Nicht am Limit

Sportredaktor Micha Jegge schreibt über den Auftritt der Schweizer Leichtathleten an der WM im London.

Die Swiss-Athletics-Equipe hat in London vier Finalplätze erreicht – das beeindruckende Schlussbouquet der Sprintstaffel inklusive. Was vier Mal so viel ist wie vor zwei Jahren in Peking, als die in London verletzungsbedingt abwesende Noemi Zbären den Hürdensprint auf Platz 6 beendete.

Der Vergleich spiegelt die Entwicklung in der helvetischen Leichtathletik – in der Breite wie in der Spitze. Es geht markant aufwärts, das durchschnittliche Leistungsvermögen der meisten Athleten ist in den letzten Jahren wesentlich höher geworden. Wobei sich in den letzten zehn Tagen herausgestellt hat, dass ein durchschnittlicher Auftritt auf globaler Ebene selbst bei sehr hohem Grundniveau selten zum angestrebten Ziel führt.

Was den Schweizern in den Einzeldisziplinen fehlte, war der Auftritt am persönlichen Limit. Je grösser das eigene Potenzial wird, desto schwieriger scheint es zu sein, am Tag X das Maximum abzurufen. Mujinga Kambundji beispielsweise gilt als Turniersprinterin, die von Runde zu Runde schneller wird, ihre besten Darbietungen an Grossanlässen abliefert. Im 200-Meter-Halbfinal von London gelang dies der Bernerin nicht. Was damit zu tun haben könnte, dass der Vorstoss in den Final in Anbetracht der Saisonbestenliste erstmals keiner Überraschung gleichgekommen wäre.

Langhürdlerin Lea Sprunger sowie die mit Grippe-Symptomen kämpfende Stabhochspringerin Nicole Büchler hätten sogar Medaillen gewinnen können, wären ihnen Auftritte an der oberen Grenze ihrer Möglichkeiten geglückt; Selina Büchel und Fabienne Schlumpf hätten sich in diesem Fall souverän für die Finals qualifiziert. Damit keine falschen Schlüsse gezogen werden: Enttäuscht hat von den genannten Athletinnen keine, über sich hinaus gewachsen ist ebenfalls keine.

Wer zu einem anderen Fazit gelangt, die Ergebnisse mit dem Medaillenregen von Amsterdam vergleicht, blickt an der Realität vorbei. Kambundji und Sprunger, die an der EM 2016 Podestplätze erreicht hatten, liefen in England deutlich schneller als in Holland. Auf kontinentaler Ebene kann bei den stärksten Schweizern mittlerweile selbst eine durchschnittliche Leistung zu einem glänzenden Ertrag führen. Was im Hinblick auf die EM 2018 in Berlin eine höchst erfreuliche Erkenntnis ist.

Berner Zeitung

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