Die Ökonomin auf der Tartanbahn

Petra Fontanive ist eine Art Gegenentwurf zur modernen Spitzenleichtathletin. An der WM hat sich die Langhürdlerin souverän für die heute anstehenden Halbfinals qualifiziert.

Links nach Lehrbuch, rechts im freien Stil: Petra Fontanive und die Amerikanerin Shamier Little meistern die Herausforderung auf unterschiedliche Weise.

Links nach Lehrbuch, rechts im freien Stil: Petra Fontanive und die Amerikanerin Shamier Little meistern die Herausforderung auf unterschiedliche Weise.

(Bild: Keystone)

Schweizer Leichtathleten neigen zum Perfektionismus. Wer den Sprung auf die höchste Ebene vor Augen hat respektive sich dort durchzusetzen gedenkt, ist bestrebt, Ausbildung, Sport und Regeneration so gut wie möglich aufeinander abzustimmen. Die Handlungsweise ist logisch, lassen sich doch die strukturellen Nachteile, welche das Sportlerleben hierzulande mit sich bringt, nicht einfach so wettmachen. Wobei sich auch Ausnahmen finden – wie Petra Fontanive, die Mitte Juli am Meeting in Luzern eine Diamond-League-Gewinnerin hinter sich liess und keine zehn Stunden nach ihrem Triumph wieder im Büro sass.

Die lässige Gruppe

An der WM in London ist Swiss Athletics über 400 Meter Hürden der Frauen gleich mit einem Trio präsent. Léa Sprunger, 27-jährig, wird von einem Profi trainiert, arbeitet zu 30 Prozent in einer Event-Agentur. Yasmin Giger, 17-jährig, absolviert das Sport-KV. Fontanive, 28-jährig, wirkt im 60-Prozent-Pensum als Teamleiterin bei einer Bank. Betreut wird die Ökonomin seit fast einem Jahrzehnt von erwerbstätigen Trainern, die ihr sportliches Engagement als Hobby betrachten. Die Zürcherin lobt die Crew vom TV Unterstrass in den höchsten Tönen, sagt, «wir sind eine lässige Gruppe», die Trainer scheuten keinen Aufwand. Und: «Es gibt keinen Grund, etwas zu ändern.»

Fontanive wäre keine Person von öffentlichem Interesse geworden, hätte sie ihre Karriere nach den Olympischen Spielen in Rio wie vorgesehen beendet. Sie tat es nicht, weil sie spürte, das Potenzial noch nicht ausgeschöpft zu haben. Am Pfingstmontag senkte sie in Basel ihren Bestwert von 56,09 auf 55,12 Sekunden. Eine Woche später kam es in Genf zum Vergleich mit Sprunger, den Fontanive zur Überraschung aller Beteiligten für sich entschied. 54,56 Sekunden benötigte sie für die Runde, innert kürzester Zeit wurde aus der mittelprächtigen Langhürdlerin die Nummer 5 Europas.

Es fällt ihr nicht einfach, den gewaltigen Leistungssprung im relativ hohen Alter zu erklären. Gewiss, die schrittweise erfolgte Reduktion der Arbeitszeit dürfte sich positiv ausgewirkt haben. Wobei der Arbeitgeber nicht begeistert gewesen sei, als sie ihr Bedürfnis vorgetragen habe. «Mittlerweile freuen sich alle, wenn ich gut laufe.» Ansonsten verweist Fontanive auf die Strategie ihrer Trainer, deren Kern darin bestehe, den Körper nicht zu überfordern, dafür permanent ein bisschen besser zu werden. Und sie erwähnt das Selbstvertrauen, welches in der komplexen Disziplin «eine grosse Rolle» spiele.

Die grossen Ferien

In ihrem WM-Vorlauf reiht sie sich als Zweite ein, auf der Ziel­geraden kann sie gar einen Gang rausnehmen. In den heutigen Halbfinals wird die Latte höher liegen – auch für Sprunger, die in ihrer Serie reüssiert. Juniorin Giger bleibt wie erwartet chancenlos; sie kommt nicht annähernd an ihren Bestwert heran.

Hätten andere Athleten mit vergleichbarer Ausgangslage die EM 2018 im Hinterkopf, ist Berlin in Fontanives Gedanken kaum präsent. Nach Rio habe sie beschlossen, Ende 2017 den Punkt zu setzen, stellt sie klar. Und ergänzt, «grosse Ferien» gebucht zu haben, im Dezember keinesfalls trainieren zu können. «Es ist doch schön, auf diesem Niveau aufzuhören.» Wobei sie die Frage, ob der Rücktritt definitiv sei, nicht abschliessend beantworten will. «Alt fühle ich mich nicht.» Ist sie auch nicht. Von jenen vier Europäerinnen, die noch schneller gelaufen sind, ist einzig Landsfrau Sprunger jünger als Fontanive.

Berner Zeitung

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