Léa Sprunger ist in Rekordlaune

Léa Sprunger präsentiert sich in Lausanne selbstbewusst, nachdem sie ins Unterbewusstsein abgetaucht ist. An der Athletissima könnte Anita Protti heute ihre zweite Bestmarke verlieren.

Daumen hoch: Vor dem Heimspiel in Lausanne erweckt Léa Sprunger einen hervorragenden Eindruck.

Daumen hoch: Vor dem Heimspiel in Lausanne erweckt Léa Sprunger einen hervorragenden Eindruck.

(Bild: Keystone)

Die Antwort zeugt von Selbstvertrauen. Sie könne sich gut vorstellen, die 400-Meter-Hürden-Strecke unter 54 Sekunden zu bewältigen, erwidert Léa Sprunger im Vorfeld der Athletissima. «Ich bin sogar sicher, dass ich das kann.» Wobei es ihr womöglich noch nicht in der laufenden Saison gelingen werde, ergänzt die Romande lächelnd. Der Auftritt der 27-Jährigen lässt sich als Sinnbild für die rasante Entwicklung in der Schweizer Leichtathletik betrachten.

Waren früher bei vergleichbaren Terminen maximal ein Dutzend Schweizer Medienvertreter zugegen, sieht sich Sprunger in Lausanne mit der internationalen Journalistengilde konfrontiert. Und befriedigt die Bedürfnisse der etwa 50 Fragesteller ebenso souverän, wie sie am vergangenen Sonntag Anita Prottis Schweizer Rekord über 400 Meter ohne Hürden aus dem Jahr 1990 unterboten hat.

Der Einbruch von Belgrad

An der EM 2014 in Zürich trat Léa Sprunger noch als zuweilen verkrampft wirkende Sprinterin auf, stand dabei im Schatten von Mujinga Kambundji und gehört daher nicht zu jenen Gesichtern, die vom sportaffinen Durchschnittsschweizer nach dem Grossanlass mit der Renaissance der Leichtathletik in Verbindung gebracht werden. Der von Trainer Laurent Meuwly initiierte Wechsel auf die lange Hürdenstrecke markiert den Beginn eines Aufstiegs, welcher zumindest in diesem Tempo nicht erwartet werden durfte.

An der WM 2015 in Peking erreichte die Umsteigerin die Halbfinals, an der EM 2016 in Amsterdam lief sie trotz keineswegs optimaler Darbietung auf Rang 3. Worauf ihr im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro die besten Perspektiven sämtlicher Swiss-Athletics-Vertreter eingeräumt wurden.

Der Auftritt in Brasilien jedoch geriet zum Desaster. Sprunger, als Finalkandidatin gehandelt, schied in der ersten Runde aus. Nach der Rückkehr suchte sie sich Hilfe, fand diese bei einem Psychologen. Sie erholte sich rasch, brillierte in der Hallen­saison mit Weltklasseleistungen, flog als Favoritin an die EM nach Belgrad. Dort brach sie im Final auf der Zielgeraden ein und beendete das Rennen auf Platz 5, nachdem sie als Führende aus der letzten Kurve gekommen war.

Die persönlichen Erkenntnisse

«Rio und Belgrad sind komplett unterschiedliche Fälle», hält die Athletin dezidiert fest. Was an den Olympischen Spielen geschehen sei, könne sie erklären. «Ich war zu lange in diesem Dorf, ich ernährte mich schlecht – es war einfach zu viel.» In Belgrad hingegen sei bis zur Zielgeraden alles wie geplant verlaufen. «Das war eine Panik­attacke.»

Weil sich auf ­rationaler Ebene keine Erklärungsansätze finden liessen, weitete die Schwester von Siebenkämpferin Ellen Sprunger die Ursachenforschung auf das Unterbewusstsein aus, unterzog sich einer Hypnose­therapie. Was dort ans Tageslicht kam, umschreibt sie als «sehr persönlich». Es versteht sich von selbst, mag sie nicht näher darauf eingehen. Ob die Erkenntnisse zu einer Veränderung führen, dürfte sich an der WM in London weisen.

In Lausanne droht derartiges Ungemach kaum. Das Hürdenfeld ist erstklassig, die Einheimische hat nichts zu verlieren. 1,83 Meter gross, lange Beine und ein raumgreifender Schritt – körperlich ist Léa Sprunger für die Dis­ziplin geradezu prädestiniert. Ihr Bestwert liegt bei 54,63 Sekunden, jener Anita Prottis 38 Hundertstel darunter. In Anbetracht des zurückgekehrten Selbstvertrauens erstaunte es nicht, sollte Protti innert fünf Tagen gleich zwei Landesrekorde verlieren.

Berner Zeitung

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