Die Spiele werfen ihre Schatten voraus

In einem Jahr beginnen in Tokio die Olympischen Spiele. Das Budget überbordet, und die Hitze wird zur tödlichen Gefahr.

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Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Lauter tolle Nachrichten sind derzeit zu vernehmen. «Tokio Zwei-null-zwei-null», wie die Japaner die Sommerspiele nennen, wird seine Budgets einhalten. Und das befürchtete Verkehrschaos bleibe aus. Das verspricht Tokios Bürgermeisterin Yuriko Koike etwas gar euphorisch.

Die Wettkampfstätten seien fast oder ganz fertig, das skandalgeplagte Nationalstadion stehe im Dezember bereit. Das ist zwar zu spät für die Rugby-WM diesen Herbst, für die es ebenfalls eingeplant war, aber für Olympia lange früh genug – die Spiele beginnen heute in einem Jahr. Und dann die Umweltfragen: Tokio werde durch die Spiele den Verkauf von klimaneutralen Autos ankurbeln und den Plastikmüll um 40 Prozent reduzieren. Und an zweimal zwei Tagen, zur Eröffnungs- und Schlussfeier, werde ganz Olympia CO2-neutral sein.

Schätzungen zufolge kosten die Spiele das Vierfache des Budgets.

Das Wunder, mit dem Tokio den gigantischen Sportanlass der Welt für vier Tage klimaneutral macht, heisst: Emissionshandel. Gemäss Kyoto-Protokoll können reiche Länder armen Staaten Ausstossrechte abkaufen. Dann zählt das CO2 nicht, das sie ausstossen. Die Stadt wird selber keine Emissionsrechte kaufen. Aber sie hat Sponsoren gefunden, die ihr den Ablass spenden. So darf sich Tokio ganz umsonst als Öko-Vorbild feiern.

Olympia ist im Griff der Sponsoren wie nie zuvor. 2012 in London zahlten sie umgerechnet 1,2 Milliarden Franken, in Tokio werden es 3,3 Milliarden sein. Auf die Frage, ob entsprechend mehr Tickets an Unternehmen gehen, gibt es keine Antwort. Die Organisatoren haben mit grossem Tamtam eine Lotterie durchgeführt, an der die Japaner die Rechte gewinnen konnten, teure Eintrittskarten zu kaufen, doch 90 Prozent gingen leer aus.

Ein Verkehrschaos? Kaum

Vor der Vergabe lehnten viele Tokioter die Idee ab, Olympia nach 1964 erneut nach Tokio zu holen. Oder es war ihnen egal. Inzwischen sagen die meisten «shoganai», man kann nichts machen. Und helfen mit. Für 8000 unbezahlte Jobs haben sich 20'000 Freiwillige gemeldet.

Und wenn der G-20-Gipfel im Juni in Osaka ein Beispiel dafür war, wie Japan sich für Grossanlässe rüstet, dann dürfte Bürgermeisterin Koike tatsächlich recht behalten. Dann ist nämlich nicht einmal in Tokio ein Verkehrschaos zu befürchten. Osaka wurde dichtgemacht, alle Stadtautobahnen waren für den Verkehr gesperrt. 32'000 Polizisten aus dem ganzen Land wurden in die Millionenstadt abkommandiert.

In seiner Bewerbung hatte Tokio vernünftige, ökologische und günstige Spiele versprochen. Die meisten Wettkampfstätten seien gebaut, das Nationalstadion von 1964 müsse nur modernisiert werden. Doch kaum hatte Tokio den Zuschlag erhalten, wurde dieses Baudenkmal abgerissen. Es sollte einem Megaprojekt der Stararchitektin Zaha Hadid für bis zu 3,7 Milliarden Franken weichen, das die Leute als «Fahrradhelm» verspotteten. Es gefiel selbst dem Organisationskomitee nicht, doch keiner wagte es, etwas zu sagen. Bis Premier Shinzo Abe es für zu teuer erkärte. Der Architekt Kengo Kuma baut nun für nur eine Milliarde.

Bereits 2009 erkannte Tokio, dass die Hitze ein grosses Problem ist bei Olympia.

Unabhängigen Schätzungen zufolge kosten die Spiele etwa 33 Milliarden Franken, das Vierfache des ursprünglichen Budgets. Japans Rechnungshof rechnet konservativ mit 22 Milliarden. Im Vorjahr fanden seine Inspektoren 284 Ausgabenposten der öffentlichen Hand, die mit Olympia begründet, aber in andern Budgets versteckt wurden.

Der Staat und die Stadt Tokio gaben damals zu, dass sie ihre Budgets von je über 5 Milliarden Franken um mehrere Hundert Millionen überschritten. Jetzt behauptet Koike, dank «verschiedener Ideen» würden die Budgets eingehalten. Zu diesen Ideen gehört, dass Wettkampfstätten in städtische Investitionen für die Zukunft umdefiniert wurden. Damit fallen sie aus dem Budget.

«Zwei-null-zwei-null» sind die vierten Olympischen Spiele in Japan – die Kosten sind jedes Mal explodiert. Und wie 1964 in Tokio, 1972 in Sapporo und 1998 in Nagano gibt es auch jetzt Korruptionsvorwürfe. Dass die Japaner den Zuschlag für Nagano erkauft hatten, gilt als erwiesen. Tsunekazu Takeda, der Präsident des nationalen Olympischen Komitees, musste zurücktreten, weil er Zahlungen an afrikanische Funktionäre vor und nach der Vergabe nicht erklären konnte.

1964 nutzte Tokio Olympia zum Ausbau seiner Infrastruktur, für die Stadtautobahn zum Beispiel. In Sapporo wurde das komplette Verkehrsnetz, das bis heute genutzt wird, für die Winterspiele 1972 gebaut. Aber Tokio ist gebaut. Gefragt, welche nachhaltigen Verbesserungen 2020 Tokio bringen, sagt Koike, die Stadt würde rollstuhlgängiger.

Ein Marathon um 5.30 Uhr?

Mitte Juli geht in Tokio die Regenzeit zu Ende, das Thermometer steigt bis gegen 40 Grad. Die Sonne knallt, die Hitze lässt auch nachts kaum nach. Für Ausdauersportarten ist der Tokioter Sommer höchst ungeeignet. Die Spiele 1964 fanden im Oktober statt. Japans Ärztevereinigung warnte, bei diesen Temperaturen könnte ein Marathon tödlich enden, wenn er nicht um 5.30 Uhr früh gestartet würde.

Um ein Debakel zu vermeiden, werden nun Wasserzerstäuber eingerichtet, ein neu entwickelter Strassenbelag soll die Sonnenwärme abstossen, man pflanzt Bäume entlang der Strecken. Den Zuschauern, die eher gefährdet sind als gut vorbereitete Athleten, will man Sonnenmützen und Fächer abgeben. Für Notfälle werden Hitzschlag-Zelte aufgestellt. Allerdings wird befürchtet, die medizinische Versorgung der Bevölkerung würde dadurch beeinträchtigt.

Schon 2009 ein Geständnis

Die Vorbeugemassnahmen sollten derzeit an Testwettkämpfen geprüft werden. Doch bisher ist der Sommer so kühl wie seit Jahren nicht mehr: Das Testrennen der Radfahrer vor drei Tagen fand bei 20 bis 25 Grad statt. Der Hitzeschutz konnte nicht geprobt werden.

Im Vorjahr waren die Temperaturen auf über 40 Grad gestiegen. Die Organisatoren erklärten es mit dem Klimawandel und taten so, als überrasche sie die Hitze. «Wir haben jetzt erkannt, wie ernst die Bedrohung ist», sagte OK-Chef Toshiro Muto damals. Das war Heuchelei – oder ein Versuch, das Gesicht zu wahren.

In Tokios Bewerbungsunterlagen wurde behauptet, in der Zeit Ende Juli herrschten Temperaturen von 25 bis 29 Grad, also ideale Bedingungen. Jeder wusste, dass auch das nicht stimmte. Bereits 2009, als sich Tokio für die Spiele 2016 bewarb, bekannte Ichiro Kono, der Chef des Bewerbungskomitees, gegenüber dieser Zeitung, die Hitze sei ein grosses Problem.

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