In Sachen Geld übertrumpft Kambundji alle

Die Schweizer Leichtathleten wollen nach ihren Medaillen an der EM ihre Erfolge auch finanziell nutzen – ein Blick auf ihre Perspektiven.

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Christian Brüngger@tagesanzeiger

Die Schweizer Topleichtathleten mögen es familiär, wenn esum ihre Vermarktung geht. Lea Sprunger, die Europameisterin über 400 m Hürden, schickt ihren Trainer und Arbeitgeber Laurent Meuwly ins Rennen, um ihre Erfolge zu Geld zu machen. Fabienne Schlumpf, die EM-Zweite über 3000 m Steeple, vertraut sich und ihrem Trainer und Partner Michael Rüegg. Alex Wilson, der Dritte über 200 m, setzt auf Alex Wilson. Von den Medaillengewinnern arbeitet einzig ­Tadesse Abraham, der Marathon-Zweite, mit einer Agentur zusammen.

Die Nähe, etwa bei Sprunger, hat Vorteile: Der Coach kennt die Bedürfnisse, ­Fähigkeiten und das Zeitbudget seiner Athletin. Sie offenbart aber auch, wie schwierig es für Schweizer Spitzenleichtathleten ist, sich so zu ­vermarkten, dass sie von ihrem Sport ­leben können. Denn viele Agenturen lassen die Finger von ihnen. Dazu später mehr.

Gemäss Meuwly dürften im Land nur circa 6 bis 8 Bahn­athleten mit dem Sport ihren ­Lebensunterhalt finanzieren. Alle EM-Medaillen­gewinner ­zählen dazu – hinzu kommen primär Kariem Hussein (400 m Hürden) und Selina Büchel (800 m). Trotz aller EM-Medaillen gilt: Diesen Erfolgreichen mehr als nur eine Nasenlänge voraus ist Mujinga Kambundji, die lange von einer Agentur betreut wurde. Mittlerweile vertraut die EM-Vierte über 100 m und 200 m auf einen ­Kollegen und ihren Partner. Kambundji ist seit der Heim-EM von 2014 das Gesicht der Schweizer Leichtathletik.

Die Sprinterin steht für Frische und städtisches Multikulti. Dank Einkünften im Bereich dessen, was ein Universitätsprofessor verdient, kann sie sehr gut vom Sport zu leben. Sie verdient etwa so gut wie ein Schweizer Super-League-Fussballer der oberen Mittelklasse.

Den Meetings fehlt das Geld

Als klare Nummer 1 ihres Sports schadet ihr, so sind sich die ­Experten sicher, das Verpassen einer EM-Medaille kaum. Die 26-Jährige ist im Schweizer Markt so gut positioniert und ­unangetastet von den anderen ­hiesigen Leichtathleten, dass ihr Marktwert stabil bleibt.

An Sprinterin Kambundji lässt sich mit einem Missverständnis aufräumen: dass eine der ­wesentlichen Einnahmequellen aus Startgeld besteht. Bloss in Lausanne und Zürich bekommt sie fürs Dabeisein in der höchsten Liga auch Geld.

Partizipiert sie im Ausland in der Diamond League, darf sie maximal mit einem Handbetrag rechnen. Dies hängt mit den geringen finanziellen Möglichkeiten der Meetings zusammen. Von den circa 2500 Leichtathleten, die auf der Tour der Diamond League aktiv sind, können nur um die 80 auf ein ansprechendes bis grosses Startgeld zählen. Der Rest läuft, springt oder wirft primär ums Preisgeld. Für den Disziplinensieger pro Meeting sind das 10000 Dollar.

Selbst als Europameisterin wird Lea Sprunger ab nächster Saison also keine substanziellen Beträge von internationalen Meeting-Organisatoren erhalten. Hinzu kommt, dass die 400 m Hürden der Frauen zurzeit als wenig verkaufsträchtig gelten, entsprechend knausrig budgetieren die Veranstalter.

Seit 2016 kann Sprunger vom Sport leben. Sie hat eine kleine, aber feine Zahl an Sponsoren sammeln können – und will diese Strategie fortsetzen. Meuwly setzt also primär darauf, die bestehenden Verträge mit den bisherigen Partnern zu verbessern und das Portfolio allenfalls ein wenig zu erweitern.

Dass die Schweizer Leichtathletik seit der Heim-EM vor vier Jahren «wieder einen exzellenten Ruf geniesst», so Meuwly, hält er für einen wichtigen Vorteil bei der Arbeit mit Sponsoren bzw. bei der Sponsorensuche. Zugleich sagt er: «Für Lea steht der Sport im Vordergrund. Zudem ist sie eine, die Zeit für sich braucht. Ent­sprechend sind wir nicht daran interessiert, das Maximum herauszukitzeln.»

Was er seit ihrem EM-Gewinn feststellte: Die Zahl der Anfragen für ein Referat hat zugenommen. Sprach Sprunger bislang vier bis fünf Mal im Jahr bei Firmenanlässen, meldeten sich nun innert eines Monats ähnlich viele Interessenten. Insgesamt dürfte Lea Sprunger ein Potenzial im tiefen sechsstelligen Bereich aufweisen.

Diffiziler scheint die Ausgangslage gemäss Experten für Alex Wilson. Zwar fällt der schnelle Basler mit seinen lockeren Sprüchen auf. Zwischen lustig und peinlich sei bei ihm aber alles möglich, sagt ein Kenner. «Wer will mit einem solchen ­Athleten für sich werben?»

Die Rechnung der Agenturen

Es kommt somit auch nicht von ungefähr, dass sich Wilson selber vertritt. Agenturen rechnen wie folgt: In einen Athleten investiert ein Mitarbeiter circa 30 Prozent seiner Arbeitskraft und will ­dafür um die 30000 Franken sehen. Bei 15 Prozent Provision muss eine Agentur also 200000 Franken hereinholen, damit sie diesen Betrag erreicht. Nur Kambundji ­verfügt über dieses Marktpotenzial. Entsprechend zurückhaltend sind Agenturen, wenn sie von Schweizer Leichtathleten angefragt werden.

Trotzdem kann die Rechnung aufgehen, wie das Modell Wilson zeigt: Er gilt als begnadeter und sympathischer Verkäufer seiner selbst. Er weiss, wo er zu seinem Geld kommt. In seinem Fall sind das etwa Club und Verband, Sportfonds, Weltklasse Zürich sowie Ausrüster Puma und eine Basler Klinik. Aber: Gemäss Experten bleibt sein Potenzial trotz EM-Bronze sehr begrenzt.

In ihrer Nische erfolgreich positioniert hat sich Steeplerin Schlumpf. Sie lebt vom Sport, kann sparen und eine dritte Säule aufbauen. «Sie hat ein Einkommen, wie wenn sie im Büro arbeiten würde», sagt Trainer/Manager Rüegg. Schlumpf hilft, dass die grossen Strassenläufe populär und relativ solvent sind. Pro Start verdient Schlumpf mehr als Europameisterin Sprunger. Die Strahlkraft der Disziplin prägt den Verdienst mit. Davon profitiert auch Tadesse Abraham im Marathon. Aber: Er kann zwar vom Sport leben, gross sparen liegt bei ihm jedoch nicht drin.

Tages-Anzeiger

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