Laufen ist nur noch ihr Hobby

Andrina Schläpfer nimmt am Samstag in der Bundesstadt erstmals die 10 Meilen unter die Füsse. Die 23-Jährige bewegte sich als Juniorin auf Weltklasseniveau. Heute steht der Laufsport nicht mehr im Mittelpunkt ihres Lebens.

An ihrem neuen Wohnort Bern bestreitet Andrina Schläpfer am Samstag den ersten Wettkampf seit zwei Jahren.

An ihrem neuen Wohnort Bern bestreitet Andrina Schläpfer am Samstag den ersten Wettkampf seit zwei Jahren.

(Bild: Urs Baumann)

Reto Pfister

August 2010: Andrina Schläpfer (17) hält an der Jugendolympiade in Singapur als Europäerin mit den besten Afrikanerinnen mit und holt über 1000 Meter Silber. In ihrer Altersklasse bewegt sie sich auf Weltklasseniveau.

Mai 2016: Andrina Schläpfer (23) tritt am GP von Bern an. Sie sagt vor dem Lauf, dass sie mit den besten Schweizerinnen wie Maja Neuenschwander oder Martina Strähl nicht mithalten könne. Es ist ihr erster Wettkampf seit mehr als zwei Jahren.

Krank und verletzt

Dazwischen liegen Jahre, in denen sich im Leben der heute in Bern wohnhaften Solothurnerin einiges verändert hat. Als Kind war sie bereits zuvorderst in den Resultatlisten aufgetaucht, etwa beim Bären-GP. Von 2005 bis 2008 war sie auch als Triathletin unterwegs, konzentrierte sich aber danach aufs Laufen. «Ich wollte eine Spitzenathletin werden», sagt Schläpfer rückblickend. «Alles kam von mir aus.»

Nach dem Erfolg von Singapur wollte sie unter ihrem neuen Coach Louis Heyer, dem heutigen Mittelstrecken-Nationalcoach, langfristig die EM 2014 in Zürich in den Fokus nehmen. Doch dann signalisierte Schläpfers Körper, dass er die Belastungen einer Spitzenathletin nicht mehr einfach so ertragen wollte. Ende 2010, Januar 2011 funktionierte das Immunsystem nicht mehr so, wie es sollte. 2011 pausierte sie. «Ich habe damals bereits überlegt, ob ich zu viel trainiert habe. Und auch die Zeit danach war turbulent», sagt Schläpfer. Immer wieder nahm sie einen Anlauf, um zu alter Stärke zurückzufinden. Unter anderem weilte sie 2012/2013 mit einem Laufstipendium in Arkansas (USA). Sie nahm an einer U-20-WM und an einer U-23-EM teil, schied aber in der Vorrunde aus.

Immer wieder aber wurde Schläpfer von Verletzungen gebremst. Meistens handelte es sich um Sehnenentzündungen an den Füssen. «Nach dem krankheitsbedingten Unterbruch war ich viel anfälliger», erinnert sie sich. Und doch hatte sie die EM weiter im Blickfeld. Nach der Rückkehr aus den USA nahm Schläpfer nochmals Anlauf. Sie stellte jedoch fest, dass sie eine andere Person geworden war. «Ich war nicht mehr gleich stark auf den Leistungssport fokussiert wie zuvor. Ich bemerkte, dass es auch andere Sachen als Laufen gibt.»

Premiere am GP

Eine Erkenntnis, die massgeblichen Einfluss auf Schläpfers heutiges Leben hat. Im Februar 2015 erklärte sie offiziell ihren Rücktritt vom Wettkampfsport. Sie gehört dem ST Bern an, trainiert aber nicht im Verein. «Die Einheiten dort wären auch nicht auf mich zugeschnitten», sagt sie. Seit zwei Jahren wohnt sie in Bern, wo sie Sport und Betriebswirtschaft studiert. Sie legt etwa 50 Kilometer pro Woche laufend zurück; ein fixer Trainingsplan besteht nicht. Und was sehr wichtig ist, sie leidet nicht mehr ständig an kleineren Verletzungen.

Der GP ist ihr erster Wettkampf seit dem Kerzerslauf 2014. Erstmals nimmt sie das 10-Meilen-Rennen in Angriff; die lange Distanz von 16,093 Kilometer hat für eine Mittelstrecklerin, die Schläpfer war, nicht in die Saisonplanung gepasst. «Ich wohne hier und hatte schlicht Lust, den GP zu bestreiten», sagt sie. Bei einem Testlauf legte sie die Distanz, ohne zu forcieren, in 1:06 Stunden zurück. «Eine Zeit zwischen 1:00 und 1:05 sollte möglich sein», sagt Schläpfer. Die besten Frauen werden die Strecke in unter einer Stunde bewältigen.

«Kontakte besser pflegen»

Schläpfer weiss noch nicht genau, was die Zukunft bringen wird. «Es ist schwierig, die Laufkarriere ganz abzuhaken», sagt sie. «Manchmal denke ich noch darüber nach. Ich trauere aber den verpassten Chancen nicht nach.» Laufen ist zum Hobby geworden, es soll nicht mehr ihr Leben massgeblich bestimmen. Andrina Schläpfer ist in diesem Punkt mit sich ins Reine gekommen. «Bahnrennen werde ich eher keine mehr bestreiten. Es kann sein, dass ich regelmässig Stadtläufe auf der Strasse bestreite.»

Würde sie rückblickend etwas anders machen? «In meiner Jugend hätte ich meine Kontakte ausserhalb des Sports besser pflegen sollen. Ich versuche dies nun nachzuholen.»

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