Kraftlos chancenlos

Die gesundheitlich angeschlagene Nicole Büchler vermag sich im Final nicht zu entfalten – bei 4,55 Metern ist Schluss.

Geglückter Einstieg: 4,45 Meter überquert Büchler deutlich.

Geglückter Einstieg: 4,45 Meter überquert Büchler deutlich.

(Bild: Keystone)

Wer im Sport reüssieren will, braucht einen klaren Kopf und unversehrten Körper. Nicole Büchler stand in den ersten zwei Dritteln ihrer Karriere immer mal wieder der Kopf im Weg; an Europa- und Weltmeisterschaften sprang die Bielerin stets am Final vorbei. Nun, im Spätherbst ihrer Laufbahn, legt der Körper sein Veto ein. An den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro vermochte sie ihre Oberschenkelbeschwerden erstaunlich gut zu kaschieren. Sie erreichte den Final, gewann als Sechste ein Diplom. Im WM-Final von London war der lädierte Hamstring-Muskel noch das kleinere Übel.

Als die Stabhochspringerin gestern das Olympiastadion betrat, fühlte sie sich schlechter als zuvor; in der Aufwärmphase sprang sie bei keinem einzigen Versuch ab. Gliederschmerzen vermischten sich mit den muskulären Problemen. «Fehlt dir die Kraft, ist es in unserem Sport schwierig», hält die 33-Jährige fest. 4,45 Meter, ihre Einstiegshöhe, meisterte sie auf Anhieb – «das hat mich überrascht». Bei 4,55 Metern jedoch war Feierabend; es resultierte Platz 11. Unter dem Strich seien bei diesen Voraussetzungen keine grossen Sprünge möglich gewesen.

In der Qualifikation vom Freitag war Büchler mit leichtem Fieber angetreten. Wie sie die schwierige Situation meisterte, ihre Anfangshöhe von 4,50 Metern im dritten Versuch übersprang, zeugt von taktischer wie mentaler Reife. Ehemann und Trainer Mitch Greeley erlebte seine Gattin nervöser als vor anderen Wettkämpfen, wobei er dies nicht auf die WM, sondern auf das Fieber und die damit verbundenen Gliederschmerzen zurückführte. Den Samstag hätten sie im Hotel verbracht, sich Fernsehserien angeschaut und «zum Kopflüften» einen Spaziergang zur Tower Bridge gemacht, sagt der gebürtige Amerikaner.

Offensichtlich gelang es trotz Ruhetag nicht, dem Virus den Garaus zu machen. Büchler ist die Enttäuschung ebenso anzusehen wie die Erkrankung – auch weil sie genau weiss, welch grosse Chance sie nicht wahrnehmen konnte. Olympiasiegerin Katerina Stefanidi erhöhte ihre Bestmarke auf 4,91 Meter, die Amerikanerin Sandi Morris sicherte sich mit 4,75 Metern Silber.

Bronze ging an Robeilys Peinado und Yarisley Silva; den Lateinamerikanerinnen reichten dazu 4,65 Meter. Im Juli, anlässlich des Diamond-League-Meetings an gleicher Stätte, hatte Büchler als Zweitplatzierte 4,73 überquert. «Ich darf gar nicht daran denken, was hier möglich gewesen wäre», hält sie fest. Wenn nicht nur der Kopf, sondern auch der Körper mitgemacht hätte.

Berner Zeitung

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