Sensation am Boston Marathon – Amateur lässt Profis stehen

Yuki Kawauchi merkte im Ziel nicht einmal, dass er alle Gegner überholt hatte.

Grosse Augen im Ziel: Kawauchi konnte seinen Boston-Gewinn kaum glauben, als er im Ziel von seinem Coup erfuhr.
Video: CBS

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Dieser Marathon von Boston wird in die Annalen eingehen: als einer der garstigsten je im April. Drei Grad, Dauerregen und Wind brachten die ohnehin schon bis ans Limit runtergehungerten Eliteläuferinnen und -läufer reihenweise übers Limit. Viele von ihnen torkelten wie angeschlagene Boxer übers Ziel, darunter mancher Favorit.

Dass die 122. Ausgabe zu einem Rennen der Sensationen wurde, hatte viel mit diesen extremen Bedingungen zu tun. Phasenweise trugen die Besten im Rennen so viel, als würden sie sich auf einen Lauf im hohen Norden vorbereiten. Zumindest bei den Männern schien sich trotzdem ein relativ normaler Wettkampf zu entwickeln, als der Weltmeister und letztjährige Boston-Sieger Geoffrey Kirui nach 80 Minuten die Spitzengruppe sprengte.

Seine Titelverteidigung am ältesten Städtemarathon der Welt (1897) wirkte wie eine Formsache. Rasch hatte er über 90 Sekunden Vorsprung. Bloss wurden die Schritte des Kenianers auf dem welligen Parcours immer kürzer. Wie ein Hobbyathlet, dem die Puste ausgegangen war, schleppte sich der 25-Jährige plötzlich dahin. Damit kam der grosse Moment von Yuki Kawauchi.

Der Japaner arbeitet zu 100 Prozent, läuft aber mehrere Marathons im Jahr – in beeindruckender Konstanz: 78-mal blieb er unter 2:20 Stunden, seine Bestzeit beträgt 2:08:14. In diesem Jahr lief er vor Boston am 1. Januar in den USA einen Marathon (2:18:59), am 18. Februar in Japan (2:11:46) und am 18. März in Tapei (2:14:12). Dazwischen streute er noch den einen oder anderen Lauf über 21,1 km ein.

Grosses Comeback, lange Pause

Kurz vor dem Renntag fliegt Kawauchi jeweils erst ein und manchmal noch am Wettkampftag heim nach Saitama nahe Tokio, damit er ja pünktlich zur Arbeit kommt. Er ist Verwalter in einer Schule. Über einen Coach oder Sponsoren verfügt er keine. Garstiges Wetter kennt der Dauerläufer hingegen bestens. Vor zwei Jahren schneite es bei seinem Sieg am Zürich-Marathon gar.

Nun konnte der 31-Jährige seinen Boston-Gewinn kaum glauben, als er im Ziel von seinem Coup erfuhr. Dass er Geoffrey Kirui knapp zwei Kilometer vor dem Ziel überholt hatte, war ihm ebenso wenig aufgefallen wie das Wegfallen aller Haupt- und Mitfavoriten in seinem Rücken. Obschon Kawauchi in verhältnismässig langsamen 2:15:58 Stunden gewann, büsste Kirui als Zweiter 2:25 Minuten ein.

Erster Sieg mit 34: Die Amerikanerin Desiree Linden. Foto: Elise Amendola (AP, Keystone)

Der Tag der Aussenseiter komplettierte Desiree Linden. Zwar zählt die 34-Jährige seit vielen Jahren zu den besten US-Marathonläuferinnen. Zu einem Sieg an einem Prestige-Event aber reichte es der Olympia-7. noch nie. Im letzten Jahr lief Linden gar in eine so grosse Krise hinein, dass sie über fünf Monate aufs Trainieren verzichtete.

Sie fühlte sich ausgelaugt, von ihrem Beruf phasenweise gar angekotzt. In Boston war davon nichts mehr zu sehen. Linden, die als clevere Taktikerin mit riesigem Kämpferherzen gilt, hielt sich lange zurück, ehe sie überlegen in super langsamen 2:39:54 Stunden gewann – als erste Amerikanerin seit 1985. Sie liess mit ihrem Lauf auch Shalane Flanagan keine Chance. Die 36-Jährige kam als Siebte ins Ziel.

Tim Don blieb unter seiner Vorgabe

Eine bemerkenswerte Leistung gelang Tim Don. Der 40-jährige Brite, der vor einem halben Jahr mit einem Lieferwagen kollidiert war, dabei einen Genickbruch erlitt und zur Stabilisation einen Bügel erhielt, der am Schädel festgeschraubt wurde, erreichte das Ziel nach 2 Stunden und 49 Minuten. Er unterbot damit seine von ihm gesteckte Vorgabe um genau 1 Minute.


Der Marathon-Detektiv
Derek Murphy spürt Läufer auf, die betrügen. Sein grösster Coup: 5000 Schummler am Mexico City Marathon. (Abo+)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2018, 07:49 Uhr

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