Grand Prix: Vom Szeneanlass zum beliebtesten Laufevent

Zum 37. Mal findet heute der Grand Prix von Bern statt, zum fünften Mal de suite haben sich über 30'000 Läufer dafür angemeldet. Der GP ist zum beliebtesten Laufevent der Deutschschweiz geworden.

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Marco Oppliger@BernerZeitung

Diese Zeilen triefen buchstäblich vor Sarkasmus: «Endlich, endlich haben auch in Bern ein paar geschäftstüchtige – eh, pardon, ich wollte natürlich sagen selbstlose – Figuren (Rekordläufer, Werbefritzen, Medien-Jetsetter, Nationalräte und so) die Möglichkeit geschaffen, den Leistungstest nicht mehr in der stillen Wald­einsamkeit, sondern vor dichten Spalieren von ‹sportlichen Zuschauern› in Berns Gassen zu bestehen.»

Erschienen sind sie am 19. Mai 1982 in der ­Kolumne «A propos» im «Bund», und sie zielen auf die Premiere des Grand Prix ab, der drei Tage später erstmals stattfinden sollte.

Nun, der Autor wird wahrscheinlich weder ein grosses Sportlerherz gehabt noch geahnt haben, was Rekordläufer, Werbefritzen, Medien-Jetsetter, Nationalräte und so mit dem GP 1982 lostreten sollten. 2991 Athleten gingen bei der Premiere an den Start – vor Jahresfrist waren es 30'657.

Heinz Schild, Gründer des GP, schmunzelt noch heute, wenn er von der Kolumne erzählt. «Aber», hält er fest, «dass irgendwann so viele Leute durch Bern laufen werden, hätten wir uns ­damals nicht vorstellen können.»

Ihr Mut wurde belohnt

Der Grand Prix von Bern ist eine Erfolgsgeschichte. Was als Leistungstest für ambitionierte ­Läufer begann, ist mittlerweile eine Massenveranstaltung. 31 822 Menschen haben sich dieses Jahr angemeldet. Das ist zwar ein kleiner Rückgang, der primär dem Pfingstwochenende geschuldet ist, doch bewegen sich die Teilnehmerzahlen seit Jahren auf hohem Niveau.

Stetiger Zuwachs beim Grand Prix:Klicken Sie auf die Grafik, um diese zu vergrössern.

Fakt ist: Der GP ist der mit ­Abstand beliebteste Laufevent in der Deutschschweiz. National betrachtet wird er nur noch von der Escalade übertroffen, dem mehrtägigen Stadt- respektive Lauffest in Genf. «Der GP ist seit ­seiner Gründung ein Vorzeigeanlass», sagt Christoph Seiler, Präsident von Swiss Athletics. «Weil die Organisatoren stets versucht haben, neue Massstäbe zu setzen.» Als erster Lauf in der Schweiz wurden am Grand Prix von Bern beispielsweise Startblöcke eingeführt.

Und auch bezüglich der Zeitmessung gingen die GP-Macher neue Wege – weil sie es mussten. Schliesslich beschieden ihnen mehrere Schweizer Firmen, dass sie nicht in der Lage seien, die Zeiten an einem Massenevent zu messen. Also schickte Adolf Ogi, damaliger OK-Präsident, einen IT-Fachmann an den New York City Marathon. Worauf dieser eine Idee nach Bern brachte, die ein europaweites Novum und bis anhin nur aus dem Supermarkt bekannt war: Die Läufer erhalten einen Strichcode, der beim Zieleinlauf gescannt wird.

Die Entwicklung des Grand Prix wesentlich beeinflusst hat der Laufsport-Boom. Joggen war plötzlich salonfähig, weil in der Bevölkerung das Bewusstsein für eine gesunde Lebensweise stieg – und weil es kaum etwas Einfacheres und Billigeres als Laufen gibt. Damit jedoch hat sich die Szene gewandelt. ­Waren Läufe in den 1980er-Jahren vornehmlich Männersache und ambitionierten Athleten vorenthalten, dominieren längst die Breitensportler.

«Es geht um den Plausch. In der Stadt herrscht eine tolle Stimmung mit den vielen Zuschauern, man kann durch die schönsten Gassen Berns laufen, was sonst nicht möglich ist. Das ist für die Läufer wichtig», sagt Christoph Seiler. Und mit diesem Wandel ist auch die Frauenquote markant gestiegen.

«Dass irgendwann so viele Leute durch Bern laufen werden, hätten wir uns damals nicht vorstellen können.»Heinz Schild, GP-Gründer

Heute werden rund 43 Prozent der Teilnehmenden weiblich sein, im Altstadt-GP und im Bären-GP sind die Frauen und Mädchen längst in der Überzahl. «Es war mutig, 1982 ein 10-Meilen-Rennen auf die Beine zu stellen», hält OK-Präsident Matthias Aebischer fest. «Aber für diesen Mut wurden die Organisatoren belohnt. Als die Laufwelle losging, konnten sie ­davon profitieren.»

Bewusste Zurückhaltung

Mit der Philosophie, jedes Jahr einen Spitzenathleten für den GP zu engagieren – wie heuer Langstreckenikone Kenenisa Bekele –, haben die Organisatoren den Lauf bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht.

«Der GP verbindet fast alle Bereiche, die den Laufsport umfassen», sagt Seiler: «Er hat sowohl ein Topfeld als auch die breite Masse, es handelt sich um eine anspruchsvolle Strecke, und es gibt ein gutes Angebot für Kinder.» Gerade wegen des letzteren Punktes spricht der Swiss-Athletics-Präsident von einer «enorm wertvollen Veranstaltung. Weil die Kinder so in Berührung mit dem Laufsport und der Leichtathletik kommen.»

Klicken Sie auf die Tabelle, um diese zu vergrössern.

OK-Präsident Aebischer geht davon aus, dass die Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, die Teilnehmerzahlen weiter zunehmen werden. Der Nationalrat rechnet für 2019 gar mit einem neuen Rekord.

Doch wie viele Läufer verträgt die Stadt Bern? «Sollte die 40 000er-Grenze gebrochen werden, müssen wir schauen, wie es im Start- und im Zielraum geht», sagt Aebischer. Bereits jetzt tummeln sich im BEA-Expo-Gelände während des GP über 70'000 Personen.

«Die An- und Abreise ist für uns die grösste Herausforderung», sagt Rennleiter Michael Schild. Er war auch schon für die Organisation des Chicago Marathon tätig, schwärmt davon, wie die Stadt mit diesem Anlass mitlebt. In Bern sei das eher nicht der Fall. «Hier kannst du aus dem Bahnhof gehen, und es fällt dir nicht auf, dass ein grosser Lauf stattfinden würde.»

Doch die Organisatoren halten sich bewusst zurück. Weil der GP in Bern nicht nur willkommen ist, es vorab von ­Anwohnern durchaus kritische Stimmen gibt. Das hat sich seit 1982 nicht geändert.

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