Kambundji im Flow

An der Landesmeisterschaft in Zürich, im letzten Rennen vor der WM in London, verbessert Mujinga Kambundji ihren 200-Meter-Bestwert auf 22,42 Sekunden. Das Gefühl sei so gut wie lange nicht mehr, sagt die Bernerin.

<b>Neuer persönlicher Bestwert:</b> Am Samstag lief Mujinga Kambundji (links) 200 Meter in 22,42 Sekunden.

Neuer persönlicher Bestwert: Am Samstag lief Mujinga Kambundji (links) 200 Meter in 22,42 Sekunden.

(Bild: Keystone)

In der Regel spricht Mujinga Kambundji fast noch schneller, als sie rennt. Im Letzigrundstadion jedoch fällt es ihr schwer, einen vernünftigen Satz zu bilden. «Äs isch geil», hält sie strahlend fest; viel mehr bringt sie auf Anhieb nicht heraus. Wobei das gar nicht nötig, die Gemütslage der Bernerin ohne Worte für jedermann ersichtlich ist.

22,42 Sekunden hat die 25-Jährige für die 200-Meter-Strecke benötigt, ihren Bestwert um 22 Hundertstel gesenkt, die sich in ausgezeichneter Verfassung befindende Landesrekordhalterin Lea Sprunger um 13 Hundertstel distanziert, deren Marke nur um vier Hundertstel verpasst.

Gewiss, die Bühne ist nicht sonderlich gross; es handelt sich lediglich um die Schweizer Meisterschaft. Für Kambundji spielt das in diesen Momenten keine Rolle. Nach den erstklassigen 100-Meter-Darbietungen vom Dienstag in Bellinzona und vom Freitag in Zürich ist ihr der Befreiungslauf auch über die doppelte Distanz gelungen.

Die Könizerin hat bewiesen, dass sie mehr drauf hat als jene 22,64 Sekunden, welche ihr an der WM 2015 in Peking Rang 10 beschert hatten. Primär sich selbst, aber auch ein bisschen ihrem Trainer.

Die Gegensätze

Valerij Bauer – der Angesprochene hat das Geschehen von der Tribüne aus verfolgt – huscht ein Lächeln über die Lippen, als er auf die Vorstellung seiner Athletin angesprochen wird. Nach den 100-Meter-Läufen vom Freitag habe er mit einer Zeit in dieser Grössenordnung gerechnet, erwidert er auf die entsprechende Frage. Rational bis nüchtern, wie es seiner Wesensart entspricht.

Wobei er den Faden aufnimmt und weiterspinnt. Was etwas heissen will, ist er doch eher der Typ, den man mit Fragen löchern muss, wenn man etwas erfahren will. «Am Freitag hat mich Mujinga überrascht. 11,08 und 11,13, und das nicht etwa bei Sprintwetter – das war gut», lässt er verlauten, den heftigen Niederschlag unterstreichend. Was von höchster Wertschätzung zeugt.

Kambundji, die vitale Frohnatur mit afrikanischen Wurzeln, und Bauer, der trockene Analytiker, welcher nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Mannheim emigrierte, sind sportlich seit nahezu vier Jahren gemeinsam unterwegs. Es liegt nicht falsch, wer die beiden als Gegenpole betrachtet. Wobei Bauer unnahbar wirken mag, aber keineswegs ein Drillmeister ist.

Er hat einen weichen Kern, das Klima in seiner Trainingsgruppe ist für ihn von hoher Bedeutung. Kambundji wiederum hat in der Fremde gelernt, auf die Hinterbeine zu stehen. Passt ihr etwas nicht, tut sie ihre Ansichten kund. Im vergangenen Herbst beispielsweise setzte sie gemeinsam mit ihrer Trainings- und WG-Kollegin Alexandra Burghardt durch, dass mehr auf die 200-Meter-Strecke ausgerichtete Einheiten absolviert werden.

Bauer sagt , «es wird immer anspruchsvoller, Mujinga von einem Plan zu überzeugen». Und ergänzt schmunzelnd, der Effort sei wenigstens nicht wirkungslos geblieben.

Die Handzeichen

Obwohl die Meinungen hin und wieder auseinander gehen, lässt sich die Kooperation als Erfolg betiteln. Kambundji betont, nachdem sie ein paar Mal tief durchgeatmet hat, wie wichtig Bauers Präsenz in Bellinzona und Zürich gewesen sei. «Genau erklären kann ich es nicht, aber es funktioniert einfach besser, wenn Valerij dabei ist. Manchmal reicht schon ein Handzeichen, zum Beispiel ein nach oben gestreckter Daumen, und das Gefühl wird besser.»

Was die verbleibenden zwei Wochen bis zum Beginn der WM in London betrifft, macht sich die Bernerin keine Gedanken. «Ich bin im Flow, das Gefühl ist so gut wie lange nicht mehr.» Und: Bauer wisse genau, wie man eine gute Verfassung konserviere. «Das ist sein Job, das hat er im Griff.»

Wohin die Kombination aus Gelassenheit und Schnelligkeit führen wird, bleibt abzuwarten. In der Jahresweltbestenliste bescheren Kambundji die 22,42 Sekunden den Vorstoss auf Position 12. 2015 in Peking reichten 22,53 für die Finalqualifikation.

So gut wie vor der WM in London sind die Perspektiven noch nie gewesen.

Berner Zeitung

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