Routinierter Rekordmann

Andreas Gasser ist der erste Athlet, der sechs Meistertitel in der höchsten Kategorie gewinnen konnte. Geräteturnen ist für den 35-jährigen Belper mehr als nur ein ambitioniertes Hobby – weshalb er noch lange nicht genug hat.

Andreas Gasser hält locker mit der ­jungen Konkurrenz mit.

Andreas Gasser hält locker mit der ­jungen Konkurrenz mit.

(Bild: Peter Friedli)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Vor rund einem Monat hat es Andreas Gasser wieder getan. An der Schweizer Meisterschaft der Geräteturner setzte er sich in der höchsten Kategorie gegen sämt­liche Konkurrenten durch. Nun gehört der Belper seit Jahren zu den Besten in der Szene, weshalb der neuerliche Coup keine grossen Wellen warf. Doch wer die Rangliste einmal etwas genauer anschaut, wird womöglich verwundert die Augen reiben. Denn auf Platz 2 verwies der Routinier den Luzerner Fabio Gasser – welcher 18 Jahre jünger ist.

Darauf angesprochen, meint der 35-Jährige lächelnd: «Ich hatte Glück mit der Veranlagung.» Wobei das allein nicht ­dazu reichen würde, die jüngere Konkurrenz in Schach zu halten. Gasser steht zwei- bis dreimal pro Woche in der Turnhalle, trainiert Kraft und Beweglichkeit, feilt immer wieder an der Grundtechnik. Der Belper ist froh um die jüngere Konkurrenz, «sie bringt frischen Wind, sorgt für einen gesunden Druck, das ist für alle gut». Und er ist sich als Leiter der Geräteturnabteilung des TV Belp gewöhnt, mit weit jüngeren Athleten zu turnen. «Das Durchschnittsalter beträgt bei uns rund 20 Jahre, wir haben viele Teenager, das hält einen jung», hält er fest.

Das Abenteuer seines Lebens

Sechs Meistertitel umfasst sein Palmarès nun in der höchsten ­Kategorie, damit ist Gasser der erfolgreichste Schweizer Geräteturner in der Geschichte. «Das ist schön und macht mich stolz», sagt er, «aber der Rekord war nie ein Ziel, es gibt Wichtigeres.» Entsprechend sucht man in seiner Wohnung vergeblich nach Auszeichnungen, «die habe ich in einer Kiste verstaut».

Seit 28 Jahren turnt Gasser mittlerweile. Als Junior hatte er einst im regionalen Kunstturn-Leistungszentrum in Bern figuriert, doch weil Aufwand und ­Ertrag nicht übereinstimmten, setzte er auf den beruflichen Werdegang. Mittlerweile ist Gasser Bauingenieur, und er sagt: «Ich habe nie an meinem Weg ­gezweifelt.»

Obwohl Gasser sich bereits mit 15 Jahren gegen den Spitzensport entschied, bescherte ihm das Turnen das grösste Abenteuer seines Lebens. 2011 schickte er ein Bewerbungsvideo an den ­Cirque du Soleil und wurde dank seinem Können an den Schaukelringen prompt für die «Michael Jackson Immortal World Tour» engagiert. Während eineinhalb Jahren reiste der Belper mit dem kanadischen Zirkusunternehmen, das für seine Akrobatik-, Schauspiel-, Tanz und Gesangsdarbietungen weltbekannt ist, durch Kanada, die USA und Mexiko. Gasser trat in riesigen Hallen – etwa dem New Yorker Madison Square Garden – auf.

Blickt er ­zurück, spricht er von einem «Rockstar-Feeling». 250 Leute umfasste der Tross, 40 Trucks transportierten das Material quer durch Nordamerika. «Dieses Erlebnis kann mir niemand mehr nehmen», sagt Gasser. Als die Tour zu Ende war, hätte er die Möglichkeit gehabt, weiter für den Cirque du Soleil zu arbeiten, doch er entschied sich für die Rückkehr in die Schweiz und den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Abgesehen von einigen Auftritten mit der Crew von DJ Bobo war er nie mehr im Showbusiness tätig. Für Gasser stimmt es so, «weil mir von Anfang an klar war, dass das ein einmaliges Erlebnis sein würde».

Klar ist auch: Trotz seiner 35 Jahre hat Andreas Gasser noch nicht genug vom Geräteturnen. Er schätzt den kollegialen Umgang im Verein, erwähnt die Freude am Sport und die soziale Komponente. «Das ist sehr wichtig, sonst würde ich diesen Aufwand nicht mehr auf mich nehmen.» Solange sein Körper mitmache und er vorne mitturnen könne, wolle er in der höchsten Kategorie bleiben. Für die Konkurrenz dürfte sich diese Aussage wie eine Drohung anhören.

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