg am Boston Marathon 1982.

Mit einem anderen Amerikaner hatte er sich auf den letzten ­Kilometern ein Katz-und-Maus-Spiel geliefert, den Gegner im Endspurt bezwungen. Komplett ausgetrocknet, kollabierte er im Ziel. Nachdem ihm die Sanitäter mehrere ­Liter Flüssigkeit intra­venös ­zugeführt hatten, kehrte Leben in seinen Körper zurück. Dass ihm seine Kritiker nun ­vorhalten, er pushe seine Athleten weit in den Graubereich, ist heuchlerisch: Leben am Limit ist sein Leben. Auch darum zählt er in der Leichtathletik zu den weltbesten Coaches.

Experiment an den Söhnen

Denn Salazar versucht noch den kleinsten Bereich zu optimieren. Dank Nike verfügt er über Fachpersonal, technische Hilfsmittel oder Geld. Darum vermag er seinen besten Athleten selber mitentwickelte Unterwasserlaufbänder in die Garage zu stellen, damit sie in Verletzungsphasen weiter trainieren können – oder eine Kühlanlage an die Spiele von 2012 fliegen zu lassen, damit seine Schützlinge wie Doppel-Olympiasieger Mo Farah ihre Erholung über kurze, ­superkalte «Luft­bäder» beschleunigen.

Salazar ist ein Getriebener. Als der «bekennende Paranoiker» fürchtete, man könnte seine Athleten mit einer dopinghaltigen Creme lahmlegen, ordnete er Tests an, wie hoch die Dosis dafür sein müsste. Als Versuchspersonen dienten die beiden Söhne. Wohl­gemerkt: Dies ist ­Salazars Lesart. Seine Kritiker behaupten, er habe heraus­finden wollen, mit welcher Menge er ­seinen Lieblingsathleten Rupp «ein­cremen» könne, bis dieser eine positive Dopingprobe abgebe. Geht es also um das Wirken von Alberto Salazar, vereinfacht sich die Welt gerne in Weiss oder Schwarz. Dabei ist das Gegenteil richtig: Sein Leben ist bunt wie selten eines. Als 2007 sein Herz wieder zu schlagen ­begann, sagte er: «Halte keinen Tag für selbstverständlich.»

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