Zum Hauptinhalt springen

Grosser Auftritt des bescheidenen Erben

Wayde van Niekerk demonstriert an der Athletissima, warum ihn Usain Bolt als Nachfolger betrachtet. Charakterlich stechen jedoch die Unterschiede ins Auge.

Micha Jegge
Wayde van Niekerk scheint sich während des 400-Meter-Laufs nicht sonderlich anstrengen zu müssen.
Wayde van Niekerk scheint sich während des 400-Meter-Laufs nicht sonderlich anstrengen zu müssen.
Keystone

Acht 400-Meter-Läufer befinden sich auf dem Oval im Lausanner Olympiastadion, einer sticht heraus. Wayde van Niekerk scheint über die Bahn zu gleiten. Nicht bei einem Schritt hinterlässt er den Eindruck, sich anstrengen zu müssen.

Es handelt sich um das erste Saisonrennen des Südafrikaners in seiner Paradedisziplin. Bis anhin hat er auf Unterdistanzen geglänzt. 9,94 Sekunden über 100 Meter, 19,84 über 200. An der Athletissima setzt er sich auf der Zielgeraden ab, auf den letzten Metern trudelt er aus.

Die Zeit: 43,62 Sekunden – Weltklasse. Die Lockerheit, welche er auf der Tartanbahn an den Tag legt, erinnert an den jungen Usain Bolt. Wobei der Jamaikaner die Parallelen früh registriert haben dürfte.

Im Olympiastadion von Rio de Janeiro, wenige Minuten nach Bolts Goldsprint über 100 Meter, unterbrach der Schlaks ein TV-Interview, weil er van Niekerk zu dessen Weltrekord gratulieren wollte. 43,03 Sekunden hatte der Olympiasieger für die Runde benötigt, den Bestwert des Amerikaners Michael Johnson um 15 Hundertstel unterboten.

Es kam zu einer Umarmung, und Bolt liess verlauten, er habe die Geschehnisse prognostiziert. Worauf van Niekerk Licht ins Dunkel brachte, von seinem Frühlingstrainingslager auf Jamaika erzählte, von gemeinsamen Einheiten mit Bolt und dessen Coach Glen Mills. «Usain hatte mir gesagt, er sei sicher, dass ich Johnsons Marke brechen würde.»

Omas Musterschüler

Als sich Bolt Mitte Juni in Kingston von seinem Heimpublikum verabschiedete, war van Niekerk präsent. Am «Golden Spike» in Ostrava, Bolts Lieblingsmeeting, trat der Südafrikaner ebenfalls an – und unterbot des Jamaikaners Bestmarke über die selten gelaufenen 300 Meter.

Bolt wird vor der WM in London nur noch in Monaco starten, an den Titelkämpfen vom August lediglich das 100-Meter-Rennen und die Staffel bestreiten. Begründet wird der Verzicht auf die 200 Meter mit Rückenschmerzen. Wahrscheinlicher ist, dass er und sein Manager Ricky Simms in der Abschiedssaison die Ungeschlagenheit wahren wollen. In andern Worten: Bolt möchte seinen Erben in der Nähe haben, aber nicht gegen ihn antreten.

Van Niekerk ist nicht der Typ, welcher sich darob beschwert – im Gegenteil: Schon fast unterwürfig spricht er von der «Ehre», den erwähnten Wert Bolts unterboten zu haben. Trainiert wird der Aufstrebende von einer vierfachen Grossmutter. Anna Botha, von den Athleten «Tannie Ans» genannt, ist 75-jährig; den Aufstieg ihres Vorzeigeschülers erklärt sie mit dessen Disziplin.

Bolt lässt sich mit dieser Eigenschaft schwerlich in Verbindung bringen. Überhaupt scheinen sich die Gemeinsamkeiten auf die Lockerheit im Stadion zu beschränken – und auf das Lauftempo, wie die Darbietung in Lausanne offenbart hat.

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch