So gut wie nie zuvor

Sportredaktor Micha Jegge schreibt über die Schweizer Leichtathleten.

Von einem Schweizer Medaillen­gewinn darf an der WM in London nicht ausgegangen werden. Auf globaler Ebene ist das Niveau extrem hoch, in vielen Disziplinen gilt dies auch für die Leistungsdichte. Zumindest in der Nähe des Podests bewegt sich die Frauenstaffel. Holen die Sprinterinnen bei den Übergaben das Maximum heraus, können sie körperlich stärkere Nationen in Ver­legenheit bringen. Was gedanklich an den Ursprung des Aufschwungs zurückführt.

Auf den Plakaten, die im Vorfeld der EM 2014 in Zürich auf den Grossanlass hinwiesen, waren die damaligen Mitglieder der Sprintstaffel zu sehen. Gemeinsam sind wir stark, lautete die Botschaft der noch weitgehend unbekannten Postergirls. Es handelt sich exakt um jenes Motto, an welchem sich die führenden Kräfte in der Schweizer Leichtathletik orientierten, nachdem sie die Kandidatur für die Titelkämpfe eingereicht hatten.

Alle relevanten Parteien zogen am gleichen Strick, ein erheblicher Teil der Fördergelder floss in den Nachwuchs. Das Ergebnis übertrifft die kühnsten Erwartungen: Drei Jahre nach dem Gipfeltreffen im Letzi­grund ist die Schweizer Leichtathletik so gut aufgestellt wie nie zuvor.

Die Dimension des Fortschritts lässt sich anhand der europäischen Saisonbestenlisten illustrieren. Mujinga Kambundji (200 m), Lea Sprunger (400 m/400 m Hürden) und Fabienne Schlumpf (Steeple) erscheinen auf Rang 2. Nicole Büchler (Stab) und Sprunger (200 m) belegen Platz 3. Kambundji ist über 100 Meter Vierte, Kariem Hussein und Petra Fontanive (beide 400 m Hürden) finden sich auf Position 5. Selina Büchel (800 m) ist Sechste, obwohl sie noch kein richtig schnelles Rennen bestritten hat; Angelica Moser (Stab), Dany Brand (400 m Hürden) und Géraldine Ruckstuhl (Siebenkampf) sind ebenfalls in die Top Ten vorgestossen.

Hätte jemand vor fünf Jahren eine solche Bilanz vorausgesagt, wäre er für verrückt erklärt worden. Vor diesem Hintergrund stellt der an der Team-EM in Finnland realisierte Aufstieg in die Super League keine Überraschung dar. Wobei der Schein trügt: Die Schweiz ist vornehmlich ein Land von Läufern und vor allem Läuferinnen – bei den Würfen hingegen nicht annähernd konkurrenzfähig.

Der Kulminationspunkt ist nicht in Sicht, wie die Geschehnisse an den Junioren-Europameisterschaften der Kategorien U-20 und U-23 offenbaren. Neun Medaillen liessen sich die Swiss-Athletics-Vertreter umhängen, fünf davon aus Gold – mehr denn je. Wer die letzten drei Monate vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt, sieht einen Film, der fast wie nach Drehbuch verlaufen ist.

Die nicht geplanten Szenen betreffen Verletzungen. Noemi Zbären, das grösste Schweizer ­Talent des letzten Jahrzehnts, war 2015 in Peking die einzige Schweizer WM-Finalistin. Europameister Tadesse Abraham hätte sich ohne Kreuzbeinbruch auf Städtemarathons konzentriert. In beiden Fällen ist von einer Rückkehr auf hohem Niveau auszugehen. Hält sich die Geschichte in den nächsten zwölf Monaten in bisherigem Mass ans Drehbuch, könnte an der EM 2018 in Berlin ein rot-weisses Feuerwerk entfacht werden.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt