«Er fauchte mich an: ‹Hau ab aus meinem Rennen›»

Vor 50 Jahren lief Kathrine Switzer in Boston als erste Frau offiziell einen Marathon – und provozierte damit Tumulte.

Kathrine Switzer wird von Renndirektor Jock Semple attackiert. Ihr Freund Tom schreitet ein.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Kathrine Switzer wird von Renndirektor Jock Semple attackiert. Ihr Freund Tom schreitet ein.

(Bild: Keystone)

Sie laufen am Montag erstmals seit 1976 wieder den Boston-Marathon. Was ist Ihr Ziel?
Ich habe keine bestimmte Zeit im Kopf, will einfach ankommen. Bei diesem Lauf geht es darum, den Fortschritt der letzten 50 Jahre zu feiern. Ich wusste immer: Egal, wie gut ich mich vorbereite, ich gehe müde in diesen Marathon. Denn es hat in den vergangenen Tagen so viele Pressetermine gegeben.

Seit 1977 kommentieren Sie den Marathon für das US-TV. Was bewog Sie, ihn 50 Jahre nach Ihrem revolutionären Debüt, noch einmal zu laufen?
Vor knapp zwei Jahren beschäftigte ich mich erstmals damit. Ich ­hatte damals aber Achillessehnenprobleme und konnte nur wenige Minuten am Tag laufen. Ziemlich schnell wurde daraus aber eine Stunde. Und in den letzten elf, zwölf Monaten habe ich dann ernsthaft trainiert.

Kathrine Switzer 1967 – als die Rennleitung eingriff. Bild: Keystone

Was brachte Sie überhaupt 1967 dazu, in Boston zu starten?
Ich war Studentin an der Syracuse University und mein Coach, Arnie Briggs, erzählte mir oft Storys über den Boston-Marathon, den er 15-mal gelaufen war. Eines Tages habe ich gesagt, lass uns nicht ­länger drüber reden, lass uns ihn laufen. Er meinte, Frauen können nicht Marathon laufen, sie seien zu schwach. Ich sagte, erzähl keinen Quatsch. Ich bin eben mit dir 16 Kilometer im Schneesturm gelaufen.

Wollte er Sie nur kitzeln?
Ein Laufkollege erzählte mir, dass Briggs bereits mehrere Monate vorher wusste, dass ich Boston laufen könne. Ich hingegen habe es erst drei Wochen vor dem Start erfahren. Briggs sagte, wenn ich ihm beweise, dass ich einen Marathon laufen könne, würden wir uns anmelden. Wir sind dann im Training 42 Kilometer gelaufen. Anschliessend sagte ich, lass uns noch 8 Kilometer anhängen. Als wir auch die hatten, fiel er vor Erschöpfung um. Er war ein Trainer, der an ­Mythen glaubte. Und es gab jede Menge dieser Mythen – in einigen Ländern gibt es sie heute noch.

Zum Beispiel?
Frauen könnten durchs Laufen ­keine Kinder mehr bekommen, ­ihnen würde die Gebärmutter heraus­fallen – lächerlich.

Wie war es Ihnen möglich, sich offiziell anzumelden und eine Startnummer zu bekommen, obwohl Frauen nicht zugelassen waren?
Ich habe, seit ich 12 war, meinen Vornamen nie ausgeschrieben, ­sondern immer nur: K. Switzer. Aus Gewohnheit habe ich das dann auch auf die Anmeldung geschrieben. Mir kam zugute, dass es am Renntag sehr kalt war, und ich einen dicken Pullover und eine Mütze trug.

Kathrine Switzer anlässlich eines Vortrags zum 13-jährigen Jubiläum. Bild: Keystone

Dennoch fiel der Schwindel nach rund drei Kilometern auf. Was war passiert?
Damals war das Teilnehmerfeld noch klein (601 Teilnehmer, Anm. d. Red.), sodass der Pressebus, der hinter den Läufern gestartet war, vorbeifahren konnte. Als das geschah, sagten Journalisten zu Renndirektor Jock Semple: «Da ist eine Frau im Rennen.» Ich hatte bereits meine Mütze abgenommen, meine längeren Haare waren gut erkennbar. Semple sprang vom Bus, ich hörte plötzlich hinter mir harte Schuhsohlen, dann griff er schon nach meiner Schulter und fauchte mich an: «Hau ab aus meinem Rennen und gib mir die Startnummer.» Später erfuhr ich, dass es ihm nicht darum ging, dass da eine Frau mitlief, sondern dass eine Frau mit offizieller Startnummer in seinem Männerrennen war.

Wie reagierten Sie?
Neben meinem Trainer hatte mich auch mein damaliger Freund Tom begleitet. Er war Hammerwerfer und einstiger Footballspieler, wog 115 kg und checkte Semple einfach weg. Ich war erst verängstigt, habe mir aber gesagt, dass ich den Marathon auf jeden Fall zu Ende laufe. Das Wichtigste war, dass ­alles vor dem Pressebus passierte, es somit Fotos von dem Vorfall gab, die sofort um die Welt gingen.

Was hat der Lauf für Ihr Leben und Ihre Karriere bedeutet?
Er hat mein Leben komplett ­verändert. Die Entscheidung, das ­Rennen nach dem Zwischenfall zu beenden, hat den Unterschied gemacht. Dieser Entschluss hat mich inspiriert, mir eine Vision und ein Ziel für meine Zukunft gegeben. Ich dachte, wenn ich so etwas kann, können es Millionen anderer Frauen auch. Ich habe dann ein Programm mit 400 Läufen in 27 Ländern und mehr als einer Million Teilnehmerinnen entwickelt. Die Daten und Statistiken dieses ­Programms führten dazu, dass der Frauen-Marathon ins Olympia­programm der Spiele 1984 in Los Angeles aufgenommen wurde.

Kathrine Switzer heute. Bild: Getty Images

Von jener Premiere sind nicht nur die Bilder der US-Siegerin Joan Benoit berühmt, sondern auch die einer torkelnden Gabriela Andersen-Schiess. Was haben Sie gedacht, als Sie die Schweizerin sahen?
Ich war als Kommentatorin im Stadion und besorgt, als ich Gabriela kommen sah. Ich kannte sie und wusste, dass sie eine gute Athletin war. Aber sie war total dehydriert. Ich dachte nur: «Oje, werden sie nun wieder sagen, dass Frauen zu schwach für einem Marathon sind? Aber Gabriela gab am nächsten Tag bereits Interviews und war wieder bei Kräften. Sie hatte einfach die letzte Getränkestation ausgelassen und dafür bezahlen müssen.

Wie hat sich der Frauenlauf seit Ihrem Debüt 1967 entwickelt?
Ich würde es als nichts anderes als eine soziale Revolution bezeichnen. Frauen haben durchs Laufen an Selbstwertgefühl gewonnen, einen Sinn dafür bekommen, was sie erreichen können, und sie sind furchtloser geworden. Sie haben realisiert, dass mehr für sie machbar ist, als sie jemals glaubten. Heute sind 58 Prozent der Läufer in den USA weiblich. Selbst hier in Boston, bei einem harten Marathon, sind 13 700 der knapp 30 000 Starter Frauen. Das ist phänomenal.

Laufen Frauen besonders gern?
Ich denke, Frauen lieben es nicht nur. Sie erfahren auch umgehend eine Veränderung dadurch. Frauen haben aus vielerlei Gründen ein angeborenes Potenzial für Ausdauer und Durchhaltevermögen. Ein Grund ist, dass sie mehr Körperfett haben – das ist eine gross­artige Energiequelle. Zudem ist Laufen zeiteffizient, praktisch und nicht teuer. Man muss nirgendwo hinfahren, man braucht nicht Mitglied in einem Fitnessstudio zu sein – fantastisch.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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