Die einzigartige Mrs. Flanagan

Shalane Flanagan ist Bestseller-Autorin, Pflegemutter, Mentorin und Favoritin am Boston Marathon vom Montag. Es macht die 36-jährige Amerikanerin fast zur Mrs. Perfect.

Der Sieg am New York Marathon hat Shalane Flanagan in den USA bekannt gemacht – immer mehr begegnen ihrer speziellen Geschichte. Foto: Getty Images

Der Sieg am New York Marathon hat Shalane Flanagan in den USA bekannt gemacht – immer mehr begegnen ihrer speziellen Geschichte. Foto: Getty Images

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Wenn ein Apfel nicht weit vom Stamm fällt, ist Shalane Flanagan so etwas wie das Idealbeispiel dafür. Mutter Cheryl: Weltrekordhalterin und Pionierin im Marathon. Vater Steve: einer der besten amerikanischen Marathonläufer seiner Zeit. Tochter Shalane: im vergangenen Jahr erste US-Siegerin am New-York-­Marathon seit 40 Jahren. Die 1,65 m kleine und 48 kg leichte Langstreckenläuferin ist in einem Sport der zahlreichen Langzeitverletzten darüber hinaus eine fast schon singuläre Erscheinung für Langlebigkeit.

Ab den Olympischen Spielen 2004 in Athen bis zu den Spielen 2016 in Rio qualifizierte sie sich für jeden Gross­anlass, schien also herausgefunden zu haben, wie man sich trotz 190 Laufkilometern die Woche und zwei Trainings am Tag nicht verletzt. Darum wird Flanagan am Montag im relativ ­hohen ­Athletinnenalter von 36 Jahren auch am Start des Boston Marathon stehen. Es dürfte ihr letztes Rennen sein. Sie will es mit Stil und einem Sieg zelebrieren.

Dass es Flanagan als erste Marathonläuferin in die prestigeträchtigen «60 Minutes» von CBS brachte, einem der ­renommiertesten Hintergrund-TV-­Magazine der USA, verdeutlicht ihre ­herausragende Stellung in diesem Sport. Durchschnittliche Amerikaner nehmen ihn maximal während Olympischer Spiele wahr. Doch Flanagan kann mehr bieten als schnelle Beine.

Passionierte Köchin

Der gemeine Ausdauer-Spitzenathlet verbringt seine Tage mit Schlafen, Trainieren und Essen. Es ist ein eher dröges Leben. Flanagan aber hat in den letzten Jahren gezeigt, dass diese selbstbezogen-asketische Lebensweise keineswegs nötig ist, will man erfolgreich sein.

Denn Flanagan ist auch Bestseller-­Autorin, Pflegemutter und Mentorin ­anderer Athletinnen. Um Missverständnisse zu verhindern: Flanagan ist extrem ehrgeizig und zielstrebig. Sie pflegt um 5.30 Uhr aufzustehen, also früh am Morgen ihr erstes Training zu absolvieren, und nach Massage/Physio sowie Nickerchen das zweite Training anzugehen. In der unmittelbaren Marathonvorbereitung, die rund drei Monate dauert, verzichtet sie auf Süsses. Sie kennt die ­fokussierte Welt des Elitesports bestens.

Trotzdem hat sie es verstanden, ihren Lebensradius zu erweitern. Dafür musste sie allerdings älter und reifer werden. Die Nicht-Sportwelt in den USA dankt es ihr mit enormer Aufmerksamkeit, primär seit ihrem Sieg in New York im November. Selbst der prominente TV-Satiriker Stephen Colbert klopfte an. Flanagan lehnte ab. Vor Boston hat sie nur Boston im Kopf.

Im Frauenmarathon ist selten, was für Flanagan selbstverständlich ist: Konkurrentinnen fördern und von ihnen profitieren.

Also muss man sich der Grazilen ­dieser Tage auf einem anderen Weg ­nähern. Beispielsweise übers Kochen. Vor zwei Jahren gab die passionierte ­Köchin mit ihrer Ernährungsberaterin und früheren Trainingskollegin Elyse Kopecky ein Buch heraus. Es wurde zum «New York Times»-Bestseller. Das zweite Buch ist in Arbeit.

Typisch für Flanagan ist dabei der Umgang mit Fett oder Zucker: Während mancher Spitzenathlet ums Essen ein Riesentamtam aufführt, isst Flanagan fast alles – von den erwähnten kurzen Spezialphasen vor einem Marathon abgesehen. Einseitige Diäten findet sie unsinnig, weil sie ohnehin nie brächten, was sie versprechen würden. Im Buch haben sie und ihre Mitautorin darauf verzichtet, Kalorienangaben oder Ähnliches neben die Rezepte zu schreiben. Essen als reine Nahrungsaufnahme finden sie doof. Darum kocht sich Flanagan, die mit einem früheren Läufer nationaler Klasse verheiratet ist, das Essen für die kommende Woche jeweils sonntags vor – und kann sich so schnell und gesund verpflegen.

Ihre besondere Lebensweise für eine Topathletin zeigt sich auch an ihrer Rolle als Pflegemutter zweier Teenager. Die Flanagans liessen auf Initiative von Shalane im Sommer 2016 Zwillingsmädchen bei sich in Portland einziehen. Diese waren ohne Eltern in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Flanagan, die wegen ihrer Laufbahn das Kinderkriegen hinauszögert, entwickelte sich darum nach ihrem sechsten Rang an den Olympischen Spielen von Rio zu einer mütterlichen Beraterin. Mittlerweile sind die jungen Frauen flügge geworden, was Flanagan so richtig emotional werden lässt. Darum ist absehbar, dass die Möchtegernmutter nach ihrem baldigen Rücktritt wohl selber für Nachwuchs sorgen wird.

Mittlerweile sind die jungen Frauen flügge geworden, was Flanagan so richtig emotional werden lässt.

Dass Flanagan intern der Ruf einer «Mama» anhaftet, hängt mit ihrem Selbstverständnis als Sportlerin zusammen. Vor neun Jahren zog sie nach Portland zu Jerry Schumacher, einem Startrainer von Nike. Schumacher hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie eine Frau trainiert, Flanagan aber konnte ihn überzeugen, endlich damit anzufangen.

Trainierte sie zu Beginn in einer Männergruppe, konnte sie mit den Jahren eine Athletin nach der anderen integrieren. Die Bilanz: Sieben weitere Läuferinnen ihres Teams qualifizierten sich über verschiedene Distanzen für die Olympischen Spiele 2016.

Aussergewöhnlicher Dank

Flanagan übernahm für diese oft jüngeren Frauen den Part der Mentorin und sorgte gleichzeitig für starke Konkurrentinnen im Trainingsalltag. Davon profitiert sie schliesslich. Ihre Erfolge der letzten Jahre sind auch auf dieses hohe Niveau im täglichen Schaffen zurück­zuführen.

Die Mitstreiterinnen danken es ihr auf teilweise ungewöhnliche Art. Als Flanagan vor zwei Jahren an den Trials für die Olympischen Spiele wegen einer Schwächephase aus den Top 3 zu fallen drohte – und damit ihren Platz für Rio entschwinden sah –, peitschte Teamkollegin Amy Cragg sie durch die finalen Kilometer. Cragg, die sich ursprünglich mit Flanagan vom Rest hatte absetzen können, verlangsamte ihr Tempo und sorgte auch mit stetem Zuspruch dafür, dass Flanagan diesen rettenden dritten Rang erreichte. In Rio war Flanagan dann die beste Amerikanerin und zweitschnellste Nicht-Afrikanerin.

Was für Flanagan selbstverständlich ist – Konkurrentinnen zu fördern und ­damit von ihnen zu profitieren –, ist im Frauenmarathon extrem selten. Normalerweise trainieren die weltbesten Athletinnen in Männergruppen oder ­alleine. Flanagan denkt in grösseren Zusammenhängen: Ihre Kolleginnen haben ihr auch über ihre schwierigste sportliche Phase geholfen und den Wiedereinstieg erleichtert.

Erholsame Zäsur

Im Winter 2016/17 verletzte sie sich zum ersten Mal und gleich schwer. Die Ärzte diagnostizierten einen Ermüdungsbruch am Beckenkamm. Zehn Wochen musste sie aufs Laufen verzichten. Nach einer kurzen Phase der Trübsal verreiste sie mit Mann und Pflegetöchtern in die Ferien, ihren ersten nach vielen Jahren. Mittlerweile sagt sie, diese Zäsur habe sie erst zur Siegläuferin gemacht, weil sie aus dem Hamsterrad des Spitzensports einmal so richtig habe aus­brechen und sich erholen können. Zehn Monate später gewann sie New York.

Im Vorfeld hatte der US-Marathon ­bereits einen anderen grossen Erfolg ­gefeiert. Galen Rupp siegte im Oktober in Chicago. Er wird vom Startrainer ­Alberto Salazar trainiert. Das Duo wird seit längerem von der US-Anti-Doping-Agentur kritisch beäugt, ohne dass es zu überführen wäre. Flanagan kommentierte nach Rupps Sieg, als «Fan des Sports» könne sie wegen der an­haltenden Situation um die beiden nicht euphorisch sein, ja man müsse diese Leistungen hinterfragen. Solch klare Worte einer Athletin ihres Formats gegenüber einem Landsmann gleichen Kalibers sind im Elitesport enorm selten. Sie haben ihr ohnehin schon klares Profil akzentuiert und offenbaren: ­Shalane Flanagan ist ein Glücksfall für den Sport.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2018, 16:57 Uhr

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