«In anderen Sportarten laufen die Athleten wie Litfass-Säulen herum»

Die Leichtathletik-Saison neigt sich dem Ende zu. Peter Bohnenblust, seit 2015 Geschäftsführer von Swiss Athletics, spricht über die Folgen des ebenso rasanten wie markanten Aufschwungs. Der 55-jährige Stadtberner erklärt, warum sich Gold nicht so einfach zu Geld machen lässt.

Sie sind seit zwei Jahren im Amt – wie haben Sie die Zeit erlebt?Peter Bohnenblust: Es ist intensiv und inspirierend. Unsere Athleten sind erfolgreich – auf allen Ebenen. Aber wir dürfen uns nichts darauf einbilden. Die Strukturen, welche das heutige Leistungsvermögen ermöglichen, wurden 2004 kreiert.

Wie fühlt es sich an, im Zentrum des Erfolgs zu stehen?Ich spüre von allen Seiten Goodwill. Das Schweizer Fernsehen war 2016 erstmals seit 15 Jahren wieder an der Schweizer Meisterschaft dabei. Die WM in London war ein Hit. Das schliesse ich aus den Feedbacks, die ich erhalte.

Welcher Art sind die Feedbacks?Es geht primär um die Fernseh­interviews. Unsere Athleten sprechen frisch von der Leber weg – egal, ob sie mit ihrer Leistung zufrieden oder nicht so glücklich sind. Sie wirken authentisch, nicht geschliffen.

Der Marktanteil von SRF 2 lag phasenweise bei über 50 Prozent, und dies zur Primetime. Sind Sie rundum glücklich?Der Erfolg vereinfacht vieles. Die Situation ist entspannt, es ist ­Vertrauen in unsere Arbeit da.

Aber?Die Anforderungen an uns wachsen permanent, in Marketing und Kommunikation sogar schnell. Im sportlichen Bereich müssten wir ebenfalls mehr machen.

Nennen Sie ein Beispiel.In diversen Disziplinen haben wir keine Verbandstrainer, weil wir uns keine leisten können.

Demnach geht die Gleichung mehr Erfolg gleich mehr Geld nicht auf?2014 und in den Jahren zuvor profitierte der Verband dank der Heim-EM von Fördergeldern. 2015 und 2016 gingen wir durch einschneidende Sparprogramme. Nun konnten wir bei den Trainern ein wenig aufstocken, aber wir sind noch nicht auf dem Niveau von 2014.

Sie haben dreimal so viele ­Spitzenathleten wie 2014 . . .. . . wenn wir Swiss Starters und World Class Potentials zusammenzählen, kommen wir ungefähr auf 50. Wir möchten ihnen ein gutes Umfeld bieten, aber wir müssen aufpassen, dass wir vom eigenen Erfolg nicht überrollt werden. Die Teams, die wir an Grossanlässe schicken, werden immer grösser, und die Athleten müssen begleitet werden . . .

. . . aber der Verbandsapparat ist kaum gewachsen.Wir haben ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis, der Übergang von Beruf und Hobby ist bei den meisten Mitarbeitenden fliessend. Wenn es nicht Leute gäbe, die sagen, ab 18 Uhr ist die Arbeit bei mir Hobby, würde es nicht funktionieren.

Lässt sich im Bereich Sponsoring nicht mehr herausholen?Wir haben gute Partner und mit diesen langfristige Verträge am Laufen; Erfolg mobilisiert kurzfristig nicht mehr Mittel. Unsere Partner führen Anlässe mit den Athleten durch, die Athleten profitieren direkt. Unser Sekretariat erhielt Anrufe von Leuten, die sich nach Kontonummern von Athleten erkundigten. Sie wollten den Athleten etwas überweisen, weil diese ihnen Freude bereitet hatten. Uns als Verband fehlt die Sichtbarkeit.

Wie meinen Sie das?In London durften wir auf den Trikots der Athleten neben dem Ausrüster keinen einzigen Sponsor präsentieren. In anderen Sportarten laufen die Athleten wie Litfasssäulen herum.

Warum ist das so?An Weltmeisterschaften liegen die Rechte beim Weltverband. Das ist historisch so gewachsen – bedauerlicherweise. Auf europäischer Ebene dürfen wir immerhin einen Partner auf dem Trikot zeigen. Trotzdem glaube ich, dass wir mittelfristig mehr Mittel generieren können.

In welcher Form?Mit anderen Geschäftsmodellen, kreativen Ansätzen, zusätzlichen Partnern. Zudem arbeiten wir an einer höheren Potenzialbeurteilung durch Swiss Olympic.

«Wir müssen  aufpassen, dass wir vom eigenen Erfolg nicht überrollt  werden.»

Worum geht es?Wir gehören aktuell zu den Sportarten mit Diplompotenzial – und sind damit nicht glücklich. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, 2020 eine Medaille zu gewinnen. Die Frauenstaffel und Léa Sprunger haben gezeigt, dass wir nicht so weit davon entfernt sind.

Die EM 2014 hat der Schweizer Leichtathletik Geld gebracht und sie ins Scheinwerferlicht gerückt. Ist es ein Thema, erneut Titelkämpfe durchzuführen?2019 findet die Berglauf-EM in der Schweiz statt. Der Anlass ist verhältnismässig klein, die Szene jedoch im Aufwind. Zudem bereiten wir ein Dossier für eine U-20-EM-Kandidatur vor, und dann haben wir seit längerer Zeit die Hallen-EM im Kopf.

Warum nur im Kopf?Uns fehlt die geeignete Austragungsstätte. Wir dachten an Genf, an die Palexpo-Halle. Aber wir kommen nicht am Auto-Salon vorbei, dessen Vor- und Nachlaufzeiten sind zu lang.

Gibt es Gedanken zu einer ­Neuauflage von Zürich 2014?Es wäre nicht sinnvoll, mit unseren Mitteln und der zu erwartenden staatlichen Unterstützung schon wieder ein derart grosses Projekt zu lancieren. Die Schweiz ist ein Sonderfall.

Inwiefern?Für viele Länder ist die Durchführung einer EM attraktiv, weil die Beiträge des europäischen Verbandes eine ausgeglichene Rechnung ermöglichen und die Organisatoren von staatlichen Leistungen profitieren. Bei unserem Kostenniveau reichen die Beiträge von European Athletics nirgendwo hin. Wir brauchen ein grosses Sponsoringvolumen, um ein Defizit zu verhindern.

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