Leichtathletik ist Kopfsache

Sprinterin Mujinga Kambundji und Stabhochspringerin Nicole Büchler präsentieren sich an der Landesmeisterschaft zu später Stunde in Hochform.

Erfreulicher Fakt: Mujinga Kambundji sprintet schnell wie nie zuvor – nur drei Europäerinnen haben in dieser Saison bessere Zeiten vorzuweisen.

Erfreulicher Fakt: Mujinga Kambundji sprintet schnell wie nie zuvor – nur drei Europäerinnen haben in dieser Saison bessere Zeiten vorzuweisen.

(Bild: Keystone)

Das Schlussbouquet übertrifft sogar die kühnsten Erwartungen. Als die Dunkelheit über der Zuger Allmend eingebrochen ist, zünden die Bernerinnen das Feuerwerk. Mujinga Kambundji präsentiert sich im 200-Meter-Final, als handle es sich um eine Weltmeisterschaft. Nie zuvor dürfte sie die Kurve derart schnell bewältigt haben. Auf der Geraden reicht die Kraft für 70 rasante Meter, die letzten 30 werden zum Kampf. Wobei die Könizerin den inneren Schweinehund bezwingt, die halbe Bahnrunde in 22,80 Sekunden zurücklegt, den im EM-Final von Zürich realisierten Landesrekord um drei Hundertstel unterbietet. Und dies an der Schweizer Meisterschaft, in einem Rennen also, welches sie ohne kompetitive Konkurrenz bestreitet.

Die 23-Jährige strahlt, spricht von «fast perfekten Tagen», als sich Nicole Büchler unmittelbar vor der Haupttribüne auf ihren grossen Auftritt vorbereitet. Die Seeländerin lässt die Latte auf 4,71 Meter legen, die restlichen Stabhochspringerinnen haben ihren Wettkampf längst abgeschlossen. Auf Bodenhöhe ist keine vernünftige Lichtquelle auszumachen, der Einstichkasten kaum zu sehen.

Zweimal scheitert die 31-Jährige, im letzten Versuch hingegen passt alles zusammen. Ihre Bestleistung, gleichbedeutend mit dem Landesrekord, schraubt sie um vier Zentimeter nach oben. «Wahnsinn», meint Büchler, auf die Atmosphäre angesprochen, um Worte ringend. «Normalerweise springen wir in irgendeiner Ecke, hier in der ersten Reihe.»

Noch lässt sich Selbiges von der Schweizer Leichtathletiknicht behaupten. Der Auftritt der Galionsfiguren ist zwar berauschend, jener der ungemein erfolgreichen Nachwuchskräfte erfrischend. Die Realität hat jedoch zwei Seiten, wie der Blick auf hierzulande weniger populäre Disziplinen zeigt.

Im Diskuswerfen der Männer, um eines von vielen Beispielen zu nennen, lässt sich mit einer Weite von 46 Metern eine Medaille gewinnen. Zum Vergleich: In der Jahresweltbestenliste reichen 60 Meter für die ersten 100 Positionen nicht, auf kontinentaler Ebene weist die Nummer 100 einen Wert von 57,12 Metern auf.

Büchler hat die Weltspitze in Sichtweite,ist im globalen Ranking die Nummer 9. Ihre Freude ist beträchtlich, beruht vorab auf dem Fakt, die 4,70er-Schranke überwunden zu haben. «Das ist eine schwer zu überwindende Barriere, vor allem für den Kopf. Es ist etwas ganz anderes, wenn hinter dem Komma nicht die 6, sondern die 7 steht», resümiert die Magglingerin. Bleibt die Frage, warum sie sich für 4,71 und nicht für 4,70 entschied. «4,71 Meter entsprechen der Limite für die Hallen-WM 2016. Dort gibt es keine Qualifikation, nur den Final. Das wäre dann schon mal geschafft.»

Büchler weiss um den Wert solcher Erfahrungen, hat doch erwähnter Kopf an Grossanlässen auch schon das Drehbuch verändert, die zuweilen als Pflichtaufgabe betrachtete Finalqualifikation verhindert. Entsprechend defensiv formuliert sie die Antworten auf Fragen, die mit der in zwei Wochen beginnenden WM in Peking zusammenhängen. Im bisherigen Stil weiterspringen und schauen, wie hoch es sich im Riesenstadion namens Vogelnest fliegen lässt, lautet die Devise.

Kambundjis «Flug» durch die Nacht erstaunt insofern, als sie das Meisterstück im fünften Rennen innert zweier Tage vollbrachte, was selbst für die Kurzarbeiter der Szene einem anspruchsvollen Pensum gleichkommt. Natürlich sei der Körper müde gewesen, gesteht die Bernerin. «Entscheidend ist aber der Kopf.» Im Fall der Sprinterin pflegt sich dieser nicht nur ans Drehbuch zu halten, sondern auch potenzielle Hürden aus dem Weg zu räumen.

So spielte Kambundji in den letzten Wochen mit dem Gedanken, sich in Peking auf 100 Meter und Staffel zu konzentrieren, weil ihr an der Lausanner Athletissima auf der Geraden die Luft ausgegangen war, sie darob an ihrem Stehvermögen zweifelte. «Nun sieht das ein bisschen anders aus», sagt sie lächelnd. Und ergänzt, dass sie noch Raum zur Steigerung orte. Was mit dem fehlenden Druck auf den Nebenbahnen sowie dem Blick auf den Windmesser zusammenhängen dürfte, hat sie doch den Schweizer Rekord bei leichtem Gegenwind realisiert.

Berner Zeitung

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