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Sie und Er

Nicole Büchler wird seit zweieinhalb Jahren von ihrem Ehemann Mitch Greeley trainiert. In dieser Zeitspanne hat sich die Bielerin von einer guten Mittelklasse- zu einer Weltklasseathletin entwickelt.

Seitenwechsel: Mitch Greeley unterstützt seine Ehefrau Nicole Büchler, die eigenen Ambitionen als Stabhochspringer hat er zurückgestellt.
Seitenwechsel: Mitch Greeley unterstützt seine Ehefrau Nicole Büchler, die eigenen Ambitionen als Stabhochspringer hat er zurückgestellt.
Christian Pfander

Sie springt, er filmt. Nicole Büchler bereitet sich in Magglingen auf die am Freitag beginnende WM in London vor. Optimal ist die Ausgangslage für die Stabhochspringerin nicht. Beschwerden im hinteren Oberschenkelmuskel zwingen die 33-jährige Bielerin seit Mitte Juli zu einer Reduktion des Trainingsumfangs. «Good Job», ruft Mitch Greeley, nachdem Büchler kurz nach 20 Uhr einen Versuch über 4,50 Meter mit verkürztem Anlauf locker gemeistert hat.

Der 31-Jährige aus dem US-Bundesstaat South Carolina sitzt in der Sporthalle End der Welt, zeichnet jeden Sprung seiner Gattin auf, analysiert, gibt Feedbacks. Wie er dies seit zweieinhalb Jahren tut – ohne Ausnahme. «Ich habe kein Training verpasst», hält er fest. Die Kooperation ist ein Erfolg, hat Büchler doch den Bestwert in erwähnter Spanne von 4,67 auf 4,80 Meter gesteigert – sich von einer guten Mittelklasse- zu einer Weltklassespringerin entwickelt. Wobei das in Biel lebende Paar seine Geschichte anders geplant hatte.

Büchler und Greeley, seit 2010 verheiratet, stellten sich in den ersten Ehejahren vor, wie schön es wäre, die Schweiz gemeinsam an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro zu vertreten. Auf dem Weg ins Glück galt es zwei Hürden zu meistern. Greeley benötigte den roten Pass und einen Sprung über 5,70 Meter. Das administrative Problem liess sich lösen, Greeley ist seit Juli 2016 Schweizer. Sportlich hingegen lag die Latte deutlich zu hoch. Das habe sich früh abgezeichnet, sei mit der Gestaltung seines Lebens verbunden, stellt er klar.

Tagsüber arbeitet er im Vollpensum als Automatiker, abends betreut er seine Frau; grosse Sprünge liegen da nicht drin. Vor zwei Wochen wurde er offiziell Schweizer Meister, bei widrigen Verhältnissen reichte ein geglückter Versuch über 5 Meter aus. «Manchmal werde ich augenzwinkernd gefragt, ob meine Frau schon höher springe als ich», hält Greeley schmunzelnd fest und schüttelt den Kopf. «5,30 kriege ich hin, jedenfalls in der Halle. Wichtiger aber ist, dass es bei Nicole passt.»

Trainingsalltag in Magglingen: Nicole Büchler springt, Mitch Greeley zeichnet den Versuch auf. Bild: Christian Pfander
Trainingsalltag in Magglingen: Nicole Büchler springt, Mitch Greeley zeichnet den Versuch auf. Bild: Christian Pfander

Ehemann und Trainer in Personalunion – die Konstellation birgt in der Regel Konfliktpotenzial. Bei Greeley scheint dies nicht der Fall zu sein. «Sind wir unterschiedlicher Meinung, diskutieren wir. Finden wir keinen Konsens, hat sie das Schlusswort.» Büchler lacht, als sie hört, wie er sich ausdrückt. Greeley ist ihr sechster Trainer, wobei er sich auf die Technik fokussiert. Die Trainingspläne in den Bereichen Kraft und Kondition schreibt die Sportwissenschaftlerin selbst.

«Ich hatte immer gute Trainer. Aber je besser ich wurde, desto mehr verspürte ich das Bedürfnis, meine Erkenntnisse und Sichtweisen einzubringen.» Was nicht bei jedem Fachmann gut angekommen sei. «Mittlerweile weiss ich, dass ich tun muss, was ich tun will.» Rege sie sich auf, wenn sie des Trainers Gesicht sehe, bringe sie die Leistung sowieso nicht. Wobei sie sich manchmal auch über Greeley aufrege, es hierbei aber einen Unterschied gebe. «Mitch kann ich es direkt sagen.» Worauf dieser lachend entgegnet, es nicht persönlich zu nehmen.

Bleibt die Frage, was Greeley als Trainer auszeichnet. Büchler erwähnt die positive, «typisch amerikanische» Grundhaltung. «Ist Mitch nicht ganz anderer Meinung, gibt er mir das Gefühl, dass ich es richtig mache.» Und wenn es in ihr mal brodle, sorge er für Abkühlung, indem er ihr vermittle, «dass mir nid d Wäut bewege, sondern nume mit em ne Stäcke über ne andere Stäcke gumpe».

«Ist Mitch nicht ganz anderer Meinung, gibt er mir das Gefühl, dass ich es richtig mache.»

Nicole Büchler

Der Gelobte sagt, er habe den Vorteil, den Menschen ins Zentrum stellen zu können, nicht die Sportlerin. «Wenn es im Leben Schwierigkeiten gibt, sehe ich das schon, bevor das Training beginnen wird. Ich weiss, wie sie gelaunt ist, ob sie körperlich Probleme hat.» Greeley spricht über den «American Spirit», den er keinesfalls verlieren dürfe, weil er ihm nicht nur das Training, sondern das Leben erleichtere. «Manchmal führt auch der falsche Weg ins Ziel, wenn du überzeugt bist, das Richtige zu tun.» Er verweist auf US-Stabhochspringerin Sandi Morris, die dank Anlauftempo und Leidenschaft Berge versetzen könne, obwohl sie sich technisch auf bescheidenem Level bewege.

Büchler und Greeley lernten sich vor neun Jahren in einem Trainingscamp von Ex-Weltrekordhalter Earl Bell in Jonesboro kennen und beschlossen, gemeinsam durchs Leben zu ziehen. Was für ihn bedeutete, die Heimat zu verlassen, weil ihr das Niemandsland im US-Bundesstaat Arkansas nicht gefiel und sie ihr Studium wieder aufnehmen musste. Drei Sachen nahm er mit: sein Velo, seinen Laptop und seinen Hund.

«Den Hund habe ich immer noch. Der Laptop ging kaputt, und das Velo wurde geklaut.» Greeley begann in der Schweiz «bei null», machte eine Ausbildung, lernte eine neue Sprache, eine neue Kultur kennen. Unterhält sich das Ehepaar, nutzen beide englische und berndeutsche Worte. Von seinem alten Leben zeugen die vielen Tattoos. In seinem neuen arbeitet er bei der Feintool AG, sein Chef ist der einstige 200-Meter-Schweizer-Meister Marc Schneeberger. Müsse er für einen Wettkampf seiner Frau freinehmen, stosse er stets auf Verständnis, lässt er lächelnd verlauten.

Büchler sieht sich mit den gleichen Beschwerden konfrontiert wie vor den Olympischen Spielen in Rio. Damals war sie «extrem gestresst», weil sie nicht wusste, ob der lädierte Hamstring-Muskel überhaupt Sprünge zulassen würde. Die Seeländerin meisterte 4,70 Meter, belegte Platz 6, gewann als dritte Schweizer Leichtathletin in der Geschichte ein olympisches Diplom. Die Erinnerungen helfen ihr in diesen Tagen, ebenso jene an den letzten Wettkampf im WM-Stadion: Anfang Juli belegte Büchler am Diamond-League-Meeting in London dank des Saisonbestwerts von 4,73 Metern Rang 2. Höher sprang einzig Olympiasiegerin Katerina Stefanidi.

Was Greeley zu einem Vergleich animiert. Er sagt, auch die Griechin sei mit einem Stabhochspringer verheiratet, auch dieser sei Amerikaner und heisse Mitch. «Die beiden fragten uns, ob es empfehlenswert sei, Sport und Privatleben zu teilen.» Sein Fazit: «Seit er sie trainiert, hat sie so gut wie alles gewonnen.» Seit sie springt und er filmt.

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