Platz 2 und die längste Ehrenrunde

Die Schweizer Sprintstaffel verpasst den Sieg knapp. Gefeiert wird sie an der Weltklasse Zürich aber ebenso wie Europameisterin Lea Sprunger.

Freudiger Abschluss: Die Schweizer 4-x-100-m-Staffel mit Atcho, Kambundji, Kora und Del Ponte (von links). Foto: Reto Oeschger

Freudiger Abschluss: Die Schweizer 4-x-100-m-Staffel mit Atcho, Kambundji, Kora und Del Ponte (von links). Foto: Reto Oeschger

Noch einmal erhob sich das ­Publikum auf der Haupttribüne zur Standing Ovation. Und zwar nicht primär für die 16 Diamond-League-Gewinner, die gerade ­geehrt wurden, sondern vor allem für Ajla Del Ponte, Sarah Atcho, Mujinga Kambundji und Salomé Kora. Die Supporter honorierten damit den 2. Platz in der Sprintstaffel, aber auch die Saisonleistung des Quartetts, dem nur die Krönung in Form einer EM-Medaille knapp versagt blieb.

Auch diesmal war es knapp, und wiederum mit ungutem Ausgang für die Schweizerinnen. Del Pontes erster Wechsel zu Atcho klappte perfekt, in der Kurve zündete Kambundji noch ein letztes Feuerwerk in dieser Saison. Kora konnte als Erste übernehmen und die St. Gallerin blieb lange vor Dina Asher-Smith.

Die so unangenehme wie undankbare Aufgabe gegen die dreifache Europameisterin war dann aber doch zu schwierig, die Britin zog auf den letzten Metern vorbei. «Ich habe es nicht gerne, wenn mir andere im Nacken sitzen», sagte Kora, «aber Asher-Smith läuft im Moment auf einem ganz anderen Level. Es ist jedoch ganz klar ein gewonnener zweiter Platz und nicht ein verlorener Erster. Wir wollten in die Top 3.»

Sprungers kurzer Frust

Am Willen hatte es auch Lea Sprunger über die 400 m Hürden nicht gefehlt. Die 28-Jährige versuchte bis zuletzt Plätze gutzumachen und immerhin verbesserte sie sich noch um eine Position, allerdings nur von Platz 7 auf 6, ein grober Fehler vor der letzten Hürde verhinderte mehr. Das Rennen war nicht allzu schnell, Dalilah Muhammad siegte in 53,88.

Später strahlte Sprunger schon wieder: «Das Rennen war nicht speziell gut, aber es war okay. Ich bin zufrieden.» Sie hatte den Gegnerinnen aus aller Welt, die im Gegensatz zu ihr keine Kontinentalmeisterschaften bestritten hatten, nicht mehr genügend entgegenzusetzen, die Zeit war mit 55,36 eine Enttäuschung. Abgezeichnet hatte sich dies nicht unbedingt: «Die Müdigkeit hatte sich schon angestaut, ich hatte seit der EM keinen Tag für mich. Aber ich war fit, mental und physisch.»

Bildstrecke: Weltklasse Zürich

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Das Lachen hatte sie schon kurz nach dem Rennen wieder gefunden. Es folgten Autogramme, Selfies und die wohl ausgiebigste Ehrenrunde, die in Zürich je eine Sechstplatzierte absolviert hat. Sie kostete das Gefühl aus: «Die Leute hatten grosse Freude, dass ich hier dabei war, und das war wunderbar», sagte sie.

Die grosse Ernte

Noch ein letztes Mal hatte sie die Konzentration aufgebaut. Und dann schon vor dem Start geerntet, was sie in den letzten Jahren, aber vor allem in den letzten Wochen, gesät hatte. «Hier ist sie unsere Europameisterin, Leeeea Sprunger», und schon der Nachname wurde vom tosenden Applaus der Fans verschluckt.

Auch wenn man es aufgrund des Resultats annehmen könnte, zusätzlichen Druck verspürte sie beim grossen Heimauftritt nicht: «Hier in Zürich ist die Saison immer schon fast vorbei. Dass ich hier laufen darf, ist jedes Mal ein Geschenk.» Dass sie dieses nicht wie gewünscht auspacken konnte, dürfte sie kaum lange beschäftigen: Bald folgen die verdienten Ferien in Neuseeland. Ihre Augen leuchten noch etwas mehr, als sie sagt: «Jetzt mache ich einen Monat gar nichts, und dort bin ich so weit weg, dass mich niemand stören kann.»

Dann beginnt schon bald die Vorbereitung auf nächste Saison mit der WM in Doha. Es lockt auch der Uraltrekord von Anita Protti (54,25), von dem sie noch vier Hundertstel trennen. «Eines Tages wird der Rekord in meinem Besitz sein, hoffe ich», sagt sie. Kaum ein Schweizer Leichtathletik-Fan würde auf das Gegenteil wetten. Trotz gestern.


Video – So beschleunigt Kambundji auf 37 km/h

Im Sportslab erklärt ein Experte, wie der Schweizer Sprinterin der perfekte 100-Meter-Lauf gelingt.


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