Mit vollem Risiko nach Rio

Adrian Lehmann und Fabian Kuert (beide LV Langenthal) treten nach einem gemeinsamen Trainingslager am Sonntag beim Marathon in Zürich an. Lehmann will dabei die Olympia­limite unterbieten.

Trainingspartner: Adrian Lehmann (rechts) und Fabien Kuert (beide LV Langenthal) während dem Trainingslager in Kroatien.

Trainingspartner: Adrian Lehmann (rechts) und Fabien Kuert (beide LV Langenthal) während dem Trainingslager in Kroatien.

(Bild: zvg)

Die letzten Tage vor einem Marathon sind die ruhigsten, aber für einen Läufer auch irgendwie mühsam. «Man macht dann quasi gar nichts mehr. Das ist ungewohnt», sagt Adrian Lehmann, der aktuell drittbeste Schweizer Marathonläufer. Am Samstag ist er von einem Trainingslager in Kroatien zurückgekehrt, in dem die letzten Grundlagen gelegt wurden.

Die Grundlagen dafür, dass am nächsten Sonntag in ­Zürich das grosse Ziel erreicht werden kann: Lehmann, mit 26 für einen Marathonspezialisten noch in einem jungen Alter, will den Sprung an die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro schaffen. In 2 Stunden und 14 Minuten muss er die 42,195 Kilometer durch die Limmatstadt zurück­legen. Seine bisherige Bestzeit beträgt 2:15:08, aufgestellt im September 2015 in Berlin. «Ich erachte es für möglich, die Olympialimite zu erreichen», sagt Lehmann. «Ich bin in einer Superform.»

Höhe im Zimmer simuliert

Lehmann hat im Vergleich zum Vorjahr sein Training nicht verändert, aber perfektioniert. Der in Liebefeld bei Bern wohnhafte Oberaargauer spricht besonders gut auf Höhentraining an. Im Winter trainierte er vier Wochen in Kenia, anschliessend lieh er sich ebenfalls für einen Monat wie vor dem Berlin-Marathon einen Generator aus, mit dem der Raumluft Sauerstoff entzogen werden kann. So kann ein Höheneffekt simuliert werden; in der Nacht herrschten im Zimmer Bedingungen wie auf einer Höhe von 2500 Metern. Die Massnahme bewährte sich wieder. Lehmann bestritt am 3. April in Berlin erneut einen Wettkampf. Diesmal war es ein Halbmarathon, den er in 1:04:29 zurücklegte. Seine persönliche Bestzeit verbesserte er um 48 Sekunden.

Kenianische Helfer

Diese Ereignisse veranlassen den 26-Jährigen dazu, in Zürich ­volles Risiko einzugehen. «Ich werde mein Rennen vom ersten Kilometer an darauf ausrichten, unter 2:14:00 ins Ziel zu kommen», sagt Lehmann. «Ich habe keinen Plan B. Sollte ich in Zürich die Limite nicht erreichen, werde ich keinen zweiten Versuch an einem anderen Ort unter­nehmen.»

Helfen werden ihm bei seinem Unterfangen zwei junge Kenianer, die er im Training in Eldoret kennen gelernt hat. Bei Boaz Kiptoo Kiplagat und Reuben Kiptugen handelt es sich um Läufer, die bis dahin noch keinen Marathon bestritten. Sie haben aber das Potenzial, ähnlich schnell zu laufen wie Lehmann. Nach Möglichkeit sollen die beiden Afrikaner und Lehmann die gesamte Strecke zusammen zurücklegen, der Berner so bei seinem Unterfangen stets willkommene Unterstützung geniessen. «Sie werden von mir entschädigt, können vielleicht einen Rang erreichen, der noch Preisgeld abwirft, und sich in Europa präsentieren», schildert Lehmann, wie die Kenianer wiederum von ihrem Auftritt in Zürich profitieren können.

So hohe Ziele wie Lehmann kann sein Klubkollege Fabian ­Kuert in Zürich nicht anstreben. Der 32-Jährige hatte im letzten Herbst in Luzern erstmals einen Marathon bestritten und war in Abwesenheit der Spitzenleute in 2:26:18 gleich Schweizer Meister geworden. Kuert will sich auf etwa 2 Stunden und 20 Minuten verbessern und hofft, dass andere Läufer eine ähnliche Zeit an­streben und er so die Strecke nicht allein zurücklegen muss. Ab und zu trainiert er mit Lehmann zusammen. «Ich versuche dann jeweils, mitzuhalten; gegen Schluss muss ich dann halt etwa mal abreissen lassen», erzählt Kuert. Es sei sehr motivierend, mit einem solchen Athleten laufen zu können.

Auch Fabian Kuert hofft, dass sich das Warten gelohnt hat. Und Adrian Lehmann am Sonntag als Olympiateilnehmer feststeht.

Berner Zeitung

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