«Die Natur ist nicht nur hellblau und rosa»

Am Donnerstag beginnt an der WM in London der 800-Meter-Wettkampf der Frauen, seit 2009 wird die Disziplin von der Geschlechterdebatte geprägt. Gender-Forscherin Marianne Meier erklärt, warum der Sport mit diesem Thema überfordert ist.

Jenseits der vom Sport definierten Norm: Der Unterschied zwischen Caster Semenya und ihren Konkurrentinnen ist für jede und jeden ersichtlich.

Jenseits der vom Sport definierten Norm: Der Unterschied zwischen Caster Semenya und ihren Konkurrentinnen ist für jede und jeden ersichtlich.

(Bild: Getty Images)

Auf sportlicher und juristischer Ebene wird der Fall Caster ­Semenya respektive jener der als hyperandrogen bezeichneten 800-Meter-Spezialistinnen kontrovers diskutiert. Wie sieht es aus der Perspektive der ­Geschlechterforschung aus?Marianne Meier: Der Sport kennt zwei Kategorien, Mann und Frau; es handelt sich um ein binäres System. Die Natur ist komplexer, ihre Palette viel breiter; sie lässt sich nicht in die Kästchen männlich und weiblich hineinzwängen.

Der sportliche Wettkampf ­beruht auf Chancengleichheit. Diese ist im Moment, wie das Ergebnis einer vom Weltverband in Auftrag gegebenen ­Studie zeigt, nicht gewährleistet. Was lässt sich dagegen tun?Chancengleichheit ist ein Mythos, eine Wunschvorstellung des Sports. Treten Menschen gegen Menschen an, wird die Ausgangslage nie ganz fair sein. Im Spitzensport geht es um Leistungsmessung und viel Geld, eine Kategorisierung ist legitim und nötig. Aber man sollte das grosse Ganze sowie die Grenzen von Kategorien im Blick behalten.

Wie sieht das grosse Ganze aus?Im Fall der hyperandrogenen Frauen wird der Testosteronwert als einziger Indikator herangezogen. Dieser ist aber nur einer von vielen möglichen Wettbewerbsvorteilen. Die Körpergrösse ist ein anderer, die Herkunft ebenfalls. Menschen, die beispielsweise in gewissen Regionen Kenias aufgewachsen sind, haben ihre Kindheit sozusagen im Höhentrainingslager verbracht . . .

. . . wobei sich der Vorteil mit Höhentraining wettmachen lässt . . .. . . sofern die finanziellen Mittel vorhanden sind. Und das Geld stellt wiederum ungleiche Vor­aussetzungen dar. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Usain Bolt wurde von Kopf bis Fuss vermessen, sein Körper für den Sprint als perfekt beschrieben. Hat danach jemand behauptet, die Chancengleichheit sei nicht mehr gewährleistet, weil Bolt anatomische Vorteile habe? Bei Themen wie Geschlecht oder Sexualität hingegen ist der Aufschrei gross, da wird sofort sanktioniert.

Liegt das in der Natur des ­Menschen?Womöglich schon, weil es bei solchen Themen Berührungsängste gibt. Es sind mehrere Faktoren, die das «Geschlecht» definieren. Es gibt unter anderem die äusseren Genitalien, die inneren Fortpflanzungsorgane, den Phänotyp, die Hormone, die Geschlechtsidentität. Der Sport pickt sich einfach einen Aspekt heraus. Früher waren es die Chromosomen, heute ist es der Testosteronwert. Und der Sport behandelt auch nicht alle Menschen gleich.

Inwiefern?Bei Männern wird der Wert nicht gemessen, obwohl es Männer gibt, die gemäss Testosteronwert gar keine Männer sind. Dabei würde sich, wenn man weiterdenkt, die Frage aufdrängen, ob diese Männer in Sportarten wie Eiskunstlaufen, in denen es auch um Eleganz und Ästhetik geht, bei den Männern starten dürften.

Ist der Sport mit dieser Thematik überfordert?Die Überforderung hat mit dem krampfhaften Festhalten am erwähnten Kästchensystem zu tun. Die Normen des Sports basieren auf einem entsprechenden Menschenbild. Weicht jemand von der gängigen Norm ab, fehlt ein angemessenes Vokabular.

Können Sie Beispiele nennen?Den Funktionär der IAAF (Weltverband, die Red.), welcher öffentlich sagte, Semenya sei eine Frau, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent. Diese Aussage ist unprofessionell, respektlos und ehrverletzend. Den Olympiafinal über 800 Meter in Rio habe ich live am Fernsehen verfolgt. Der Reporter wusste kaum, wie er sich ausdrücken sollte. Er versuchte, politisch korrekt zu bleiben, wirkte dabei aber irritiert und unbeholfen, schon fast hilflos.

Wird die Menschenwürde in dieser Debatte oft angetastet?Ja, viele Aussagen tangieren die Privatsphäre, das Persönlichkeitsrecht, teilweise sogar die Menschenrechte. Wenn die Vierte eines Rennens sagt, sie sei die schnellste Frau gewesen, bewegt sie sich jenseits des Grenzbereichs. Auch Martina Hingis liess sich einst zu einer despektierlichen Aussage hinreissen.

Sie meinen die Äusserung über Gegnerin Amélie Mauresmo?Hingis bezeichnete die französische Spielerin als «halben Mann». Der Frust über die Muskeln auf der anderen Seite des Netzes mag nachvollziehbar sein. Aber legitimiert dieser eine rücksichtslose Verbalattacke? Weil Mauresmo gewissen weiblichen Klischees nicht entspricht und von der gesellschaftlich konstruierten Norm abweicht, muss sie nicht gleich ein Mann sein. Die Natur ist nicht nur hellblau und rosa, sondern viel bunter.

Anzunehmen ist, dass die IAAF den Testosterongrenzwert wieder einführen wird, nachdem die von ihr in Auftrag gegebene Studie den Nachweis des Vorteils für gewisse Disziplinen erbracht hat. Semenya müsste in diesem Fall wieder Medikamente einnehmen, damit sie bei den Frauen starten dürfte. Was würde danach geschehen?Nach einer Übergangsphase dürfte es erneut Klagen geben, weil sich nur Frauen testen lassen müssen. Es könnte zu Prozessen wegen Körperverletzung bei der Arbeit kommen. Profis, die Medikamente schlucken müssen, um ihren Beruf ausüben zu können – das ist gutes Futter für die Anwaltskanzleien. Aber wirklich ­lösen lässt sich das Problem auf juristischem Weg nicht.

Der Umkehrschluss wäre gewissermassen, dass sich all jene Frauen, deren Testosteronwert sich im herkömmlichen Bereich bewegt, dopen dürften . . .. . . was einer Horrorvorstellung gleichkäme, dann wären wir wieder so weit wie in der DDR. Solche Probleme lassen sich nur mit ­gesundem Menschenverstand ­lösen, aber der lässt im Sport manchmal zu wünschen übrig. Nehmen wir die Transfersummen im Fussball, das geht ins Absurde hinein. Die Schwinger hingegen sind ein positives Beispiel.

In welcher Hinsicht?Im Ringen gibt es zig Gewichtsklassen, im Schwingen nicht. Da tritt der Hüne Stucki gegen einen viel leichteren Athleten an, ohne dass sich dieser beschweren würde. Von Chancengleichheit kann nicht im Ansatz die Rede sein, aber ich glaube, genau das macht die Faszination der Sportart aus. Die Frage ist: Gelingt es dem Kleinen, den Grossen zu überlisten?

Wäre die Einführung einer dritten Kategorie – neben Männern und Frauen – eine Option?Nein, dadurch würden die Betroffenen unnötig stigmatisiert und abgestempelt. Im schlimmsten Fall würden sie quasi als «Aliens» betrachtet, und das Fernsehen würde ihre Wettkämpfe nicht zeigen. Die dritte Kategorie könnte einem Aspekt der Chancengleichheit ein bisschen näherkommen, aber die restlichen Folgen wären unzumutbar.

Was sehen Sie sonst für­ ­Lösungsansätze?Die grossen Sportverbände sind sich gewohnt, Richtlinien im Alleingang festzulegen – oft nur auf den eigenen Profit bedacht. So wird Olympia nach Russland und die Fussball-WM nach Katar vergeben. Die eigene Charta respektive die eigenen Statuten, die sich explizit gegen Menschenrechtsverletzungen aussprechen, werden einfach ignoriert. Sportverbände müssten sich eingestehen, mit der Umsetzung gewisser ­Themen überfordert zu sein.

Und dann?Es sollten Fachpersonen, Betroffene, Regierungen, Menschenrechtsorganisationen und Sponsoringvertreter beigezogen werden, damit am runden Tisch nach Lösungen gesucht werden kann.

Ist das realistisch?Ich habe den Eindruck, den Verbänden fällt ein Zacken aus der Krone, wenn sie die Regeln nicht mehr allein festlegen können. Langfristig wären konsultative Verfahren für die Verbände gar förderlich. Mehr Transparenz und Bescheidenheit würde ihnen mehr Glaubwürdigkeit verleihen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt