Dieser Schuh stinkt

Kaum gelten umfassende Regeln für Laufschuhe, stellt Nike ein Modell vor, das noch schneller machen soll als seine umstrittenen Vorgänger.

Um ihn geht es: Der Air Zoom Alphafly Next%. Foto: PD

Um ihn geht es: Der Air Zoom Alphafly Next%. Foto: PD

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Die News von Nike sind nur auf den ersten Blick typische PR. Der Sportartikelgigant stellte am Mittwoch seinen neusten Superlaufschuh namens Air Zoom Alphafly Next% vor.

In Wirklichkeit ist die News eine Todesanzeige für den Laufsport. Nike zerstört ihn – mithilfe des Leichtathletikverbands, der ihn doch schützen sollte.

Aber der Reihe nach: Nike kreierte ab 2016 mit den Vorgängermodellen des Alphafly Next% Schuhe, die über Sieg und Niederlage entscheiden konnten. Sie verbesserten die Laufökonomie um ein paar Prozente – was sogar der Weltklasse über die Marathondistanz eine Zeitersparnis von bis zu 90 Sekunden einbrachte, teilweise gar mehr.

Der Weltverband reagierte, indem er vor einer Woche Regeln erliess, wie Laufschuhe gebaut werden dürfen. Gemäss World-Athletics-Präsident Sebastian Coe galt es, nichts weniger als «die Integrität des Laufens zu bewahren». Nie sollte Technologie über Sieg oder Niederlage entscheiden, sondern der «bessere Athlet».

Das Modell von Marathon-Weltrekordhalter Eliud Kipchoge bei seiner Rekordjagd in Wien. (Foto: Keystone)

Fünf Tage nach diesem Entscheid aber legt Nike bereits mit einer Weiterentwicklung nach. Das Timing ist – dezent formuliert – irritierend. Denn wie von Zauberhand erfüllt der neuste Nike exakt die Vorgaben.

Beispielsweise darf die Sohle von Laufschuhen neu nicht höher als 40 mm sein. Der Alphafly Next% kommt auf 39,5. Auch darf ein Schuh bloss eine zusammenhängende (Karbon-)Platte im Fussbett aufweisen. Und nicht drei übereinanderliegende, wie sie das Modell von Marathon-Weltrekordhalter Eliud Kipchoge bei seinem Sturmlauf unter 2 Stunden hatte. Auf dem nun illegalen Prototyp ist der Alphafly Next% jetzt aufgebaut – mit einer Platte.

Darum zirkulierten jüngst in den sozialen Medien immer wieder Bilder von Coe, wie er als Mittelstreckler einst in Nike-Spikes zu Weltrekorden stürmte. 38 Jahre bezahlte ihn Nike. Gar noch als Präsident bekam er jährlich 100'000 Pfund als Botschafter. Der Brite löste den Deal erst 2015 auf, als ihm der Interessenkonflikt vorgehalten wurde.

Der Verdacht liegt nahe,dass Nike seit langem wusste, wie der Leichtathletikverband entscheiden würde.

Die Causa hat darum im Minimum einen Beigeschmack. Schliesslich kann man nicht innert einer Woche schnell, schnell ein neues Modell kreieren und auf den Markt bringen. Die Vorlaufzeit beträgt Monate bis Jahre. Insofern liegt der Verdacht nahe, dass Nike seit langem wusste, wie der Leichtathletikverband entscheiden würde.

Weil sich die Amerikaner viele Schlüsselpatente gesichert haben, lässt sich ihr Wunderschuh auch nicht rasch nachbauen. Und da ihn Nike zudem bald in einige Läden bringt, erfüllt er eine weitere Regel: Schuhe müssen für vier Monate kommerziell erhältlich sein, bevor sie an den Olympischen Spielen im Juli getragen werden dürfen.

Hinzu kommt: Nike behauptet, dass der Alphafly Next% noch einmal besser als seine Vorgänger sei. Damit wird immer offensichtlicher, dass sich Laufzeiten nie mehr vergleichen lassen. Gerade aber aus dem Vergleich zieht der Traditionssport einen Grossteil seiner Faszination.

Dazu ein Beispiel: Kipchoges Marathon-Weltrekord liegt bei 2:01:39 Stunden. Kenenisa Bekele, der Weltrekordhalter über 5000 m und 10'000 m, kam dieser Zeit bis auf zwei Sekunden nahe – in einem verbesserten Schuh. Kipchoge schaffte seine Zeit 2018, Bekele 2019. Schon diese zwei Leistungen lassen sich, nach allem, was wir mittlerweile wissen, nicht mehr vergleichen.

Nike hat an der grössten Krise des (Elite-)Laufsports zwar Anteil, die Hauptschuldigen sind jedoch die Funktionäre. Erst warteten sie viel zu lange, bis sie auf den Innovationscoup reagierten, dann regelten sie, ohne das Problem zu lösen.

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