Lächerliche sechs Sekunden

Mit Kenenisa Bekele startet morgen der stärkste aller Langstreckenläufer am Grand Prix von Bern. Der 35-jährige Äthiopier ist Athlet, Vater und Geschäftsmann.

Grosser Name am Grand Prix von Bern: Langstreckenläufer Kenenisa Bekele.

Grosser Name am Grand Prix von Bern: Langstreckenläufer Kenenisa Bekele.

Marco Oppliger@BernerZeitung

Er hebt die Arme, streckt den Oberkörper, lacht und sagt: «Ja, wahrscheinlich komme ich zu früh.» Es ist neun Uhr, ­Kenenisa Bekele ist eben in Kloten gelandet, der 35-jährige Äthiopier ist aus seiner Heimat angereist. Mit «zu früh» meint er nicht die Uhrzeit, sondern den Zeitpunkt seines ersten Rennens nach dem London Marathon vor einem Monat. «Aber», fügt er an, «ich habe versprochen zu starten, dann tue ich es auch.»

Bekele tritt morgen am Grand Prix von Bern zum Rennen über 10 Meilen (16,09 km) an. Vom Prestige her ist er der grösste Name in einer klangvollen Liste von Läufern, welche die Veranstalter bisher präsentieren konnten. Selbst grösser als jener von Haile Gebrselassie. Bekele ist Weltrekordhalter über 5000 und 10'000 m und hält seit 2016 auch die zweitschnellste Marathonzeit. Er ist der unbestritten stärkste Langstreckenläufer. Und er ist einer, der einem dies keine Sekunde zu spüren gibt. Bekele wirkt zurückhaltend, fast scheu, er spricht leise, aber als London noch einmal zur Sprache kommt, wird er lauter, und er legt seine Stirn in Falten.

«Dass es eine solche Welt gibt!»

Nach einer glanzvollen Cross- und Bahnkarriere wechselte Bekele vor vier Jahren auf die Marathondistanz – und müht sich seither mit erstaunlicher Inkonstanz ab, die auch von einigen Verletzungen herrührt. «Ich bin nur mit zwei meiner neun Marathons wirklich zufrieden», sagt er. London in diesem Jahr gehört nicht dazu. In 2:08 Stunden wurde er Sechster, «das war eine grosse Enttäuschung». Er habe die Nacht vorher nicht geschlafen, so sehr sei der Körper gestresst und er im Rennen müde gewesen. «Wahrscheinlich war es die Nervosität», vermutet er. Vielleicht auch die eigene Erwartungshaltung. Denn für einmal war er ohne Verletzung durch den Winter ­gekommen, «ich war gesund, fit, ich glaubte, eine Zeit von 2:03 laufen zu ­können» – im Bereich seiner Bestzeit.

Bekele wird später mit Athletenverpflichter Markus Ryffel im Auto nach Bern fahren, vorbei an Zürich, wo er 2008 und 2009 bei «Weltklasse» Jahresweltbestzeiten erzielt hatte. Anfang der Nullerjahre war er erstmals in der Schweiz gewesen, hatte zweimal bei Athletissima in Lausanne teilgenommen und danach gesagt, dass er nicht geglaubt hätte, «dass es eine solche Welt gibt. Es war für mich wie ein Schock.» Daran kann er sich noch heute erinnern. «Verglichen mit Äthiopien war alles so grün, und die Berge! Ich war ja auch in St. Moritz im Training», sagt er, dort habe ihn aber einiges an zu Hause erinnert, die Hochebene, die gute Luft.

«Verglichen mit Äthiopien war alles so grün, und die Berge!»

Bern hingegen kennt er nicht. Und er hat sich auch nicht bei Haile Gebr- se­lassie, seinem einstigen grossen Vorbild und heutigen Leichtathletik-Verbandspräsidenten von Äthiopien, nach dem GP und seiner Strecke erkundigt. Gebr­se­lassie hatte den Anlass vor fünf Jahren beehrt, das Rennen gewonnen und mit seinem Charisma scheinbar alle und ­alles umarmt. Mit Jos Hermens haben sie den gleichen Manager, aber sonst offenbar kaum Berührungspunkte. «Früher sahen wir uns in den Stadien, da war das Verhältnis freundschaftlich», sagt Bekele, «jetzt ist er mit dem Verband und seinen Geschäften sehr beschäftigt, ich habe ihn ein halbes Jahr nicht gesehen.»

Das erstaunt. Denn nicht nur Gebrselassie ist ein «Businessman», wie ihn ­Bekele nennt. Selber ist er das auch, «aber kein guter», sagt der dreifache ­Vater und lacht. An zwei Tagen pro Woche widme er sich dem Unternehmen ein bisschen, «viel zu wenig, um zu führen und Leute zu treffen». Auch er besitzt ­Hotels, und in Sululta, eine halbe Stunde ausserhalb von Addis Abeba, liegen ihre Resorts nicht einmal einen Kilometer auseinander. Der Zufall will es, dass an diesem Wochenende beide in der Schweiz weilen: der eine in der Hauptstadt, und ­Gebrselassie auf Einladung der Weltgesundheitsorganisation in Genf.

Es war das Olympiagold Gebrselassies 1996 in Atlanta, das Bekele zum Laufen inspirierte. Mit 19 gewann er bereits seinen ersten WM-Titel – im Cross. Es sollten letztlich elf in dieser Sparte und er der Weltbeste werden. Der Einzige, der ihn an Cross-Titelkämpfen je zu bezwingen vermochte, war der Eritreer Zersenay Tadese. Und dieser ist seit 2004 in Bern alljährlich ein Thema: In fast unvorstellbaren 46:05 Minuten jagte er damals durch die Stadt – dieser Streckenrekord soll morgen auch der Massstab Bekeles sein.

Der Ärger von Berlin

Es ist aber nicht diese Marke, die Bekele noch immer um- und antreibt. Es ist der Weltrekord im Marathon. In 2:03:03 Stunden verpasste er diesen vor zwei Jahren in Berlin um lächerlich anmutende sechs Sekunden. Seine Miene verfinstert sich beim Gedanken daran. Dass ihn dies noch immer ärgert, ist unschwer festzustellen. «Es ist klar: Bevor ich zurücktrete, will ich noch etwas ­zeigen», sagt er. Er rede zwar vor jedem Marathon vom Weltrekord, «aber diese Distanz verzeiht keine Fehler, nur schon kleine Dinge haben grosse Auswirkungen, alles muss stimmen.» In Berlin hätte er gar nicht damit gerechnet, eine Bestmarke laufen zu können, «wenn wir Richtung Rekord geplant hätten, wäre er vielleicht möglich gewesen.»

Es sind sechs Sekunden für die Motivation in den nächsten Jahren. Bekele wird im Juni 36 Jahre alt, wie lange er noch laufen will, weiss er nicht. Aber er glaubt zu wissen, «dass ich meine beste Leistung noch nicht gezeigt habe». Er hat allerdings auch bemerkt, dass er mittlerweile Tage braucht, um sich von einem harten Training zu erholen, während dies einst nur Stunden waren. Der Vorwurf seines Managers, es mangle ihm in Sachen Ernährung an Disziplin, liegt schon einiges zurück, ist aber kaum ein «Missverständnis», wie er es nennt. Nach langer Verletzungspause kämpfte Bekele tatsächlich mit zu vielen ­Kilos. Morgen, und auch im Herbst bei einem weiteren Marathon, wird er dies mit ­seinen Gegnern tun. Er sagt: «Ich gebe nicht auf.»

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